Standpunkt // Made in Germany: Billig, aber sexy

Peer Schader

Standpunkt zum Artikel TV-Trends // Scripted Reality und ein Hauch von Hollywood. Von Peer Schader, freier Medienjournalist

Wenn Menschen aus anderen Ländern an Deutschland denken, fallen ihnen in der Regel solide gefertigte Autos, bayerisches Bier in riesigen Krügen und Kuckucksuhren aus dem Schwarzwald ein. Die meisten Deutschen haben mit diesen Stereotypen umzugehen gelernt. Vielleicht müssen wir uns daran gewöhnen, dass bald auch günstig zu produzierende Fernsehsendungen, in denen sich die Protagonisten die meiste Zeit über anschreien, dazugehören.

Die internationale Fernsehbranche schaut auf Scripted Reality made in Germany – ausgerechnet aus dem Land, in dem die Sterblichkeitsrate für exportfähige TV-Konzepte bisher überdurchschnittlich hoch war.

Jetzt scheinen die Deutschen tatsächlich einmal einen Trend gesetzt zu haben. Die mit Laiendarstellern inszenierten Geschichten sind weder besonders kreativ noch besonders ästhetisch, sondern brutal simpel und geradlinig. Aber wenn Deutschlands größter Privatsender damit im Nachmittagsprogramm die Konkurrenz fast komplett verdrängt, kann man sich dem wohl auch nicht so richtig entziehen.

Billig, aber sexy – das ist's also, was unser Fernsehen auszeichnet? Zumindest ist es müßig, sich nun darüber zu beschweren, dass aus Deutschland ausgerechnet Konzepte für Dokusoap-Variationen exportiert werden und keine hochwertigen Serien. Schließlich bestand in den vergangenen Jahren aus Sendersicht nicht einmal die Notwendigkeit, solche Programme fürs eigene Publikum zu produzieren. Das lag vor allem am Umgang mit der amerikanischen Fiction, mit der die Programmverantwortlichen sämtliche Sendeplätze verstopften, notfalls auch mit B- und C-Ware, die im US-Publikumsmarkt längst durchgefallen war. Auf diese Weise ließ sich aber der Nachschub sichern.

Es ist ein ausgesprochenes Kurzfristigkeitsdenken, das vor allem die Privatsender lange gepflegt haben. (Die öffentlich-rechtlichen Konkurrenten sind schon vor einer Ewigkeit davon weggekommen, mutige Serien für ein jüngeres Publikum herzustellen.)

Erst auf den letzten Drücker wurden Serienstoffe entwickelt, die einen anderen Ansatz erlaubten als die Vorbilder aus dem Ausland. Weil das zuletzt aber die Ausnahme war, ist es eben auch eine Ausnahme, wenn eine Serienidee wie „Danni Lowinski“ vom amerikanischen Fernsehen adaptiert wird.

Die Scripted Reality hingegen entspricht einer sehr deutschen Art, Fernsehen zu machen: Eine Variation der Inhalte findet quasi nicht statt, die Revolution liegt im Prinzip, Geschichten auf das Wesentliche zu reduzieren – die kurze Exposition, die ausgedehnte Konfliktbeschreibung, die kurzfristige Lösung – und dies mit Hobbyakteuren zu spielen, die sich zuvor auf privaten Urlaubsvideos selbst als Talent entdeckt haben. Ein Kreativitätspreis lässt sich damit natürlich nicht gewinnen. Aber das Genre kommt dem entgegen, was sich die Sender in den vergangenen Jahren von den Produzenten gewünscht haben: kontrollierbares Programm in Massenproduktion, bei dem das Geschehen hinter der Produktionsweise zurücksteht.

Wer hingegen Wert darauf legt, die Welt mit schönem Fernsehen zu beglücken, der muss es vorher in mühevollen Kreativitätsprozessen entwickeln – auch auf die Gefahr hin, dass am Ende nicht sofort 35 Prozent Marktanteil dabei herauskommen.

06.05.2011 | Beitrag erstellt von Peer Schader in standpunkt
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