Opposition online // Facebook, Volkszorn und Revolutionen

Internet und Mobilfunk haben auch die Medienstrukturen autoritär geführter Staaten aufgebrochen. In Ägypten und Tunesien lösten Facebook und Twitter, unterstützt von Al-Dschasira, große Protestwellen aus. Dabei wirkten sie zugleich als Informationsplattform, Forum der Verzweifelten und Waffe des Volkszornes.

Es war am 17. Dezember 2010, als sich in Tunesien gegen 11.15 Uhr Mohamed Bouazizi auf öffentlicher Straße nach einem Streit mit einer Ordnungshüterin verbrannte. Wenig später tauchte der Vetter des Obsthändlers, Ali Bouazizi, am Tatort auf, sah, wie der verkohlte Körper mit einem Krankenwagen abtransportiert wurde, und begann mit seinem Mobilfunkgerät Videobilder zu machen. Wenig später demonstrierten junge Tunesier auf den Straßen. Ali Bouazizi dokumentierte all das mit der Minikamera seines Handys. Noch am selben Tag landeten die Bilder im Abendprogramm des arabischen TV-Newskanals Al-Dschasira – und lösten weitere Proteste von Bürgern gegen das autokratische Regime Tunesiens aus. Bald schwappte die Welle von Demonstrationsbereitschaft auch in andere nordafrikanische Länder, und Menschen auf den Straßen schwärmten von der Facebook-Revolution.

In Ägypten wurde der Fall des 28-jährigen Bloggers Khaled Said, der im vergangenen Jahr von Polizisten zu Tode geprügelt worden war, zur Initialzündung für Demonstrationen gegen Staatschef Mubarak. Kaum war dem Blogger im Internet eine Art virtuelles Denkmal gewidmet worden, wurde sein Tod für die Meinungsfreiheit zum mächtigen Motor für Massenproteste. Zur Facebook-Gruppe des anonymen Administrators ElShaheeed „We are all Khalid Said“ zählten bis zu einer halben Million Mitglieder, von denen viele auf den Straßen demonstrierten. In Syrien setzte eine ähnliche Entwicklung ein, nachdem Ende Januar die Facebook-Plattform „The Syria Revolution 2011“ ihre etwa 11.000 Mitglieder für den 4.und 5. Februar zu „Tagen des Zorns“ aufgerufen hatte.

Online-Kampf gegen Diktatoren

In vielen Staaten der arabischen Welt hat sich der Volkszorn gegen autokratische Regime inzwischen erst bei Facebook und später auf Straßen und Plätzen ein Ventil gesucht. Die Herrscher Zine el-Abidine Ben Ali in Tunesien und Hosni Mubarak in Ägypten konnten sich nach Jahren im Ausnahmezustand schließlich nicht mehr an der Macht halten. Aufstände in Libyen, Unruhen in Bahrain, Zugeständnisse in Syrien: Überall in der arabischen Welt fordern Bürger einen größeren Teil der staatlichen Macht. Und moderne Medien wie Internet und Handy beschleunigen einen Prozess, der im positiven Fall zu mehr Demokratie führen könnte. „Die Diktaturen dieser Erde haben keine Zukunft mehr“, pries Israels Staatspräsident Schimon Peres die aktuelle Entwicklung. Die Welt sei dank Facebook und Internet, den Instrumenten für die Demokratiebewegung, transparent geworden. Auch wenn Facebook die Revolutionen nicht direkt ausgelöst hat, erweist sich das Internet doch als Medium, das demokratische Inhalte bietet, Sehnsüchte nach Partizipation weckt und Plattformen zur Vernetzung schafft.
Dank des weltweiten Datennetzes überwanden die Nachrichten über Proteste und Demonstrationen schnell regionale Grenzen. Während etwa die Ideen der Französischen Revolution noch Jahrzehnte brauchten, um in Europa Verbreitung zu finden, erfuhren die Menschen im Internetzeitalter weltweit binnen weniger Stunden oder Tage vom Fall des Obsthändlers Mohamed Bouazizi, der zum vermeintlichen Opfer staatlicher Willkür geworden war. Dazu brauchte es nicht viel mehr als ein Handy, einige couragierte Tunesier, von denen die Bilder ins World Wide Web gestellt wurden, und einen TV-Nachrichtenkanal wie Al-Dschasira, der das Thema dankbar aufgriff.

WWW mobilisiert Massen

Zwar schaffen es auch klassische Medien, Massen zu mobilisieren, doch werden Zeitungen und Rundfunksender in diktatorisch geführten Staaten meist staatlich gelenkt und dienen vor allem als Instrumente der Propaganda. So haben etwa die Behörden in Bahrain Anfang April die größte Oppositionszeitung Al-Wasat einfach vorübergehend verboten. Angesichts fehlender Meinungsfreiheit entwickelt sich das World Wide Web in solchen Fällen oft zu einer Art basisdemokratischen Korrektivs. Seine dezentrale Struktur macht eine staatliche Kontrolle schwierig. Während Chinas Regierung einen großen Aufwand betreibt, das Volk hinter einer virtuellen Datenmauer einzusperren, kamen Mubaraks Versuche, das Internet lahmzulegen, Ende Januar zu spät – trotz Internet- und Mobilfunkblockade.
Doch auch in China können die Machthaber nicht alle Wurzeln von Bürgerprotesten vernichten. So schüren etwa anonyme Blogger mithilfe ausländischer WWW-Seiten wie boxun.com das Verlangen, ähnlich wie in Afrika eine Jasmin-Revolution anzuzetteln. Inspiriert durch die gleichnamige Revolution in Tunesien wurde dazu aufgerufen, in etwa zwanzig Städten „friedliche Sonntagsspaziergänge“ zu unternehmen. Demonstranten wurden daraufhin allerdings kaum bemerkt. Offenbar hatten nur wenige Chinesen den Aufruf im Internet gefunden. Außerdem hatte die chinesische Polizei früh genug ihre Präsenz verstärkt und ausländische Journalisten in Seitenstraßen abgedrängt oder vorübergehend inhaftiert.

Al-Dschasira rund um die Uhr

Das chinesische Beispiel zeigt auch, dass Protestbewegungen im Internet nur Erfolg haben können, wenn staatliche Restriktionen unterbleiben und die Nutzer bereits zuvor dafür sensibilisiert wurden, aktiv nach Botschaften von Netzaktivisten suchen. Deshalb bleiben die Einflusspotenziale klassischer Medien oft größer. Dabei kommt im arabischen Raum dem TV-Nachrichtenkanal Al-Dschasira eine zentrale Bedeutung zu. Das Programm erreicht dort nach Angaben der Betreiber etwa fünfzig Millionen Haushalte. Bilder von Demonstrationen auf dem Tahrir-Platz in Kairo und von Protestkundgebungen in Tunis, die Rücktritte von Mubarak und Ben Ali sowie Berichte über Aufstände und Revolten in anderen arabischen Ländern haben Al-Dschasira zu weltweiter Beachtung verholfen. Reporter des Senders drehten mit versteckter Kamera, schmuggelten Drehmaterial über Grenzen, verwerteten Handyaufnahmen von Demonstranten und nutzten aktiv Facebook und Twitter. Als Mubarak das Programm Ende Januar in Ägypten abschalten ließ, stiegen die Zugriffszahlen für den Livestream der englischsprachigen Website um den Faktor 25.
Al-Dschasira beschäftigt etwa 400 Journalisten und hat sich 15 Jahre nach seiner Gründung zum wichtigsten politischen Massenmedium der arabischen Welt entwickelt. In Katars Hauptstadt Doha werden rund um die Uhr in einem riesigen Newsroom Nachrichten produziert. Das Geld dafür stammt von Katars Scheich Hamad Bin Khalifa Al Thani. Das Programm gilt als pro-arabisch, zuweilen als ein wenig pro-islamistisch, lässt aber auch arabische Oppositionelle oder israelische Politiker zu Wort kommen. Eine gewisse politische Zurückhaltung, wenn es um Katars Nachbarstaaten Saudi-Arabien und Bahrain geht, ist allerdings kaum zu übersehen. Die Bilder von Al-Dschasira konnten entscheidend die Ereignisse in Tunesien, Ägypten und auch Syrien beeinflussen. In Algerien, Kuwait und Saudi-Arabien haben die Regierungen vorsichtshalber gar keine Redaktionen des Nachrichtenkanals zugelassen.

Internet oft überschätzt

Die Bilder von Al-Dschasira, Facebook und Twitter (Twitpics) vermitteln Zuschauern und Nutzern das Gefühl, beinahe unmittelbar an den Protesten beteiligt zu sein. Verwackelte Videos und Tweets erzeugen Authentizität, die Gefühle, Empathie und Nähe hervorruft. Können diese Medien aber auch eine Revolte oder gar Revolution auslösen – oder gar eine demokratische Gesellschaftsform schaffen? Bei näherem Hinsehen kommen Zweifel an solchen Thesen auf. So stellte sich etwa die oft zitierte Twitter-Revolution nach den manipulierten Wahlen im Iran vor zwei Jahren als Mythos heraus. Die meisten Tweets iranischer Oppositioneller stammten damals nämlich von Exil-Iranern aus dem Ausland – und nicht etwa von mutigen Revolutionären aus Teheran.
Und dennoch: Die Stärke von sozialen Netzwerken liegt in ihrem hohen Grad sozialer Organisation, der kollektives Handeln ermöglicht. Die Stärke von Al-Dschasira liegt außer in der Emotionalität aktueller TV-Bilder auch in der großen Reichweite, die im arabischen Raum die von Facebook noch übertrifft. Beide Phänomene begünstigen öffentliche Protestaktionen, bei denen sich Menschen solidarisieren. Das Internet setzt allerdings voraus, dass sich ihm bereits politisierte Nutzer aktiv zuwenden. Evgeny Morozov, der in seinem neuen Buch (The Net Delusion: How Not to Liberate The World) vor der Überschätzung des WWW warnt, argumentiert darüber hinaus, es sei nicht das Internet gewesen, das Mubarak entmachtet hätte, sondern dessen vollkommene Ahnungslosigkeit im Umgang mit dem weltweiten Datennetz.

Ambivalente Potenziale

In China, im Iran oder auch in Weißrussland haben Staatsführungen gelernt, das Internet selbst als Propagandawaffe und Überwachungsinstrument zu nutzen. Dort dienen Social-Media-Angebote der Desinformation und Unterdrückung oder als Plattform für Hacker- und Spionage-Attacken auf Oppositionelle. Das World Wide Web kann zwar zum Forum der Verzweifelten werden, ist aber nicht naturbedingt ein Werkzeug, das zu einer offenen, pluralistischen Gesellschaft führen muss. Und noch etwas gilt es zu bedenken: Bislang haben die sogenannten Facebook- oder Twitter-Revolutionen allenfalls den Sturz einzelne Regime mitbewirkt, nicht aber autoritäre Staatsformen beseitigt. Nun geht es in den beschriebenen Fällen darum, demokratische Strukturen aufzubauen.

 

Dr. Matthias Kurp

 

 

13.05.2011 | Beitrag erstellt von redaktion in digital
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