DABplus // Letzte Chance fürs terrestrische Digitalradio?

Das Digitalradio wartet in Deutschland seit mehr als einem Jahrzehnt auf seinen Durchbruch. Im August soll in allen Ballungsräumen das neue DABplus-Netz  starten. Politik, Programmanbieter und Geräteindustrie hoffen, dass sich der neue Standard durchsetzt und endlich die Digitalisierung des Hörfunks forciert.

Das Digitalradio wartet in Deutschland seit mehr als einem Jahrzehnt auf seinen Durchbruch. Im August soll in allen Ballungsräumen das neue DABplus-Netz  starten. Politik, Programmanbieter und Geräteindustrie hoffen, dass sich der neue Standard durchsetzt und endlich die Digitalisierung des Hörfunks forciert.

Eigentlich, so hatte es die Initiative digitaler Rundfunk (IDR) der Bundesregierung vorgesehen, sollten alle deutschen Hörfunkprogramme bereits ab 2010 digital ausgestrahlt werden. Dann aber musste wegen der mangelnden Verbraucherakzeptanz diese Frist bis 2015 und schließlich sogar bis 2025 verlängert werden. Kritiker zweifeln inzwischen daran, ob es überhaupt sinnvoll ist, die analog genutzte Ultrakurzwelle (UKW) gegen einen terrestrisch verbreiteten digitalen Hörfunk zu tauschen. Das Projekt Digitalradio kommt nämlich auch mehr als 15 Jahre, nachdem erstmals Hörfunkwellen digital über den Standard Digital Audio Broadcasting (DAB) ausgestrahlt wurden, nicht so richtig voran. Während die Bundesbürger über etwa 300 Millionen UKW-Empfänger verfügen, konnten Schätzungen zufolge bislang höchstens eine halbe Million DAB-Geräte verkauft werden.

Dass in Deutschland nur einer von etwa 300 Haushalten über ein DAB-Empfangsgerät verfügt, ist kein Wunder: Es fehlt an Programmen, an preiswerten Endgeräten und an attraktiven Zusatzdiensten. Außerdem gilt der im Vergleich zu UKW-Radios größere Energieverbrauch der DAB-Empfänger als problematisch, was vor allem Käufer von portablen Geräten abschreckt, die auf Akkus angewiesen sind. Die bessere Klangqualität von DAB und zusätzliche Programm begleitende Dienste, die auf einem Display dargestellt werden können, reichen den meisten Kunden offenbar als Anreiz nicht aus, um auf DAB-Endgeräte umzusteigen.

Programme, Hörer und Frequenzen fehlen

Im Ausland scheint die DAB-Akzeptanz größer: So entfällt etwa in Großbritannien inzwischen knapp ein Viertel des Hörfunkkonsums auf DAB-Programme. Auch in der Schweiz geht der DAB-Ausbau zügig voran. In Deutschland ist die Technik den meisten Kunden noch immer so gut wie unbekannt. Während ältere Hörer sich an das vertraute UKW-System gewöhnt haben, suchen viele Rezipienten der jüngeren Generationen am liebsten im Internet nach digitalen Radioprogrammen (siehe Infokasten „Digitaler Hörfunk“). Die DAB-Technologie befindet sich zwischen diesen beiden Welten, bietet aber aus Sicht vieler Verbraucher keine grundlegend neue Qualität. Dementsprechend gering fallen Neugier und Zahlungsbereitschaft vieler potenzieller Kunden aus. Dies gilt umso mehr, weil in den meisten Verbreitungsgebieten fast nur noch wenige öffentlich-rechtliche DAB-Wellen zu empfangen sind. Während das Angebot in Bayern noch recht groß ist und auch privatwirtschaftliche Programme umfasst, so sind in fast allen anderen Bundesländern nur Programme der jeweiligen ARD-Landesrundfunkanstalten und des Deutschlandradios zu empfangen. In Hessen wurden sogar fast alle DAB-Sender abgeschaltet.

Um ein großes, attraktives Programmangebot zusammenzustellen, mangelte es lange an freien Frequenzen. Während beim Fernsehen digitale Programme parallel zu den analogen Kanälen angeboten werden können, fehlte für eine solche Simulcast-Strategie im Hörfunk eine entsprechende Reserve. So standen bisher nur wenige freie Kapazitäten (Band III und L-Band) für DAB zur Verfügung, wobei sich das L-Band lediglich zur lokalen Versorgung eignet. Zumindest der Versorgungsengpass bei den Frequenzen scheint jetzt aber überwunden: Durch die sogenannte Digitale Dividende sind im Zuge der Regional Radiocommunication Conference 2006 (RRC 06) neue Spielräume entstanden (siehe Artikel „Auf der Suche nach dem Masterplan“ im Medienforum.Magazin 1/2007). Deshalb können die frei gewordenen Ressourcen des analogen Antennenfernsehens (siehe Artikel „Wem nutzen die Frequenzgewinne?“ im Medienforum.Magazin 2/2008) noch in diesem Jahr der DAB-Verbreitung zugutekommen.

Alte DAB-Geräte bald Elektroschrott

Wenn am 1. August erstmals privatwirtschaftliche und öffentlich-rechtliche Programme bundesweit ausgestrahlt werden können, soll eine Ära mit einem verbesserten DAB-System beginnen. Um dies deutlich zu machen, trägt die Technik jetzt den Namen DABplus. Für den neuen Standard sollen in einer ersten Ausbaustufe 27 Senderstandorte realisiert werden, um bundesweit etwa 38 Millionen Hörer im Inhouse-Bereich (Zimmerantennen) versorgen zu können. Darüber hinaus verspricht der technische Dienstleister Media Broadcast, der seit 2007 zum französischen Konzern TDF gehört, zunächst etwa die Hälfte aller Bundesautobahnstrecken abzudecken. Die DAB-Technologie kann nämlich beim Autofahren eine ihrer größten Stärken ausspielen: Wegen der Nutzung sogenannter Gleichwellennetze lassen sich alle Programme jeweils bundesweit auf einer Frequenz empfangen, so dass unterwegs auch Frequenzkorrekturen nicht mehr erforderlich sind. Auf einem Display können außerdem Verkehrs- oder Parkrauminformationen angezeigt werden.

Wer an der neuen DABplus-Programmvielfalt mit seinem alten DAB-Empfänger teilhaben will, hat allerdings schlechte Karten. Der Grund: Nur wenige der DAB-Radios, die in den vergangenen 15 Jahren erworben wurden, sind aufwärtskompatibel. Wer Glück hat, kann sein altes Gerät nachrüsten lassen. Die meisten der bereits verkauften DAB-Radios dürften aber bald in den Elektroschrott wandern. Der neue Standard basiert nämlich auf einer anderen Datenrate – was dazu führt, dass in einem DAB-Multiplex etwa doppelt so viele Programme untergebracht werden können wie zuvor.

Politik und KEF unterstützen DABplus

Politik und Anbieter haben aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt. Damit die DABplus-Offensive nicht erneut scheitert, wurden vor zweieinhalb Jahren erstmals einheitliche europaweite Mindeststandards für DAB-Empfänger festgelegt. Sie sollen dafür sorgen, dass die Radios der neuen Generation länderübergreifend funktionieren. In Deutschland sieht der aktuelle Referentenentwurf zur Novellierung des Telekommunikationsgesetzes außerdem vor, dass ab 2015 alle Radiohersteller – ähnlich wie in Frankreich – dazu verpflichtet werden, in ihre Geräte auch Digitaltuner einzubauen. Für Autoradios soll dies ab 2016 gelten. Auf diese Weise könnten die neuen DABplus-Empfangsgeräte allmählich und beinahe unbemerkt in die Haushalte gelangen. Bis alle 300 Millionen UKW-Tuner in Deutschland ausgetauscht sein werden, kann es aber noch Jahre dauern. Sollte der technische Standard auf diesem Weg ein weiteres Mal gewechselt werden, würde dies für das Digitalradio wohl das endgültige Ende bedeuten. Um mehr Planungssicherheit zu gewährleisten, hat die ARD-Hörfunkkommission sicherheitshalber schon im Frühjahr Vorschläge für die technische Standardisierung an die Endgeräte-Industrie adressiert.

Die ARD spielt bei der Einführung von DABplus eine zentrale Rolle. Vor zwei Jahren hatte die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten (KEF) die ARD-Mittel, mit denen ein DAB-Restart initiiert werden sollte, für den Zeitraum von 2009 bis 2012 zunächst um etwa neunzig Prozent gekürzt. In der Begründung hieß es damals, „dass DAB in Deutschland von den Zuhörerinnen und Zuhörern nicht in ausreichendem Maße akzeptiert worden ist“. Zuvor hatten bereits auch der Verband Privater Rundfunk und Telemedien (VPRT) gegen DABplus votiert. Zunächst waren deshalb von der KEF nur 15 Millionen Euro für den Weiterbetrieb der bestehenden Sendeanlagen genehmigt worden. Nachdem das Konzept zur DABplus-Einführung aber nachgebessert worden war und auch private Programmanbieter wieder Interesse gezeigt hatten, gab die KEF dann doch noch grünes Licht. So wurden im vergangenen Februar für den Zeitraum bis Ende 2012 insgesamt 35,75 Millionen Euro bewilligt, die nun in DABplus-Sendetechnik investiert werden können.

Als erste ARD-Anstalt begann am 1. März der Bayerische Rundfunk mit der Ausstrahlung von DABplus-Programmen (Bayern 1 mit regionalen Varianten). Alle bestehenden DAB-Sendeanlagen sollen in Bayern darüber hinaus schrittweise auf DABplus umgerüstet werden. Auch die übrigen Landesrundfunkanstalten der ARD wollen ihren DABplus-Netzausbau nun so zügig vorantreiben, dass er in etwa zwei Jahren abgeschlossen sein wird.

Bundesweite ZAK-Zulassungen

Mit den neuen bundesweiten DABplus-Kapazitäten werden im August jenseits regionaler Angebote endlich auch Programme und Datendienste an den Start gehen, die überall in Deutschland empfangen werden können. Damit gewinnt DABplus gegenüber UKW eine neue Qualität. Außer den drei Deutschlandradio-Programmen Deutschlandfunk, Deutschlandradio Kultur und DRadio Wissen sollen Zusatzdienste (Dynamic Label), eine Slide-Show sowie der Nachrichtendienst Journaline und ein Electronic Program Guide (EPG) für das DAB-Display aufbereitet werden. Für das Deutschlandradio bedeutet DABplus endlich eine bundesweit flächendeckende terrestrische Versorgung. Sogar Sonderausstrahlungen (Dokumente & Debatten) sollen möglich werden.

Außer den öffentlich-rechtlichen Deutschlandradio-Angeboten werden künftig erstmals privatwirtschaftliche Hörfunkprogramme bundesweit flächendeckend zu empfangen sein. Die Kommission für Zulassung und Aufsicht der Landesmedienanstalten (ZAK) hat bereits im Januar die Weichen dafür gestellt, dass zum neuen DABplus-Paket zehn privatwirtschaftliche Wellen gehören. Zum Angebotsspektrum zählen deshalb ab August die Programme LoungeFM, ERF Radio, Radio Rauschgold, Energy, Remix, Litera, Klassik Radio, Radio 3.0, Urban Independent Pop sowie 90elf (Fußballradio).

Die neuen Kanäle allein aber werden nicht ausreichen, um dem Digitalradio zum Durchbruch zu verhelfen. Schließlich existieren in Deutschland bereits weit mehr als 300 UKW-Programme. Der Lobbyverband Digital Radio Plattform hat deshalb eine deutschlandweite Marken- und Kommunikationskampagne vorgeschlagen. Sogar eine „Abwrackprämie“ oder ein „Digitalisierungsfonds“ sind im Gespräch – wenn auch wenig wahrscheinlich. Für die Hörfunkbranche steht viel auf dem Spiel: Setzt sich DABplus bei den Hörern am Ende nicht durch, könnte die Digitalisierung des terrestrischen Hörfunks endgültig scheitern. Damit könnte der Hörfunk auf Dauer seinen eigenständigen Übertragungsweg komplett verlieren und wäre irgendwann vielleicht nur noch per Online-Rechner oder Smartphone zu empfangen.

 

Dr. Matthias Kurp

13.05.2011 | Beitrag erstellt von redaktion in digital
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