Sportrechte // Höher, schneller, weiter – und teurer!

Mit der Übertragung von Fußballspielen ließen sich 2010 Marktanteile von bis zu 89 Prozent erzielen. Deshalb erreichen die Preise für Sport-Fernsehrechte Rekordniveau. In diesem Jahr werden die Übertragungsrechte sämtlicher Fußball-Wettbewerbe neu vergeben. Der Preispoker hat längst begonnen.

Seit Wochen und Monaten wird verhandelt. Es geht um ein Gesamtvolumen von etwa einer Milliarde Euro – und es geht auch um Marktanteile. Auf dem Tisch liegen Übertragungsrechte für Deutschlands wertvollste TV-Ware: Fußball im Fernsehen. Ein bisschen was wurde schon verkauft, das meiste aber ist noch zu haben: nämlich die Fernseh-Übertragungsrechte für Fußball-Länderspiele, für die Endrunde der Europameisterschaft 2016, für die Bundesliga und die drei Ligen darunter, für den DFB-Pokal und für die Europa League. 2011 ist also ein Superwahljahr für TV-Sportrechte. Bislang wurde allerdings nur das Premiumprodukt Champions League schon verkauft.

Mit dem ZDF steht ein Gewinner beim riskanten Wettbieten zumindest vorläufig schon fest. Der öffentlich-rechtliche Programmanbieter sicherte sich Anfang April für etwa fünfzig Millionen Euro die Champions-League-Übertragungsrechte. Ab der Saison 2012/2013 darf deshalb Béla Rhéty mit seinen Kollegen drei Jahre lang aus den Stadien der europäischen Königsklasse berichten. Das ZDF sicherte sich pro Spieltag eine Live-Übertragung sowie tagesaktuelle Zusammenfassungen der übrigen Paarungen. Jeweils mittwochs soll zunächst ein Gruppenspiel mit deutscher Beteiligung live übertragen werden. In den K.o.-Runden können Partien deutscher Clubs auch dienstags gezeigt werden. Außerdem gehören zum Rechtepaket die Qualifikationsspiele für die Champions League und der UEFA Super Cup. Die deutschen Pay-TV-Rechte an allen 125 Spielen der europäischen Königsklasse bleiben auch weiterhin bei Sky.

ProSiebenSat.1 droht mit Klage

Die ProSiebenSat.1 Media AG, die ihre Live-Übertragungsrechte der Champions League für Sat.1 und Kabel 1 nutzt, ging beim Poker gegen das ZDF für die Zeit ab Sommer nächsten Jahres leer aus. Daraufhin kündigte ProSiebenSat.1-Fernsehvorstand Andreas Bartl an, „alle rechtlichen Möglichkeiten zu prüfen“, um das ZDF vielleicht in der Nachspielzeit doch noch besiegen zu können. Hintergrund ist die Tatsache, dass der europäische Fußballverband UEFA die Rechte bislang immer an eine Verpflichtung für Hinweise auf bestimmte Sponsoren (Ford, MasterCard, UniCredit etc.) gekoppelt hat. Durch den 15. Rundfunkänderungsstaatsvertrag aber sind bei ARD und ZDF ab 2013 Sponsorenhinweise nach 20 Uhr verboten. Wenn die Champions-League-Partien um 20:45 Uhr angepfiffen werden, darf das ZDF also keine Sponsoren-Trailer mehr zeigen. Während ProSiebenSat.1 den Verdacht hegt, das ZDF habe sich aus der Sponsorenverpflichtung „herausgekauft“, heißt es bei den öffentlich-rechtlichen Programmplanern in Mainz, Sponsoren könnten künftig in der Vorberichterstattung berücksichtigt werden, die gegen 19:30 Uhr beginnen soll.
Das Geschäft mit dem Fußball wird immer lukrativer. So liegt der Preis für die TV-Rechte an den Spielen der Bundesliga inzwischen 25 Mal höher als noch vor zwanzig Jahren (siehe Artikel „Leo Kirch kickt wieder mit“ im Medienforum.Magazin 2/2007 und „Leo Kirch kickt nicht mehr mit“ im Medienforum.Magazin 2/2008). Die zentrale Vermarktung der Champions League hat der UEFA in dieser Saison 1,1 Milliarden Euro eingebracht. Im vergangenen Jahr wurden 750 Millionen Euro an die teilnehmenden Clubs ausgeschüttet. Weil die Fernsehrechte für Fußballspiele immer teurer werden, bleibt nach Ansicht einiger Kritiker in den Etats der Programmanbieter nicht mehr genügend Geld für andere Sportarten übrig. Das ZDF strich zuletzt die Tour de France und Boxveranstaltungen aus den Programmplänen, allerdings mit dem Hinweis, diese (umstrittenen) Sportarten passten nicht mehr zur Programmphilosophie.

König Fußball regiert die TV-Welt

ARD-Sportkoordinator Axel Balkausky rechnet bei der Debatte über eine mangelnde thematische Breite vor, im vergangenen Jahr sei im Ersten und in den Dritten Programmen über achtzig verschiedene Sportarten berichtet worden. Der Fußball habe im Ersten zwar ein Viertel der gesamten Sportberichterstattung ausgemacht, auf den Wintersport (25 bis 30 Prozent) und Sommersportarten (45 bis 50 Prozent) entfielen aber höhere Anteile. Nach Berechnungen der IFM Sports Group übertrugen ARD und ZDF 2010 insgesamt 317 Stunden Fußball und damit etwa zehnmal mehr als zum Beispiel Leichtathletik oder Eishockey (siehe Tabelle „Sport bei ARD und ZDF“).
Für die meisten Sportarten ist eine Präsenz im Fernsehen äußerst wichtig. So können besser Nachwuchssportler begeistert, vor allem aber Einnahmen durch Übertragungs-, Merchandising- und Sponsorenverträge erzielt werden. Die Formel 1 wäre ohne das TV-Spektakel gar nicht denkbar. Beim Boxen kämen viele Titelkämpfe ohne eine TV-Übertragung vermutlich gar nicht erst zustande. Die ARD tritt als Mitveranstalter auf und plant, falls alle Gremien zustimmen, bis zu 54 Millionen Euro auszugeben, um 2013 bis 2015 weitere Boxkämpfe zeigen zu können, die der Promoter Sauerland organisieren will. Boxkämpfe sind vor allem bei jungen Zuschauern beliebt – mit besonders erfolgreichen Quoten in Ostdeutschland.

Protestbrief der Leichtathleten

Wie wichtig der Fernsehsport für die Marktanteile der Programmanbieter ist, zeigt ein Blick auf die fünfzig Sendungen mit den höchsten Marktanteilen des Jahres 2010, bei denen es sich gleich in 42 Fällen um Live-Übertragungen von Fußballspielen, Boxen, Formel 1 oder Biathlon handelte. Der Sportetat der öffentlich-rechtlichen Programmanbieter wird in Deutschland auf etwa 800 Millionen Euro geschätzt. Das weckt Begehrlichkeiten. Allerdings haben längst nicht alle Sportarten gleich große Chancen auf lukrative TV-Verträge. Hat etwa das Boxen zumindest bei der ARD eine große Lobby, verlieren offenbar Handball, Basketball und andere Sportarten bei den Programmmachern an Beliebtheit. Deshalb protestierten Deutschlands Spitzenleichtathleten im Frühjahr mit einem offenen Brief gegen eine zu geringe öffentlich-rechtliche Zahlungsbereitschaft für die Übertragung von internationalen Events der Läufer, Springer oder Werfer. Anlass war ein Streit um den Preis für die Fernsehrechte an den nächsten beiden Leichtathletik-Weltmeisterschaften.
Während der Leichtathletik-Weltverband IAAF und dessen Vermarktungsagentur für die TV-Übertragungen 17 Millionen Euro gefordert haben sollen, wollten ARD und ZDF nur etwa sieben Millionen Euro zahlen. Anfang April einigten sie sich zunächst erst einmal nur auf die Übertragungsrechte für die Leichtathletik-WM im südkoreanischen Daegu (27. August bis 4. September) – über den Preis wurde nichts mitgeteilt.

Rechtevermarktung auf EU-Prüfstand

Anders als in den Jahrzehnten zuvor hatte der IAAF bei der Vermarktung der TV-Rechte an den Leichtathletik-Weltmeisterschaften 2011 (Südkorea) und 2013 (Moskau) nicht der European Broadcasting Union (EBU) den Zuschlag erteilt, sondern die schwedische Vermarktungsagentur IEC damit beauftragt, einen möglichst hohen Preis durch viele Einzelverträge zu erzielen. Genau dies aber könnte künftig unmöglich werden. Der Europäische Gerichtshof in Luxemburg prüft nämlich zurzeit, ob es überhaupt rechtens ist, wenn TV-Rechte nicht in einem Gesamtpaket für alle EU-Länder vergeben werden.
Auslöser dafür, dass vom Europäischen Gerichtshof zurzeit die bislang üblichen Methoden der Sportrechtevermarktung infrage gestellt werden, sind Klagen der englischen Premier League (RS. C-403/08 und RS. C-429/08). In Großbritannien war zuvor nämlich gleich bei zwei Verfahren vor dem Londoner High Court rechtlich dagegen vorgegangen worden, dass aufgrund nationaler Urheberrechtsschutzgesetze keine ausländischen Pay-TV-Programme empfangen werden dürfen. In beiden Fällen ging es darum, dass englische Premier-League-Spiele über ausländische Pay-TV-Anbieter günstiger zu empfangen sind als bei BSkyB. Die Nutzung ausländischer Pay-TV-Kanäle aber ist in Großbritannien ebenso verboten, wie etwa ein BSkyB-Abonnement in Deutschland unmöglich ist. Nun soll der Europäische Gerichtshof für Rechtssicherheit sorgen.

Europaweit einheitliche Vermarktung?

Die deutsche EU-Generalanwältin Julian Kokott führte bei dem Streitfall in ihrem Schlussantrag aus, territoriale Exklusivitätsvereinbarungen verstießen bei der Übertragung von Fußballspielen gegen das EU-Recht. Sollten die Richter diese Rechtsauffassung teilen, müssten künftig einheitliche Sende- und Empfangsrechte für die gesamte Europäische Union gewährleistet werden. Dann könnten nur noch wenige EU-weit agierende Senderfamilien oder neue Netzwerke kooperierender Partner bei den Sportrechten mitbieten Zugleich müsste sichergestellt werden, dass etwa deutsche Bundesliga-Partien oder englische Premier-League-Paarungen in allen EU-Mitgliedsstaaten zu identischen Pay-TV-Konditionen angeboten werden.
Die Folgen einer europaweit einheitlichen Vermarktung von TV-Sportrechten lassen sich leicht voraussagen: Durch den kleineren Bieterkreis, also weniger Wettbewerb würde das Preisniveau eher sinken – zur Freude der Verbraucher, aber zum Ärger der großen Sportverbände. Der Nachteil: Leistungen und Tarife von Pay-TV-Programmen lassen sich bei einer europaweit einheitlichen Vermarktung nicht mehr an die unterschiedlichen Sehgewohnheiten in den einzelnen EU-Mitgliedsstaaten anpassen. Wer beim Wettbieten zu kurz kommt, wird künftig also immer die Bedrohung der Medienvielfalt in Europa anprangern können.

 

Dr. Matthias Kurp

09.05.2011 | Beitrag erstellt von redaktion in digital
Kommentar erstellen | Trackback-Link Views: 1295

  •  
  • 0 Kommentar(e)
  •  

Mein Kommentar

Zurück

Kategorien

Medienforum Magazin

  • [+]2011
  • [+]2010
  • [+]2009
  • [+]2008
  • [+]2007

Letzte Kommentare

Archiv

Archiv

ARCHIV MEDIENFORUM.MAGAZIN

Das medienforum.magazin berichtet zweimal jährlich über aktuelle Themen der Medienbranche. Alle Texte finden Sie hier zum Download.