28.01.2011 | Beitrag erstellt von in digital,publishing
Das World Wide Web liefert immer mehr Informationen, und Wikileaks deckt Skandale auf. Auch Social-Media-Anwendungen können die Öffentlichkeit bereichern. Dennoch bleiben kommunikative Lücken. Deshalb stehen Journalisten vor der Herausforderung, relevante Informationen zu bündeln und zu interpretieren.
Zu den weltweit größten journalistischen Enthüllungen des Jahres 2010 gehören vier, die ohne das Internet nicht denkbar gewesen wären und alle auf eine Quelle zurückgehen: die Internet-Plattform Wikileaks. Auf dieser Seite können – anonym – geheime Dokumente veröffentlicht werden. Zuletzt wurden mehr als 250.000 interne Berichte und Lagebeurteilungen von US-Botschaften öffentlich gemacht und sorgen seitdem international für diplomatische Verwirrungen und Verwicklungen („Cablegate“).
Im April 2010 machte die Enthüllungsplattform mit dem Video „Collateral Murder“ Bilder zugänglich, die zeigen, wie 2007 von einem US-Hubschrauber aus im Irak auch Zivilisten und Journalisten erschossen wurden. Im Juli stellten Whistleblower Geheimdokumente über den Krieg in Afghanistan („Afghan War Diary“) ins World Wide (Wiki) Web. Schließlich belegten im Oktober fast 400.000 von Wikileaks veröffentlichte Akten, dass unter den 109.032 Opfern des Irakkriegs 66.081 Zivilisten waren („Iraq War Logs“). Die Online-Enthüllungsplattform arbeitete bei der Auswertung der US-, Afghanistan- und Irak-Dokumente zwar mir der New York Times, The Guardian und dem deutschen Nachrichtenmagazin Der Spiegel zusammen. Ohne Wikileaks aber wären die Informationen in dieser Form nie an die Öffentlichkeit gelangt.
Wikileaks will radikale Aufklärung
Unter Wikileaks.org wurden bislang mehr als eine Million Dokumente veröffentlicht. Das Material stammt von Unbekannten, die Inhalte wurden gut getarnt auf Servern in den USA, in Belgien und einigen anderen Ländern gespeichert. Die Macher des Projektes bleiben größtenteils unbekannt. Nur der Gründer Julian Assange taucht ab und zu auf und sorgt immer mal wieder für Schlagzeilen. Wegen eines Verdachts auf Vergewaltigung befindet sich Assange zurzeit im von britischen Behörden überwachten Hausarrest und soll an Schweden ausgeliefert werden. Wikileaks will radikale Öffentlichkeit schaffen, gibt aber selbst nur wenig über sich preis. Nicht zuletzt wegen ihrer rätselhaften Organisation ranken sich inzwischen jede Menge Mythen um die Online-Plattform, die sich selbst als „aggressivste Presseagentur der Welt“ versteht.
Bei Wikileaks ist der Name Programm: Das Wort wikiwiki ist der hawaiische Begriff für schnell, leaks bedeutet Lecks. Tatsächlich ist seit Gründung der Plattform vor vier Jahren in kürzester Zeit einiges durchgesickert und online veröffentlicht worden, was manche Behörde, manches Unternehmen oder mancher Politiker lieber unveröffentlicht gesehen hätte. Dazu gehören Toll-Collect-Verträge für das deutsche LKW-Mautsystem, Feldjägerberichte der Bundeswehr nach dem Angriff auf einen Tanklaster im afghanischen Kundus, Schweizer Bankunterlagen, die auf Steuerfluchtverwicklungen hinweisen könnten, und Belege der isländischen Kaupthing-Bank über Kredite, die teilweise in Milliardenhöhe ohne ausreichende Sicherheiten an verschiedene Eigner der Bank vergeben wurden (siehe Info-Kasten „Wikileaks-Enthüllungen“). Wikileaks versteht den Begriff Aufklärung radikal, manchmal auch ohne Rücksicht auf die Folgen für die Staatsräson, -geheimnisse und -sicherheit oder auf einzelne Betroffene. So droht etwa dem US-Soldaten Bradley Manning eine Verurteilung wegen Geheimnisverrats, weil von ihm die Collateral-Murder-Bilder stammen sollen.
Sind Journalisten überflüssig?
Wikileaks stellt das Verhältnis von Journalismus und Internet auf eine Probe: Haben Journalisten versagt, wenn ein Portal, das von nur wenigen Aktiven betrieben wird, Dinge aufdeckt, die zuvor Tausende von Redakteuren nicht enttarnen konnten? Wird der klassische Journalismus überhaupt noch benötigt, wenn Whistleblower im Internet Missstände offenlegen, ohne dass klassische Medien daran beteiligt sind? Und schließlich: Bietet Wikileaks nicht im Grunde den besseren Journalismus? Sicherlich ist der Informationswert der meisten Dokumente, die von der Enthüllungsplattform bislang veröffentlich wurden, groß. Allerdings bleiben die tatsächlichen Quellen ebenso unklar wie die Methoden, die angewendet werden, um zu überprüfen, ob es sich bei den ins weltweite Datennetz gestellten Unterlagen nicht um Fälschungen handelt. Klassischer Journalismus leistet außerdem mehr als lediglich das Veröffentlichen von Informationen: Er selektiert und interpretiert, er erklärt Zusammenhänge, nennt Quellen, bemüht sich um Ausgewogenheit und lässt diejenigen, die von aufbereiteten Inhalten unmittelbar betroffen sind, zu Wort kommen. All dies beinhaltet beispielsweise die am 25. Juli 2010 bei Wikileaks veröffentlichte Sammlung von 76.911 Dokumenten über den Krieg in Afghanistan nicht.
Ohne die Kooperation mit Spiegel, Guardian und New York Times hätten wohl nur wenige Mitglieder der weltweiten Online-Gemeinde den Afghanistan-Report gefunden und richtig deuten können. Noch gilt, dass alles, was die klassischen Medien nicht aufgreifen, von der Mehrheit der Menschen nicht wahrgenommen wird. Ohne die drei „Medienpartner“ hätte Wikileaks das Material gar nicht auswerten können – und die meisten Internetnutzer ebenfalls nicht. Unbestritten bleibt jedoch die Tatsache, dass sich brisante Dokumente im World Wide Web leicht anonym verbreiten lassen. Damit wird Wikileaks zu einer wesentlichen Quelle für Journalisten.
Internet als Informationsquelle
Als dem britischen Investigativjournalisten David Leigh im vergangenen Jahr untersagt wurde, im Guardian einen Bericht zu veröffentlichen, der einen Giftmüllskandal des Rohstoffhandelsunternehmens Trafigura an der Elfenbeinküste aufdecken sollte (Minton-Report), erschienen entsprechende Unterlagen plötzlich bei Wikileaks. Dürfen Journalisten eigene Quellen nicht nennen, kann die Enthüllungsplattform ebenfalls helfen, Skandale öffentlich zu machen. Wikileaks ist eine Mischung aus einem geheimen Online-Briefkasten und publizistischem Ventil. In jedem Fall aber bedarf es Experten, von denen die Daten ohne Absender intersubjektiv nachvollziehbar geprüft und verifiziert, kritisiert und interpretiert werden. „Man braucht nach wie vor Journalisten, die das Material bearbeiten und eine fundierte Analyse anstellen“, sagte Leigh in einem Zeitungsinterview.
In jedem Fall aber entwickelt sich das Internet zu einer interessanten Informationsquelle, und die klassischen Medien haben einen Teil ihrer Informationshoheit eingebüßt. Dabei spielen auch Blogger-Plattformen eine große Rolle. So tauchten etwa im Blog-Netzwerk von Gawker Media Bilder auf, die belegen, dass der Ölkonzern British Petroleum (BP) für seine PR-Kampagne anlässlich der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko Hubschraubermotive manipulierte. Selbst YouTube liefert manchmal Videosequenzen, die zur wichtigen Quelle werden können. Dies war zum Beispiel der Fall, als vor zwei Jahren eine Lufthansa-Maschine beim Anflug auf den Hamburger Flughafen von einer Windböe erfasst wurde. Bei den Anschlägen im indischen Mumbai (2008), beim Amoklauf in Winnenden (2009) oder bei der Airbus-Notlandung auf dem Hudson River (2009) stammten erste Meldungen von Twitter (siehe Artikel „Ersetzt Twitter den Newsticker?“).

Studie über Twitter und Redaktionen
Mittlerweile kann es sich kaum noch eine Redaktion leisten, nicht kontinuierlich einen Blick auf die Social-Media-Welt zu richten. Auch wenn von den etwa neunzig Millionen Tweets, die weltweit pro Tag abgesetzt werden, weniger als ein Promille journalistisch relevant ist, so liefern sie doch oft spannende Informationen, die von Journalisten geprüft und weiterverarbeitet werden können. Professor Christoph Neuberger, der im Frühsommer mit einem Forscherteam des Instituts für Kommunikationswissenschaft der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster das Phänomen „Twitter und Journalismus“ untersuchte, kam zu interessanten Ergebnissen. Dabei zeigte sich, dass Twitter im Social-Media-Bereich „die von den meisten Redaktionen genutzte Anwendung ist, und zwar noch vor Weblogs, ‚Social Bookmarking‘-Diensten, Facebook, YouTube, StudiVZ/MeinVZ und MySpace“. Bei der Einschätzung der Quellenrelevanz für die tägliche Arbeit und/oder die Interaktion mit den Nutzern erreichte Twitter den zweiten Rang hinter Facebook. Die im Auftrag der Landesanstalt für Medien NRW (LfM) erstellte Studie, deren Publikation gratis bei der LfM bestellt werden kann (lfm-nrw.de), zeigte aber auch, dass noch immer etwa zwei Drittel der befragten Redaktionen Twitter für die tägliche Arbeit als „eher unwichtig“ betrachtet.
An der Online-Befragung für die Münsteraner Untersuchung beteiligten sich Redaktionsleiter der Internetangebote von 57 Tages-, Sonntags- oder Wochenzeitungen sowie Publikumszeitschriften, von elf Rundfunkanbietern und zwei reinen Web-Angeboten. Abschließend heißt in im Bericht über die Studie: „Die befragten Redaktionen nutzen Twitter für Eigenwerbung, Recherche, Live-Berichterstattung und Nutzerinteraktion, d. h., sie integrieren das Angebot in ihre eigenen Internetaktivitäten. Hinweise auf eine Konkurrenz zwischen bürgerjournalistischen Twitter-Accounts und dem professionellen Journalismus ließen sich nicht erkennen.“ Insgesamt hielten die Redaktionschefs die Kompetenz ihrer Mitarbeiter im Umgang mit Social-Web-Angeboten übrigens in sechzig Prozent der Fälle für „stark verbesserungswürdig“. Die Resultate der Befragung zeigen das ambivalente Verhältnis zwischen traditionellem Journalismus und dem Social Web. Die meisten Redaktionen fühlen sich durch solche Angebote bereichert, sind aber zugleich verunsichert.

Blick auf das Social Web
Bei einer Befragung der University of Sunderland und des PR-Dienstleisters Cision unter 549 Journalisten aus Großbritannien, Frankreich und Deutschland deuteten fünfzig Prozent der Antworten darauf hin, dass Redakteure Social-Web-Dienste für wichtig halten. Dabei wurde von Journalisten sowohl auf die Recherchemöglichkeiten als auch auf zusätzliche Vermarktungsplattformen hingewiesen. Von den Befragten nutzten sechzig Prozent mindestens einmal pro Woche Wikipedia bei der Recherche, aber nur 22 Prozent Weblogs. Social-Media-Angebote können über Wiki-Projekte und Twitter hinaus aber auch auf andere Weise den Journalismus verändern. So lassen sich über Weblogs, Facebook und Twitter eigene Inhalte oder entsprechende Hyperlinks dazu im Internet verbreiten. Außerdem können Communitys für Recherchen und Umfragen genutzt werden. Schließlich erleichtern viele Web-2.0-Angebote darüber hinaus den Dialog mit anderen und senken die Zugangsbarrieren für potenzielle Rezipienten. Auf solchen Ideen basieren auch moderne Bürgerjournalismus-Modelle.
Allmählich macht die Flut der Online-Angebote dem Journalismus das Deutungsmonopol streitig. Bei genauerem Hinsehen lässt sich allerdings schnell feststellen, dass die meisten Inhalte des World Wide Web jenseits von Journalismus aus Public Relations oder Social-Web-Angeboten bestehen. Weder das eine noch das andere kann Journalismus ersetzen. Während es PR-Texten am objektiven Standpunkt eines Betrachters von außen fehlt, dienen Weblogs und Communitys vor allem dem Austausch subjektiver Einzelmeinungen. Insofern haben soziale Netzwerke nur eine eingeschränkte publizistische Funktion, aber eine sozial-kommunikative für bestimmte gesellschaftliche Gruppen. So bleibt es dem Journalismus als publizistische Kernaufgabe auch weiterhin vorbehalten, aus der Flut von Fakten und Meinungen das herauszufiltern, was für die Gesamtheit der Gesellschaft wichtig ist. Dies gilt umso mehr, als große gesellschaftliche Institutionen – egal ob Parteien, Kirche oder Gewerkschaften – an Bindungskraft verlieren, während gleichzeitig eine wachsende soziale Differenzierung und Fragmentierung zu beobachten ist.
Ergänzung statt Substitution
Wenn sich die neuen Kommunikationsangebote des Internets und der klassische Journalismus ideal ergänzen, dann bietet das World Wide Web zusätzliche Quellen, weitere Kommunikationskanäle und Interaktionsmöglichkeiten. Journalisten müssen im Gegenzug Ordnung in die Fülle von Informationen bringen. Für die klassischen Medien bliebe also viel zu tun: Sie wären Lotsen im Netz, würden Informationen auf ihre Echtheit, Aktualität und Relevanz überprüfen, sie einordnen und dafür sorgen, dass bei all dem Datenschutz-, Urheber- und Persönlichkeitsrechte gewahrt werden. Schließlich geht es ebenso um eine raum-zeitliche Synchronisation vielfältiger Online-Inhalte wie um eine soziale Reorganisation von Informationen und die Reflexion, für die im unablässigen Internet-Datenstrom keine Zeit bleibt.
28.01.2011 | Beitrag erstellt von in digital,publishing
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