25.01.2011 | Beitrag erstellt von in digital,publishing,special nrw
Immer mehr Journalismus-Studiengänge werden crossmedial ausgerichtet. So versuchen die Hochschulen auf den Trend zu reagieren, dass ehemals getrennte Mediengattungen im Internet miteinander verschmelzen. Auf den Studienplänen stehen deshalb auch Angebote wie Web-Publishing oder Handy-Reporting.
Wer früher Journalist werden wollte, der arbeitete meist schon als Schüler für eine Lokalzeitung. Dort sammelte er Erfahrungen und Arbeitsproben. Am Anfang standen Wochenend- und Abendtermine, später kamen vielleicht kleine Reportagen hinzu. Die Artikel wurden auf der Schreibmaschine geschrieben. In den 80er-Jahren tauchten in den Redaktionen dann die ersten Textverarbeitungssysteme auf.
Die klobigen Computer leisteten kaum mehr als eine elektrische Schreibmaschine, von der aus die Artikel immerhin direkt an die Metteure übertragen werden konnten, die daraus Zeitungsseiten erstellten. Bilder wurden von Fotografen noch in der Redaktionsdunkelkammer entwickelt. Darüber hinaus aber waren wenige technische Fähigkeiten gefragt. Der Vorläufer des heutigen Copy-and-Paste-Verfahrens hieß damals übrigens „Solinger Mitarbeiter“. Dabei handelte es sich um nichts anderes als eine Schere, mit der fremde Texte von Redakteuren gekürzt wurden, bevor sie mit einem Titel versehen und dann per Kurier zur Druckerei gebracht wurden. Tausende von Journalisten erlebten so ihren Berufseinstieg. Sie studierten parallel zu ihren ersten Redaktionserfahrungen, und wer Glück hatte, ergatterte anschließend ein Volontariat. Eine Alternative dazu gab es praktisch nicht.
Crossmedia auf dem Lehrplan
Prägten einst die Lokalzeitungsredaktionen die ersten journalistischen Gehversuche vieler Berufsanfänger, so steht ihnen heute mit dem World Wide Web gleich die ganze Welt offen: Eigene Homepages, Weblogs, Podcasts und natürlich YouTube bieten ideale Plattformen für die ersten eigenen publizistischen Projekte. Zugleich spiegelt sich in diesem Medienangebot fast alles wider, was jungen Journalisten in ihrer späteren Laufbahn begegnen wird. Deshalb reichen auch die Studienangebote von einst schon lange nicht mehr aus. Gefragt sind Bachelor- und Masterabschlüsse in den Bereichen Online-Journalismus oder Crossmedia. Knapp zehn Jahre, nachdem in Darmstadt der erste Studiengang startete, der für das Medium Internet konzipiert worden war, existieren mittlerweile mehrere Angebote dieser Art. So beginnen etwa an der Fachhochschule Köln seit 2003 in jedem Sommersemester dreißig Bachelor-Studierende ihre Ausbildung zum Online-Redakteur. „Die Absolventen können sowohl in den Online-Redaktionen von Medienbetrieben und Verlagen als auch von Wirtschaftsunternehmen arbeiten“, heißt es auf der Website des zuständigen Instituts für Informationswissenschaft. Beim Dortmunder Institut für Journalistik gehören sowohl Video- und Fernsehjournalismus als auch die crossmediale Entwicklung des Journalismus zu den Fachschwerpunkten. In der mehr als dreißigjährigen Geschichte des Instituts sind immer mehr Mediengattungen zum Ausbildungsportfolio hinzugekommen. Mithilfe von vier Lehrredaktionen werden Theorie und Praxis verzahnt. Im Juni 2009 startete mit dem Online-Portal pflichtlektuere. com eine eigene Internetseite, die von Studierenden des Instituts für Journalistik entwickelt und betreut wird. Die drei übrigen Lehrredaktionen sind für das Campus-Radio eldoradio, das Uni-Fernsehen do1.TV und die Printversion von pflichtlektuere.com zuständig. So lernen die Studierenden, Inhalte für die unterschiedlichen Mediengattungen aufzubereiten.
Seminare über Suchmaschinenmarketing
Auch an der RTL Journalistenschule und der Kölner Journalistenschule, an der Berliner Axel Springer Akademie, der Hamburger Henri-Nannen- Schule sowie der Deutschen Journalistenschule oder der Burda Journalistenschule in München gehört multimediales Arbeiten längst zum Ausbildungskanon. Suchmaschinenoptimierung oder das Management von Online-Communitys können inzwischen von Journalistenschülern und Studierenden ebenso erlernt werden wie der Umgang mit Mikrofon und Kamera. Andere Seminarthemen heißen Handy-Reporting, Webdesign und -publishing sowie Navigation und Nutzerführung. Zugleich aber mussten fast alle Institute Abstriche in anderen klassischen Lehrplanbereichen machen. Die dicht gedrängten Bachelor-Curricula lassen zurzeit nur noch wenig Raum für Medienethik, Wirkungsforschung oder Zeitungsgeschichte (siehe Artikel „Über den Master zum Medienspezialisten“). Nachwuchsjournalisten, die in der Hochschule über solche Themen mehr erfahren wollen, müssen Kommunikations- oder Medienwissenschaften studieren. Für Journalisten, die bereits einen Studienabschluss haben und sich für die Crossmedia-Welt qualifizieren wollen, haben einige Hochschulen auch berufsbegleitende Weiterbildungen entwickelt. So bietet etwa die Leipzig School of Media Masterabschlüsse für die vier Bereiche Content and Media Engineering, Corporate Publishing, Crossmedia Publishing und New Media Journalism an. Auch die Hochschule Magdeburg-Stendal hat soeben ein berufsbegleitendes Masterprogramm namens Cross Media gestartet. Die Qualifizierung soll die Bereiche Journalismus, Interaction Design und Management verbinden, um den fachübergreifenden Anforderungen in der Medienbranche gerecht zu werden. In Österreich bietet neuerdings das Institut für Journalismus & Medienmanagement der Fachhochschule Wien ein viersemestriges berufsbegleite
Selbstvermarktung als Studieninhalt
Mehr als je zuvor benötigen Journalisten künftig außer dem klassischen Handwerkszeug auch technische Kompetenz. Wer crossmediale Arbeitstechniken beherrschen will, sollte zumindest wissen, wie welches Medium funktioniert. Oft aber müssen auch Filmbeiträge fürs Internet selbst gedreht und geschnitten oder Websites aktualisiert werden, ohne dass dabei Mediengestalter die technische Umsetzung übernehmen. Diese Entwicklung zeichnete sich zuerst in den USA ab und wird nun auch zunehmend in Europa erkennbar. In den USA haben einige Hochschulverantwortliche außerdem bereits einen Schritt weiter gedacht und lehren inzwischen auch unternehmerischen Journalismus (Entrepreneurial Journalism). Dadurch sollen Studierende in die Lage versetzt werden, sich und ihre Produkte später online selbst zu vermarkten. Als Idee steckt dahinter, dass Texte, Töne und Bilder im Internet auch direkt vom Erzeuger (Journalisten) an die Leser, Hörer oder Zuschauer gelangen können (siehe Artikel „Online-Kiosk statt Gratis-Internet?“). Selbstmarketing und Online-Vermarktung stehen in Deutschland allerdings nur ansatzweise in den Studienplänen einiger Journalistenschulen. Ob dies so bleibt, hängt auch vom Arbeitsmarkt für angestellte Journalisten ab. Sollten immer mehr feste Stellen abgebaut werden, gibt es zu unternehmerischem Journalismus kaum noch eine Alternative.
25.01.2011 | Beitrag erstellt von in digital,publishing,special nrw
Kommentar erstellen | Trackback-Link Views: 1528
- 0 Kommentar(e)




