28.03.2011 | Beitrag erstellt von team in mefo inside


Es gibt viel Wichtigeres in diesen Tagen, als sich Gedanken über einen Medienkongress zu machen. Zugegeben. Wer es trotzdem versucht, hat es nicht ganz leicht. So wie sich haltbar gedachte politische Grundsätze umkehren und binnen weniger Stunden ins glatte Gegenteil verkehren, erleben wir derzeit ganz unmittelbar umwälzende Veränderungen in einer ohnehin dynamischen Medienlandschaft. Wenn die Nachrichtensender im Fernsehen heute keine regelmäßige Social Media Auswertung von Twitter-Feeds und Facebook-Einträgen bringen, entgehen ihnen ebenso wie uns die emotionalsten und unmittelbarsten Eindrücke der japanischen Katastrophe. Skype-Interviews sind die Normalität der Berichterstattung. Videos, auf You-Tube hochgeladen, ersetzen Agenturmaterialien. Allerdings hat nicht erst die tragische Verkettung von Erdbeben, Tsunami und Super-GAU die gestiegene Bedeutung der sozialen Netzwerke und neuen Mediendiensten ins Bewusstsein gerückt.

Auch die zur Staatsaffäre gewordene Plagiierung einer Dissertation ist in ihrer Entwicklung ohne Social Media nicht denkbar. Mit dem Wiki GuttenPlag schafften es einige Nutzerinnen und Nutzer des Internets binnen weniger Stunden, akribisch nachzuzeichnen, wo und woraus in welchem Maße abgeschrieben wurde ohne zu annotieren. Selten ist die Power of the crowd anschaulicher dokumentiert worden. Die vom Guardian mit Hilfe seiner Leserschaft forcierte Auswertung jener Tausenden von Dokumenten, die wikileaks veröffenlichte, war ein vergleichbarer, wenn auch ungleich schwierigerer Versuch des crowdsourcings, der zukünftig ein wichtiges Instrument journalistischer, vor allem recherchierender Tätigkeit sein wird.

Trotz dieser umwälzenden Veränderungen im medialen Machtgefüge  behalten die häufig schon als alt charakterisierten Medien ihre Relevanz. Nicht eines verdrängt das andere, sondern es findet eine Ergänzung und Erweiterung statt, die mit funktionalen Differenzierungen einher geht. Twitter war und ist bei der Echtzeitberichterstattung – trotz der allgegenwärtigen Renaissance des LIVE-Tickers – nicht zu schlagen. Einordnung und Reflexion brauchen dagegen ebenso deutlich längere Formate wie die Abbildung von politischen Meinungsbildungsprozessen und ihre Erklärung. Spannend ist die Frage, ob der erste SPIEGEL-Titel nach Erdbeben und Tsunami ohne Social Media und die damit verbundene weltweite Betroffenheit ebenso apodiktisch und absolut meinungsführend formuliert worden wäre: Das Ende des Atomzeitalters auszurufen, war wenige Tage nach dem Unglück mit seinen unfassbaren Ausmaßen eine mindestens steile These. Sie hat sich für Deutschland in einer unerwarteten Geschwindigkeit in politisches Handeln umgesetzt, dessen Ergebnis derzeit zwar nicht abgeschätzt werden kann, dessen Richtung in diesem Ausmaß aber für die meisten unerwartet war und nach den Landtagswahlen in Baden Württemberg und Rheinland Pfalz erste politische Konsequenzen zeigt. Soziale Medien scheinen für solche Meinungsführerschaften und Leitmedienfunktionen zumindest derzeit noch nicht geeignet, mögen sie aber schneller reifen lassen.

Beim Medienforum.NRW, das wir in diesem Jahr unter die Überschrift „Von Medien, Macht und Menschen“ gestellt haben, wollen wir auch diesen tiefgreifenden Veränderungen und ihren Konsequenzen näher kommen. Was bedeutet es, wenn jede und jeder plötzlich auch Berichterstatter ist oder besser: der persönlichen Einschätzung von Geschehnissen weltweiten medialen Raum geben kann? Welche Verbindungen gehen etablierte und neue Angebote dabei ein, entstehen bisher unbekannte Aggregatzustände, deren Ganzes mehr ist als die Summe der Teile? Was bedeutet es für unser Bild vom Ausland, wenn Reporterbeiträge neben Betroffenenberichten stehen? Wie sortieren wir selber unsere Eindrücke neu? Wer macht unsere Agenda? Wem – um im Twitter-Code zu sprechen - mögen wir noch folgen und trauen ihm zu, unsere Meinungsbildung zu leiten?

Auf diese Fragen und viele weitere wollen wir gemeinsam mit Ihnen Antworten suchen. Neben den sozialen Netzwerken und ihren Folgen stehen aber ebenso die Diskussionen, die sich um Fernsehen, Film und die Angebote der Verlagshäuser ranken. Wir wollen fragen, wer Europas medienpolitische Agenda mit welchen Folgen bestimmt. Wessen Regulierungsentwürfe sind zukunftsfähig, wessen nur die Verbindung in eine alte mediale Ordnung, die sich längst aufgelöst hat? Werden die Angebote von digitalen Supermächten wie Google mit gleichen Maßstäben und auf gleicher Grundlage gemessen wie jene von traditionell regulierten Fernsehangeboten?

Wenn Sie mögen, lesen Sie darüber und die weiteren Themen des Medienforum.NRW in den kommenden Tagen und Wochen mehr auf diesem Blog!

Gernot Gehrke

28.03.2011 | Beitrag erstellt von team in mefo inside
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