09.05.2011 | Beitrag erstellt von in digital
Mobile Media // „Guck mal, es läuft schon“
Das mobile Internet ist seinen Kinderschuhen entwachsen und auf dem Weg, erwachsen zu werden. Moderne Smartphones und Tablet-PCs sowie größere Übertragungskapazitäten ermöglichen völlig neue Anwendungen. Augmented Reality und Cloud Services geben der Branche Anreize für weitere Innovationen.
Jahrelang war und blieb das mobile Internet nichts als ein Versprechen: „The next big thing.“ Oder wie Musiker sagen würden: „Big in Japan.“ Was in diesem besonderen Fall sogar der Wahrheit entsprach. In Japan und anderen asiatischen Ländern war die mobile Nutzung des Internets längst ein Massenphänomen, als sich in Europa und den USA allenfalls bekennende Nerds und andere Besessene mit ihrem Handy ins Internet wagten. Und das blieb auch so, bis „His Steveness“ Jobs mit einem Schlag beziehungsweise dem iPhone die mobile Internetnutzung zu einem hippen Lifestyle-Statement machte. Wer das elegante „JesusPhone“ lässig bediente, war cool, wer den eben noch als Statussymbol verehrten Blackberry zückte, hoffnungslos abgehängt und out.
Nur wenig später betrat auch Google die mobile Bühne. Begleitet vom (damals noch) „offenen“ Betriebssystem Android. Zumindest Letzteres wurde erwartungsfroh bejubelt. Jedenfalls so lange, bis die leidvolle Entdeckung der zahlreichen Haken und Bugs die tägliche Nutzung zur Liebhaber-Veranstaltung oder wahlweise zum technophilen Credo machten. Als aber Eric Schmidt beim Mobile World Congress 2010 in Barcelona Googles neues Mantra „Mobile First!“ verkündete, wusste die Gemeinde, was die Stunde geschlagen hatte: Die Zeit der Blüte des mobilen Internets war endlich gekommen.
Glaubenskrieg der Systeme
Inzwischen hat der unvermeidbare Kampf um die Vorherrschaft in diesem so viel versprechenden Bereich der globalen Telekommunikation längst begonnen. Wie zuvor schon in der PC-Ära entwickelte sich der Kampf der (Betriebs-)Systeme flugs zum heiligen Glaubenskrieg. Aus Apple gegen Google wurden die Kontroversen „geschlossen“ gegen „offen“, Sicherheit gegen Dynamik, Bequemlichkeit gegen den Spaß am Abenteuer – und was der Glaubensbekenntnisse mehr sein mochten.
Längst hat sich ein Kampf der Giganten entwickelt, gegen den selbst eine Weltmeisterschaft im Schwergewicht wie ein lustiger Ringelpietz wirkt. Seitdem wird jedes Update eines der Betriebssysteme, jede neue Funktion und jedes zusätzliche Megabyte an Speicher bei einem der Recken von einem medialen Getöse begleitet, das ansonsten bei technischen Themen unvorstellbar wäre. Kein Wunder, dass bei all dem Krach für die ehemaligen Champions von Nokia bis Blackberry, von Microsoft bis Palm kein Platz im Rampenlicht übrig blieb. Alle Scheinwerfer und Kameras waren und blieben auf die beiden Kontrahenten im Hauptkampf um den Meister aller mobilen Klassen gerichtet.
Nokia mochte noch immer die meisten Mobiltelefone weltweit verkaufen – wenn auch vor allem in den Märkten der Schwellenländer, die nach einfachen und billigen Geräten hungerten. „Aber zu welchem Preis?“, fragten sich nicht nur Börsianer, sondern zunehmend auch die Kunden. Und Microsoft mochte es sogar gelingen, zum ersten Mal in der Geschichte des Unternehmens in Gestalt von Windows Phone 7 ein (mobiles) Betriebssystem herauszubringen, das erfrischend anders anmutete als alle anderen auf dem Markt. Ein knapper, anerkennender Applaus von der Pressetribüne war alles. Die Aufmerksamkeit von Märkten und Kunden blieb allein auf Apple und Google, auf die Betriebssysteme iOS und Android konzentriert. Dies galt zumindest, bis die beiden alten Recken Nokia und Microsoft mit einem verzweifelt wirkenden Befreiungsschlag ein neues Bündnis schmiedeten.
Neue Mobilfunkallianz
War nicht auch Motorola mit Android die Wiederauferstehung von den bereits Totgesagten gelungen? Also könnten doch, so das offensichtliche Kalkül, auch Nokias Handys mittels Microsofts Windows Phone 7 eine veritable Verjüngungskur erfahren. Und Microsoft sollte, unterstützt von einer milliardenschweren Anschubfinanzierung und der Reichweite des Nokia-Vertriebs, endlich der Durchbruch im Massenmarkt der internetfähigen Smartphones gelingen.
Dank der jüngsten Allianz ist der Kampf um den Gürtel des Weltmeisters alles andere als entschieden. Keiner der Kontrahenten wird ihn aufgeben, solange er nicht reglos am Boden liegt – zumal viele Auguren das mobile Internet schon als neues Leitmedium sehen. Das schafft Begehrlichkeiten, das fördert den Kampfeswillen, zumindest solange das Leitmedium noch nicht das Schicksal der Leitkultur erlebt hat, die, kaum erfunden, bereits im dunklen Endlager unbrauchbar gewordener Werte gelandet ist. Derweil beschäftigt sich die Kundschaft vergnügt mit der Optimierung des jeweils persönlichen Medienmixes – und das ist auch gut so.
Enorme Zuwachsraten
Der Begeisterung der Nutzer für die mobile Kommunikation via Internettechnologie wächst. Sie strömen in Scharen zu den neuen Möglichkeiten: Nach Angaben des Branchenverbandes Bitkom hat sich die Zahl derer, die per Handy im Internet surfen und sich mit digitalen „Freunden“ austauschen, binnen eines Jahres verdoppelt. Mittlerweile geht also fast jeder fünfte Internetnutzer in Deutschland auch per Mobiltelefon online. Das sind immerhin mehr als neun Millionen Menschen. Dies ist im Vergleich zu Ländern wie Japan und Korea zwar noch immer wenig, aber die Zuwachsrate erreicht damit auch in Deutschland eine Dimension wie zu Zeiten des Internetwachstums Anfang des Jahrzehnts. Offensichtlich sind es weniger die Geräte als die zahlreichen und immer smarter werdenden Anwendungen (Apps), die den neuen Boom entscheidend antreiben: Mehr als zehn Milliarden Downloads von mehr als 350.000 Apps in weniger als drei Jahren verzeichnete allein Apples App Store. Die immer zahlreicher werdenden Wettbewerber aus dem Android-Lager haben ihre Aufholjagd bereits eröffnet.
Unter diesen Apps für alle möglichen und auch unmöglichen Funktionen sind außer Spielen die zahllosen Mobile Social Apps die begehrtesten: 200 Millionen mobile Nutzer zählt allein Facebook inzwischen – und Twitter wird erst wirklich interessant, wenn die Nutzer von ihren Erlebnissen und Begegnungen unterwegs berichten. Neue und innovative soziale Netzwerke, wie die Check-in-Apps von Gowalla und Foursquare machen überhaupt nur unterwegs und mobil genutzt Sinn.
Social Apps als Killer-Applikation
Immer mehr mobile Applikationen bieten außer der Option, digitale „Freunde“ auch einmal persönlich treffen zu können, neue Möglichkeiten für Ladengeschäfte und Gastronomie jeder Art, um auf ihre Angebote aufmerksam zu machen und neue Kundschaft zu gewinnen. Erfahrungen mit und Bewertungen von solchen Angeboten können anschließend gleich via Qype und Twitter ausgetauscht werden. Kein Wunder also, dass sich die Zahl der aktiven Twitter-Nutzer in Deutschland in den letzten 18 Monaten verzehnfacht hat. Mobile Social Apps entwickeln sich gerade zu einer Art mobiler „Killer-Applikation“.
Der lang gehegte Traum der Telekommunikationsindustrie von einer Unified-Communication-Plattform könnte unversehens in Form von Facebook zur Wirklichkeit werden: Messaging, sozialer Austausch, (mobile) Telefonie und Videokommunikation aus einer Hand, in einer App, auf einer Plattform. Zugleich teilen die neuen Anwendungen des mobilen Internets automatisch den aktuellen Standort jedes Smartphone-Nutzers mit, was zu einem echten „Killer-Parameter“ der kommerziellen wie der sozialen Kommunikation zu werden scheint. Für kommerzielle Anbieter ist schließlich nichts wichtiger, als den aktuellen Standort und die aktuelle Interessenlage eines mobilen Nutzers zu kennen, um ihm auch dementsprechend passende Angebote machen zu können.
Auf dem Weg zum Real World Web
Auch die Vorboten einer neuen, nicht mehr allein auf digitalen Landkarten beruhenden Bestimmung und Darstellung des aktuellen Nutzerstatus machen in Form von Augmented-Reality-Anwendungen immer mehr von sich reden. Dadurch wird auf einmal die reale Umgebung des Nutzers, angereichert um immer mehr und neue Informationsschichten, selbst zu seiner mobilen Nutzeroberfläche. Jede Hausnummer wird eine Web-Adresse, jedes Produktlabel ein Zugang zu weiterführenden Informationsräumen, jedes öffentliche Gebäude und jedes Geschäft kann nicht nur sein Innenleben, seine Funktionen und Angebote darstellen, sondern darüber hinaus zum Zugang für ganze Datenbanken voller ergänzender Informationen werden. Die Welt wird zum „Real World Web“.
Und während die Nutzer sich einer sicher oftmals verwirrenden Vielfalt von Informationen und Daten ausgesetzt sehen, machen sich „embedded“, also in andere Geräte integrierte, Chips und Applikationen daran, ihnen das Leben wieder zu erleichtern (siehe Artikel „Apps und Augmented Reality“ im Medienforum.Magazin 1/2010). Im Auto können solche Applikationen die Steuerung und das Management von immer komplexer werdenden Systemen übernehmen, während sie Fahrer und Passagiere mit den jeweils passenden Informations- und Unterhaltungsangeboten versorgen. Im Haus können solche Anwendungen die Steuerung von Energie, Licht und anderen dort installierten Geräten managen – selbstständig oder auch von Bewohnern per Smartphone ausgelöst.
Erfolgreiche Tablet-Computer
Innerhalb wie außerhalb der Wohnung werden moderne Tablets wie das iPad oder auch das Samsung Galaxy Tab und das RIM Playbook ihren ganz und gar neuen Charme als innovative Plattformen für eine ebenso neue Art persönlicher digitaler Medien entfalten. So wie wir bereits gelernt haben, wie angenehm es sein kann, die persönliche Musiksammlung immer auf dem Handy bei sich tragen zu können, so werden wir sicher auch bald ganz selbstverständlich davon ausgehen, dass wir mit diesen Tablets – wo auch immer wir gerade sind und wann auch immer wir Zeit dafür haben – unsere Videos und Spiele, digitalen Zeitschriften und Bücher benutzen und genießen können.
Ob wir all das auch in Zukunft noch auf den allein schon durch ihren Formfaktor immer begrenzten Ressourcen und Kapazitäten von Smartphones und Tablets speichern wollen und können, ist eigentlich schon keine Frage mehr. Lösungen in Form innovativer Cloud Services, die Daten und Applikationen für den mobilen Gebrauch zu jeder Zeit und an jedem Ort zur Verfügung stellen können, stehen schon bereit oder befinden sich gerade in der Entwicklung. Und so wird „Cloud Computing“ nicht nur die Rechenzentren und Netzwerke großer Unternehmen und Organisationen revolutionieren (siehe Artikel „Office im Netz: Digitale Daten-Wolken“ im Medienforum.Magazin1/2009), sondern auch die mobile Nutzung des Internets.
LTE sorgt für Beschleunigung
Voraussetzung für den Erfolg all der geschilderten Szenarien ist, dass mobile Netzwerke und Daten-Flatrates, die den Namen auch verdienen, es dem mobilen Internet-Nutzer erlauben, jederzeit und überall online zu sein und zu bleiben. Dabei könnte der aktuellen dritten Generation der Mobilfunknetze in Form von Long Term Evolution (LTE) bereits in den Startlöchern (siehe Artikel „LTE vor dem Roll-out“ im Medienforum.Magazin 2/2010) eine zentrale Rolle zukommen: Mit Bandbreiten von fünfzig Mbit/Sekunde und mehr wird LTE mehr als das Zehnfache aktueller Mobilfunk-Bandbreiten liefern und die Migration der Mobilfunknetze in Richtung der Internettechnologie abschließen.
Dauerhaft wird auch die Internettelefonie Voice over IP (VoIP) integraler Bestandteil von LTE sein. Dadurch könnten gegenwärtige „Kellerkinder“ der mobilen Telefonie wie etwa Skype zu neuen Superstars aufsteigen, falls die Mobilfunkanbieter dem nicht mit eigenen Angeboten zuvorkommen. Wer in der mobilen Welt von morgen als „smarter“ Gateway-Provider weitere Entwicklungspotenziale nutzen will, muss aber auch echte mobile Flatrates nach dem Vorbild von DSL-Tarifen anbieten und eigene Cloud-Dienste als Alternative zu Amazon, Google und Co. offerieren. Andernfalls werden Anbieter als „dumme“ Leitungsversorger endgültig zum „Utility-Business“, wie wir es aus Branchen wie Gas, Wasser und Strom kennen.
09.05.2011 | Beitrag erstellt von in digital
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- 2 Kommentar(e)
Nokia & Microsoft
Hallo Urs, Vielen Dank für die glungene Zusammenfassung der Marktenwicklung zum Thema Mobile Media. Nachgefragt auf die Partnerschaft zu Nokia & Microsoft. Aktuell sind die Windows Phones die Ladenhüter der Mobilfunkhändler. Die Preise für Geräte mit der Software von Microsoft sind eigentlich absolute Schnäppchen, obwohl die die Software sicherlich auch nicht schlecht ist. Siehst Du wirklich Potential in der Partnerschaft mit Nokia. Sollten die Nokia Geräte mit Windows Phone tatsächlich erst im nächsten Jahr auf dem Markt erscheinen, habe ich große Zweifel ob dann nicht schon der Zug abgefahren ist.
Windows Phone? Wird wohl nix mehr......
Mal ehrlich, wie will Microsoft gegen die Marktmacht von speziell Google und vielleicht auch noch Apple ankommen? Beide bieten eine durchgängige Integration vom Handy über Internet bis hin zu Content und Shopping. Android gibts für lau und mit _reichlich_ Leistung für die Telefonhersteller, Microsoft möchte ein paar Zehner sehen und kommt doch nicht an die iphone-Klientel ran. Vom Android-Market bis iTunes ist der Markt dicht und wer entwickelt überhaupt noch _viele_ Applikationen für WinPhone? Samsung und HTC vertickern an guten Tagen wahrscheinlich mehr Handys mit Android, als bislang Windows Phones im Markt sind. Wenns um interessante Marktanteile geht, ist doch Blackberry für den Businessbereich auch noch da und schöpft ebenfalls im Microsoft-Markt ab.








