Interview mit Dr. Jürgen Brautmeier // Die Neuen Gatekeeper heißen Apple, Google oder Facebook
teilentwittern27.04.2011 | Beitrag erstellt von in digital
Interview mit Dr. Jürgen Brautmeier // Die Neuen Gatekeeper heißen Apple, Google oder Facebook

Im Interview mit dem Medienforum.Magazin schildert Dr. Jürgen Brautmeier, wie die Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM) auf die aktuellen digitalen Herausforderungen reagiert. Brautmeier ist seit Oktober 2010 Direktor der LfM.
Herr Dr. Brautmeier, was fällt Ihnen ein, wenn Sie über das Medienforum.NRW -Motto „Von Medien Macht und Menschen“ nachdenken?
Wir alle wissen, dass die Digitalisierung zu großen Umwälzungen führt. Ich meine die enorme Beschleunigung aller Prozesse und die enormen Folgen der Konvergenz, aber auch den wachsenden Einfluss von Global Playern wie
Google, Apple oder Facebook für die öffentliche Meinungsbildung. Das sieht manchmal so aus, also ob da anonyme Mächte im Spiel wären. Sind es aber natürlich nicht, denn dahinter stehen immer Menschen. Allerdings haben die Entwicklungen, die zurzeit die Medienbranche verändern, eine so gewaltige Dimension, dass man in der Tat dringend über grundlegende Fragen nachdenken muss: Was bedeutet es für die Menschen, dass da solche Umwälzungen von statten gehen, die uns alle im Alltags- und Berufsleben massiv beeinflussen und tangieren? Insofern ist das Motto „Von Medien, Macht und Menschen“ gut gewählt.
Welche Macht geht denn konkret von den Branchenriesen
der digitalen Ökonomie aus?
Apple, Google oder Facebook sind die neuen „Gatekeeper“. Sie legen von sich aus die Regeln fest, nach denen das Internet funktioniert. Oder denken Sie daran, welche Bedeutung Twitter für die Nachrichtenübermittlung und welche Wirkungen Facebook und andere soziale Netzwerke auf das Sozialverhalten ihrer Nutzer ausüben. Das sind Dinge bzw. Entwicklungen, die beobachtet bzw. geklärt werden müssen. Das alles hat nicht mehr viel mit der klassischen Rundfunkregulierung zu tun, ist aber nicht weniger wichtig.
Die Landesmedienanstalten müssen sich im Kräftedreieck zwischen Mensch, Macht und Medien ständig neuen Gegebenheiten stellen. Welche ist zurzeit die größte medienpolitische und regulatorische Herausforderung?
Medienpolitisch ist die größte Herausforderung die Bewältigung des beschriebenen Umbruchs. Regulatorisch ist es die Frage, ob und wie man das alles überhaupt noch regulieren kann oder soll, was sich zurzeit an digitalen und konvergenten Entwicklungen abzeichnet. Diese Fragen sind gestellt, aber noch unbeantwortet. Wir tasten uns heran, und
darum ist es so wichtig, dieses Thema u. a. auf dem Medienforum weiter zu behandeln.
Welche Rolle spielt dabei die Europäische Union?
Wir wissen seit Langem, dass die Medienpolitik und die entsprechende Rechtsetzung im Wesentlichen von der EU-Kommission in Brüssel geprägt werden. Hier sehe ich – weil Nordrhein-Westfalen ein großes Land mit vielen wichtigen Akteuren ist – für uns eine Chance, an der Spitze der Bewegung zu sein, wenn es darum geht, Antworten auf die genannten Fragen zu finden. Ich glaube, dass wir in der Bundesrepublik und in Europa Vorreiter sein können, wenn wir dies angehen. Also sehen Sie Nordrhein-Westfalen in einer Vorreiterrolle? Ja, ich sehe vor allem die Landesanstalt für Medien Nordrhein- Westfalen in einer Vorreiterrolle, weil wir die Medienanstalt des wichtigsten und größten Bundeslandes sind. Wir haben uns schon seit einiger Zeit das Thema Digitalisierung auf die Fahnen geschrieben, unser Projekt „NRW digital“ hat genau diesen Hintergrund. Wir beschäftigen uns intensiv mitden Umständen und den Konsequenzen der Digitalisierung. In einer solchen Art und Weise ist das bisher von niemandem angegangen worden.
Womit beschäftigt sich NRW digital genau?
Es handelt sich um ein sehr weites Feld, auf dem wir informieren, moderieren, technisches Wissen, Medienkompetenz etc. vermitteln wollen. Es sind Aufgaben, die wir vorher auch schon, aber getrennt voneinander bearbeitet haben: Das gehen wir nun unter dem Aspekt der Digitalisierung quasi interdisziplinär an. Der Clou an der Sache ist die Zusammenschau.

Außer mit Regulierungsfragen haben Sie sich auch schon frühzeitig mit dem Feld der Medienkompetenz beschäftigt. Welchen persönlichen Bezug haben Sie zu diesem Thema? Geht es mehr um die Frage, wie wir zu Hause unsere Set-Top-Box ans Laufen bringen, oder um die Frage, was da eigentlich gerade mit welchen Folgen im Bereich Social Media passiert?
Beides und mehr. Natürlich ist es für jeden eine Herausforderung, all die technischen Entwicklungen mitzumachen. Erschwerend kommt hinzu, dass die Zyklen immer kürzer werden. Damit sind wir immer mehr und häufiger gefordert, uns mit immer neuen Geräten vertraut zu machen. Sich in diesem Bereich auf dem Laufenden zu halten, ist eine riesige Herausforderung für alle Beteiligten. Eine solche Medienkompetenz im technischen Sinne ist das eine große Problem, nicht nur für ältere Menschen. Die „Digital Natives“ wachsen damit auf, aber die „Digital Immigrants“ müssen sich jeden Tag aufs Neue technische Medienkompetenz aneignen. Das ist schwierig genug. Die zweite Ebene der Medienkompetenz betrifft das Inhaltliche. Da geht es auch darum, selbstbestimmt, reflektiert, kritisch, aber auch informiert mit den digitalen Medien umzugehen. Das sehe ich an meinen eigenen Töchtern. Denen einen medienkompetenten Umgang beizubringen, ist angesichts der enormen Möglichkeiten – sei es Handy, PC oder Spielekonsole – eine gewaltige persönliche Herausforderung. Ich habe die Befürchtung, dass wir zu wenig mitbekommen, was sich da im Schul– und Alltagsleben unserer Kinder wie rasant entwickelt hat. Deshalb sind wir auch längst nicht darauf eingestellt, das alles medienpädagogisch zu begleiten beziehungsweise aufzuarbeiten, so dass wir ein ruhiges Gewissen haben könnten. Mich beschleicht manchmal schon die Sorge, dass da vieles passiert, was wir gar nicht mehr beeinflussen oder so steuern können, dass es in vernünftige Bahnen kommt. Die Frage, ob ich mich wohl dabei fühle, würde ich also eher mit Nein beantworten.
Worin sehen Sie, als Direktor der LfM, die Aufgaben der Pädagogik in diesem Kontext?
Wir als Medienanstalt sind auf diesem Feld schon lange unterwegs, haben Projekte im Bereich Medienkompetenz in Kindergärten, Grundschulen, weiterführenden Schulen, Familien usw. angestoßen. Man kann wohl mit gutem Grund sagen, dass wir in der Fachwelt und der Politik als wichtiger und kompetenter Ansprechpartner in diesem Bereich wahrgenommen werden.
Wenn man sich Strategien und Angebote der weltweit großen Player wie Google, Facebook und Co. anschaut, stellen sich weitere Fragen, beispielsweise nach dem Umgang mit den persönlichen Daten oder nach neuen Wertschöpfungsmodellen. Brauchen da Politik und Medienaufsicht nicht mehr Einflussmöglichkeiten?
Einflussmöglichkeiten rechtlicher Art gibt es durchaus. Aber vieles ist schwer genug umzusetzen. Das sehen wir ja an dem Kampf, den z. B. Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner und andere führen. Für Datenschutz und Persönlichkeitsrechte existieren rechtliche Bestimmungen, es gibt keinen rechtsfreien Raum. Solche Regelungen müssen
konsequent angewendet werden. Darüber hinaus muss darüber die öffentliche Debatte gesucht werden. Damit trifft man die großen Player mit ihren neuen digitalen Wertschöpfungsketten
und Geschäftsmodellen genauso gut – und manchmal sogar besser. Öffentlicher Druck oder bei positiven Entwicklungen auch öffentliche Unterstützung bewirken oft mehr als Regulierung. Solche öffentlichen Debatten zu organisieren, ist auch Aufgabe der Landesmedienanstalten.

Und das wirkt?
Der erste Schritt ist immer, Informationen für eine Sachaufklärung zu sammeln und aufzubereiten. Dafür sind wir als Landesmedienanstalt gut aufgestellt und waren es auch schon in der alten Rolle als Rundfunkaufsicht. Ob wir durch Sanktionsmaßnahmen etwas bewirken können oder durch Aufklärung oder durch Förderung von positiven Beispielen, das muss im Einzelfall entschieden werden. Die Instrumentarien von klassischer und moderner Rundfunkregulierung sind eigentlich vergleichbar – nur die Inhalte und Dimensionen haben sich geändert.
Welche Rolle spielt eigentlich das Gebot der Meinungsvielfalt noch in einer Zeit, in der die Digitalisierung sowohl im Rundfunk als auch im Online-Bereich so viele Angebote wie nie zuvor ermöglicht? Folgt aus der Vielzahl der Angebote automatisch auch eine publizistische Vielfalt?
Das Thema Vielfalt ist ein ganz, ganz wichtiges, gerade in dieser Zeit. Jeder kann sich mittlerweile zu allem äußern und dies der ganzen Welt mitteilen. Was wir brauchen, ist Orientierung, ist Einordnung, ist Gewichtung, ist Kommentierung, und das sind Elemente von Meinungsvielfalt. Wenn jeder – vor allem im Internet – drauflos brabbelt, habe ich irgendwann den Turmbau zu Babel. Man braucht in dieser digitalen Welt Lotsen. Qualitätsjournalismus ist für mich ein solcher Lotse und aufs Engste verbunden mit dem Thema Sicherung von Meinungsvielfalt.
Eine Vielzahl von Angeboten bedeutet also nicht gleich auch publizistische Vielfalt?
Richtig. Vieles ist gar nicht so originell. Anderes ist so unübersichtlich, dass ich es als Nutzer gar nicht allein bewältigen und bewerten kann. Wenn ich den Hintergrund nicht kenne, fehlt mir die dringend notwendige Orientierung. Bei manchen Dingen sehe ich mich selber in der Lage, sie zu beurteilen, aber bei Themen, die ich nicht überblicke, brauche ich verlässliche Informationen und Bewertungen. Das große Stichwort in diesem Zusammenhang ist für mich Informationskompetenz.
Nun zu einem anderen Thema: Angesichts der frei gewordenen UKW-Frequenzen in Nordrhein-Westfalen hat die LfM einen Konsultationsprozess eingeleitet. Liegen schon erste Ergebnisse vor?
Wir sind jetzt zu einem vorläufigen Abschluss gekommen. Unser Ziel war es ja zu erfahren, wer Interesse an diesen Frequenzen hat und sich vorstellen kann, damit etwas zu machen. Wir haben jetzt 20 bis 25 konkretere Interessenbekundungen. Das hat noch nichts mit Anträgen zu tun, hat aber gezeigt, dass so gut wie alle potenziellen Nutzer daran interessiert sind, alle frei gewordenen Frequenzen als Kette zu bekommen. Einzelkapazitäten
scheinen zu schwach, um damit lokal oder sublokal etwas wirtschaftlich Sinnvolles zu machen.
Wird es also bald ein landesweit zu empfangendes neues Radioprogramm in Nordrhein-Westfalen geben?
Das Gesamtpaket der Frequenzen ist für eine landesweite Kette eigentlich nicht stark genug, kann aber dennoch als Beginn einer landesweiten Verbreitung dienen. Als Ergebnis unseres Konsultationsprozesses hat sich für mich herausgestellt, dass die Frequenzen statt für sublokale Hörfunkangebote besser für eine landesweite Kette eingesetzt werden sollten.
Haben neue Player ihr Interesse bekundet oder bekommen die, die schon da sind, künftig noch mehr?
Es gibt Interessenten, die bereits innerhalb oder außerhalb Nordrhein-Westfalens auf dem Radiomarkt tätig sind. Es gibt aber auch Interessenten, die etwas Neues in NRW wagen wollen.
Vom Hörfunk zum Fernsehen: Warum hat es eigentlich das Lokal- oder Ballungsraumfernsehen in Nordrhein-Westfalen so schwer? Woran liegt es, dass vor allem die Zeitungsverlage – wie zuletzt die WAZ –Gruppe bei NRW.TV – immer wieder Rückzieher machen?
Ein Sender wie NRW.TV agiert landesweit, und das ist schwierig, vor allem, wenn man nur im Kabel verbreitet wird. Das Lokalfernsehen hingegen hat es etwas einfacher, weil es näher dran ist am Publikum und seinen Informations- und Unterhaltungsbedürfnissen, aber ein Hemmnis für das lokale und regionale Fernsehen sind ebenfalls die unbefriedigenden
Verbreitungsmöglichkeiten. Das lokale und regionale Fernsehen ist nämlich derzeit auch nur im Kabel verbreitet. Die Satellitenübertragung ist zu teuer. Über eine terrestrische Verbreitung denken wir gerade nach. Wenn ich von vornherein nur die Hälfte der Bevölkerung erreiche, dann habe ich es natürlich doppelt schwer. Dennoch sagen uns die lokalen TV-Programmanbieter, sie seien auf einem guten Weg, auch ohne eine Förderung mit öffentlichen Geldern, wie Bayern das macht.
27.04.2011 | Beitrag erstellt von in digital
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