Die Internet-Verwaltung ICANN (Internet Corporation for Assigned Names and Numbers) bietet neue Domain-Endungen an. Künftig sind auch Online-Adressen, die mit Städte- oder Firmennamen enden, möglich. Bis Mitte April können sich Unternehmen oder Städte um neue Adressen bewerben. Alle Anträge sollen bis November geprüft werden. In knapp einem Jahr schließlich könnten die neuen Generic Top Level Domains erstmals eingesetzt werden.

Weltweit existieren bereits fast hundert Millionen .com-Adressen. Die Summe aller Top Level Domains mit der Endung .de liegt mittlerweile bei fast 15 Millionen. Allmählich werden die begehrten Domain-Namen knapp. Bereits 2000 und 2004 hatte die Internet Corporation for Assigned Names and Numbers insgesamt 14 zusätzliche Top-Level-Domains (TLD) freigeschaltet. Endungen wie .aero, .coop oder .museum aber stießen nur auf geringes Interesse und spielen international bis heute kaum eine Rolle.

Bereits vor mehr als sechs Jahren begann die ICANN im kalifornischen Marina del Rey mit ihren Planungen für eine Erweiterung des Systems der Online-Adressen, zu dem derzeit 272 unterschiedliche Domains zählen. Bislang dominieren außer der Endung .com vor allem länderspezifische Domains. Mit den neuen Firmen- oder Städte-Adressen soll das anders werden. Sie gelten vor allem aus Gründen desMarketings als attraktiver.

Freischaltung vielleicht schon Ende 2012

„Heute haben wir Geschichte geschrieben“, sagte ICANN-Präsident Rod Beckstrom am 20. Juni 2011, nachdem sich das Board of Directors der privatrechtlichen Non-Profit-Organisation in Singapur mit nur zwei Enthaltungen und einer Gegenstimme für das neue System entschieden hatte. Seit dem 12. Januar können sich inzwischen Unternehmen und Organisationen um eine der neuen Domains bewerben. Privatpersonen dürfen an dem Verfahren nicht teilnehmen.

Ende des Jahres sollen schließlich die ersten der neuen TLD in Betrieb gehen, wobei erstmals auch andere Schriftzeichen als die lateinischen zugelassen werden. Alle neuen Domain-Endungen müssen aus mindestens drei Zeichen bestehen. 26 Jahre nach dem Beginn des „dotcom“-Zeitalters bieten sich in der Online-Welt demnächst also neue Chancen für die Markenbildung, wenn etwa Firmen, Branchen oder Regionen den eigenen Namen noch besser in neue Web-Adressen integrieren können.

Nordrhein-Westfalen mit eigener Bewerbung

Die nordrhein-westfälische Landesregierung hat bereits Ende vergangenen Jahres beschlossen, sich um die Endung .nrw zu bewerben. Durch einen Wettbewerb soll ein Unternehmen gefunden werden, das sich um die Bewerbung kümmert, die Kosten dafür und später auch die Vermarktung übernimmt. „Ein wesentlicher Aspekt für unsere Entscheidung wird sein, dass der künftige Betreiber dem Land umfangreiche Mitsprachemöglichkeiten einräumt und jede missbräuchliche Verwendung des Kürzels unterbindet“, erklärte Innenminister Ralf Jäger Mitte November 2011 in einer Pressemitteilung.

Billig sind die neuen Domains nicht. Allein die Bewerbungsgebühr beträgt 185.000 US-Dollar (ca. 140.000 Euro). Der deutsche Branchenverband Bitkom rechnet mit weiteren Kosten in dreistelliger Millionenhöhe für Rechtsberatung, Technik und Projektmanagement (ca. 500.000 Euro) sowie etwa 200.000 Euro, die jährlich für den laufenden Betrieb einkalkuliert werden müssen. Die wichtigsten Informationen zum Bewerbungsverfahren, dessen Frist am 12. April endet, hat die ICANN unter der Überschrift Frequently Asked Questions ins Netz gestellt. Ende April werden alle TLD-Wünsche der Bewerber veröffentlicht. Dann können Dritte bei der ICANN Widerspruch einlegen, wenn sie eigene Markenrechte durch bestimmte Domain-Namen beeinträchtigt sehen. Streiten sich mehrere Bewerber um eine Online-Adresse, könnte es sogar zu Versteigerungen kommen.

Kommunen scheuen Kosten-Risiko

Angesichts der relativ hohen Kosten halten sich die meisten deutschen Regionen und Städte mit ihren Bewerbungen noch zurück. Nur in wenigen Großstädten wie Köln oder Berlin haben die zuständigen Gremien bislang grünes Licht gegeben. Dort werden nun Kooperationspartner gesucht, um die hoch verschuldeten kommunalen Haushalte nicht zu belasten. Selbst „reiche“ Städte wie etwa Düsseldorf zeigen bislang wenig Interesse an einer eigenen Domain und geben ihr Geld offenbar lieber für andere Zwecke aus. Vielen scheinen die Kosten und Risiken derzeit einfach höher als die Chancen. So erhalten die Bewerber beispielsweise auch nur einen Teil (maximal 148.000 US-Dollar) der Bewerbungsgebühr zurück, sollte ihr Antrag abgelehnt werden. Um Konflikte beizulegen, falls sich mehrere Institutionen oder Firmen um dieselbe Domain bemühen, hat die ICANN die Einrichtung einer Klärungsstelle (Trademark Clearinghouse) versprochen.

Wer den Zuschlag für eine neue TLD erhält, darf anschließend alle Online-Adressen vergeben, die mit der jeweiligen Domain enden. So sollen nach Plänen des Landesinnenministeriums künftig außer der nordrhein-westfälischen Landesregierung und -verwaltung auch Bürger und Unternehmen die neue Internetkennung .nrw nutzen dürfen.

Kampf um Second Level Domains

Die Vergabe der Second Level Domains, also der Internetadressen vor dem TLD-Punkt, regelt generell der TLD-Inhaber. Dies dürfte künftig vor allem bei den Branchen-TLD die Preise in die Höhe treiben. Schließlich werden etwa Top Level Domains wie .reise die Begehrlichkeit vieler Anbieter von Touristikangeboten wecken. Second Level Domains wie mallorca oder flug könnten nämlich schnell begehrte Online-Adresse wie mallorca.reise oder flug.reise ermöglichen. Juristen rechnen deshalb mit rechtlichen Problemen. Eine geschickt gewählte Internetadresse ist bares Geld wert. Neu aber sind solche Phänomene nicht. So kassierte der kleine Inselstaat Tuvalu auch in der Vergangenheit schon bis zu 100.000 US-Dollar für Online-Adressen wie „free.tv“ oder „net.tv“. Die neue Branchen-Domain .television könnte Tuvalu nun allerdings die Preise verderben.

Matthias Kurp

Übersicht der Toplevel Domains in Millionen. Quelle: DENIC.de

01.02.2012 | Beitrag erstellt von redaktion in digital
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