04.08.2011 | Beitrag erstellt von in digital,publishing

Der Abhörskandal rund um das am 10. Juli eingestellte Boulevardblatt News of the World zieht immer weitere Kreise: Rupert Murdochs Zeitungsjournalisten sollen nicht nur tausende Telefone von Prominenten und Privatleuten abgehört, sondern mit Hilfe von Trojaner-E-Mails auch Computer gehackt und ausspioniert haben. Einen entsprechenden Verdacht auf Online-Spionage hat die Londoner Polizei bestätigt. Scotland Yard habe deshalb eine weitere Sondereinheit gebildet.
Die Familie Murdoch hält knapp vierzig Prozent der Stimmrechte an der 1980 von Rupert Murdoch gegründeten News Corporation. Der achtzig Jahre alte Medien-Tycoon war noch nie zimperlich in der Wahl seiner Mittel, wenn es darum ging, den von ihm gelenkten Medienkonzern (Jahresumsatz 2010: 24,7 Mrd. Euro) noch größer zu machen: Um in Asien seinen TV-Sender Star TV zu etablieren und in China auch ins Kabelnetz einspeisen zu können, machte er beispielsweise autokratischen Machthabern gegenüber Zugeständnisse.
Murdoch, dessen TV-Programme inzwischen per Kabel und Satellit von etwa drei Viertel der Menschheit empfangen werden können, hält, wenn es ums Geschäft geht, wenig von Demokratie. Medienfreiheit begreift er meist nur als Recht, um mit Medien Geld zu verdienen. Der konservative Patriarch achtet streng darauf, dass die Inhalte seiner Zeitungen und TV-Kanäle – darunter das Wall Street Journal, The Times und The Sun ebenso wie Fox und die Pay-TV-Senderfamilie Sky – seiner Weltanschauung entsprechen.
Enger Kontakt zur Politik
Um Mitte der 80er-Jahre das Filmstudio 20th Century Fox übernehmen und das TV-Network Fox aufbauen zu können, wurde Murdoch 1985 kurzerhand amerikanischer Staatsbürger. In Großbritannien reagierte er ein Jahr später auf die Streiks bei seinen Zeitungen mit Entlassungen, von denen schließlich etwa 5.000 Drucker betroffen waren.
Wo Murdoch wirtschaftlich aktiv wird, pflegt er stets die Nähe von Regierungschefs, um seine politischen wie wirtschaftlichen Interessen durchzusetzen. So trat er 1998 nach der Übernahme von Vox auch beim Medienforum.NRW auf und bemühte sich damals um gute Kontakte zur nordrhein-westfälischen Landesregierung und auch zum ehemaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder. Während Murdochs Engagement in Deutschland – er scheiterte bei Premiere und Vox – zunächst wenig erfolgreich war, galt der Medienmogul in London drei Jahrzehnte lang als Königsmacher. Dies galt insbesondere für die Premierminister Margaret Thatcher, Tony Blair und zuletzt David Cameron, der eingestehen musste, sich mit Murdoch binnen 15 Monaten gleich 26 Mal getroffen zu haben.
Mailbox eines Mordopfers manipuliert
Verantwortlich für das britische Zeitungsgeschäft ist Murdochs Sohn James, der wie sein Vater vor den britischen Parlamentsausschuss zitiert wurde. Dort mussten sich beide für ein beispielloses Vorgehen verantworten: Mitarbeiter der 1843 gegründeten und 1969 von Murdoch übernommenen Sonntagszeitung News of the World sollen jahrelang Mobilfunk-Mailboxen abgehört haben. Betroffen waren prominente Stars und Politiker, aber auch Eltern von in Afghanistan gestorbenen Soldaten und die Familie eines 13-jährigen Mädchens, das 2002 ermordet worden war. Im Fall der lange vermissten Schülerin hatten Journalisten von News oft he World sogar Nachrichten auf der Mailbox des Mordopfers gelöscht, um Speicherplatz für neue zu schaffen. Vor allem dieser Fall löste in Großbritannien eine öffentliche Empörung aus, welche die Behörden endlich zu einer umfassenden Aufklärung des Murdoch-Skandals zwang.
Sollte sich der Verdacht erhärten, dass zusätzlich zum Abhören von Telefonaten auch heimlich fremde E-Mails gelesen wurden, entpuppt sich der Medientycoon als gefährlicher Big Brother. Sogar der Computer eines ehemaligen Geheimagenten wurde offenbar überwacht. In den USA sind deshalb Mitarbeiter der zur News Corporation gehörenden Zeitung New York Post angewiesen worden, Hinweise auf illegale Abhörpraktiken aufzubewahren. In London allerdings wurden offenbar bereits tausende E-Mails von Murdoch-Journalisten bei einer umfangreichen Löschaktion vernichtet.
Kooperation und Korruption
Vor dem britischen Parlament versuchte Premierminister Cameron das enge Verhältnis zwischen Regierung und Murdoch zu verschleiern, indem er beteuerte, es habe Gespräche gegeben, aber „niemals unangemessene“. Tatsächlich aber trieb die Furcht vor Murdochs Medienmacht viele britische Politiker zu „freiwilliger“ Kooperation und ohnmächtiger Angststarre. Fast scheint es, als habe die mächtige News Corporation wichtige Regierungsstellen zusätzlich systemtisch mit eigenen Agenten unterwandert. Der ehemalige News-of-the-World-Chefredakteur Andrew Coulson arbeitete als Regierungssprecher, bis er Anfang des Jahres zurücktreten musste, als herauskam, dass unter seiner Verantwortung Prinz Williams Handy angezapft worden war.
Hatte vor vier Jahren noch ein leitender Mitarbeiter von Murdochs britischem Zeitungsgeschäft dem Parlament versichert, nur ein einzelner skrupelloser Reporter und ein Privatdetektiv hätten in wenigen Fällen eine Telefon-Schnüffelei organisiert, fand die Polizei inzwischen die Namen von 4.000 möglichen Opfern, deren Anrufbeantworter abgehört worden sein sollen. Dass die Ermittler lange kaum aktiv wurden, verwundert kaum. Schließlich machen selbst bei Scotland Yard Männer Pressearbeit, die zuvor Murdoch gedient hatten. Außerdem sollen hohe Polizeioffiziere bestochen worden sein.
Konservative Propagandamaschine
Abgehörte Prominente erhielten zur Vertuschung der Affäre Schweigegelder (insgesamt 1,2 MillionenEuro). Meist aber wurden Stars ganz einfach unter Druck gesetzt. Journalisten von Murdochs britischem Zeitungskonzern News International, der fast vierzig Prozent der Auflage aller überregionalen Zeitungen des Landes herausgibt, sollen Politikern mit Dossiers gedroht haben, die Geheimes dokumentierten. Dieser Stil ruppiger Boulevardreporter verhalf ihnen zu ungeheurem Einfluss und zwang Parlamentsabgeordnete dazu, Macht abzugeben. Die Symbiose aus Politik und Medien weist in London auf einen gefährlichen Systemfehler hin: Wenn die sogenannte vierte Gewalt die Institutionen der übrigen drei Gewalten – also Regierung, Parlament und Polizei/Gerichtswesen – unterwandert, fehlt in der Demokratie eine wichtige Kontrollinstanz.
In den USA, wo inzwischen die Bundespolizei FBI ermittelt, ob auch Mobiltelefone der Opfer der Terroranschläge vom 11. September 2001 abgehört wurden, war Murdochs Macht ähnlich groß wie in Großbritannien. Der konservative News-Kanal Fox macht Stimmung zugunsten von Tea Party und Republikanern. Tendenziös berichtete auch das Wall Street Journal, als es vor zwei Wochen die Kritik an Murdochs Machenschaften in Großbritannien als Angriff auf die Pressefreiheit umdeutete. Redaktionelle Unabhängigkeit wurde bei der News Corporation nur allzu willfährig einem Kampagnen- und Boulevard-Journalismus geopfert. So mutierte ein Medienunternehmen zur Propagandamaschine. Genau das aber hat der Skandal in Großbritannien nun für die gesamte Öffentlichkeit deutlich gemacht. Die Folge: Konzern und Politiker befinden sich mittlerweile in einer gefährlichen Glaubwürdigkeitskrise.
Wettbewerb als Korrektiv
In Deutschland klagen zwar Kritiker über ähnliche Erosionsprozesse und eine zu große Nähe von Journalisten und Medienmanagern zu prominenten Politikern. Allerdings sorgt der Wettbewerb mehrerer großer Medienkonzerne (noch?) für eine größere Transparenz. So enthüllte etwa im Frühjahr das Magazin stern (Gruner + Jahr) die Versuche der Zeitschrift Die Bunte (Burda), Politiker und ihr Liebesleben bespitzeln zu lassen. Auf den Boulevard-Journalismus der Bild-Zeitung reagierte das Magazin Der Spiegel Ende Februar mit einer kritischen Titelgeschichte (Die Brandstifter). So kontrollieren sich Medien im Idealfall gegenseitig. Solche Beispiele zeigen die große Bedeutung von publizistischem Wettbewerb und Pluralismus – und die Gefahren von Medienkonzentration für die Demokratie.
Dr. Matthias Kurp
04.08.2011 | Beitrag erstellt von in digital,publishing
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