Eigentlich hatte Nicholas Carr die Angelegenheit schon im vergangenen Jahr gewohnt leichthändig und elegant erledigt. Von Marshall McLuhan sei, wenn man sich dem Phänomen Twitter nähere, wenig zu erwarten, so Carr in seinem Encyclopedia Britannica-Blog. Der kanadische Medienphilosoph hätte schon auf den Wandel des Mediums Telefon keine erhellende Antwort mehr gefunden. Dann schon eher Jean Paul Baudrillard – trotz Carrs Abneigung gegenüber Post- oder Postpostmaterialisten und erst Recht den französischen. Nun respektieren wir Carr nicht nur für seinen klugen Essay „Is Google making us stupid“. Auch sein neues Buch „Wer bin ich, wenn ich online bin … … und was macht mein Gehirn solange“ scheint interessant und lesenswert. Trotz seiner Hinweise möchte ich mich aber auf eine (ganz) kleine Suche danach machen, ob McLuhan uns etwas über das Phänomen Twitter mitteilen kann. Der Wunsch danach entstand bei mir durch den 2. Düsseldorfer Twittwoch.

Ich twittere seit Januar 2009 mal mehr, mal weniger und finde es sehr spannend, ganz unmittelbar mitzuerleben, wie sich ein neuer Übertragungskanal entwickelt, vielleicht sogar ein neues Medium eine Schneise schlägt. So oder so werden dabei genau die Reflexe ausgelöst, die wir aus anderen Medienumbrüchen kennen. Es sind dies – gerade in Deutschland – sehr häufig Befürchtungen, die mit der Etablierung einer Veränderung von Kommunikationswegen einher gehen. Oft ist es die Angst vor einem Weniger an Qualität. Also: Botschaften begrenzt auf 140 Zeichen, das kann nicht gut gehen.
Es sind aber genau so häufig auch überzogene Erwartungen, die mit dem Aufkommen neuer Medien verbunden werden: Endlich kann sich jeder äußern und jeder informieren – das ist die wahre Demokratie. Massenhaft treten daneben die beliebten Querbezüge zu anderen Medien auf, die schnell hergestellt werden und dabei über das Ziel hinaus schießen: Morgen ist die Zeitung tot. Email ist ja so 1.0 – das macht doch keiner mehr. Wer braucht noch klassischen Journalismus? Times are good for the doomsayers. Und es sind Phänome, die man vor allem dann beobachten kann, wenn man selbst mitnutzt. Ich war z.B. ein bisschen erschrocken über die aufgeheizte Stimmung, die im Zuge der Freischaltung von Google Streetview von einigen gegenüber jenen geschürt wurde, die für Verpixelung gesorgt hatten. Wir erleben das bei der Diskussion um den JMStv (Jugendmedienschutz-Staatsvertrag) gerade neu, weil es auch hier offenbar keine zwei Meinungen geben darf – jedenfalls nicht bei vielen, die Twitter für ihre Meinungsäußerung (oder sind es Kampagnen?) nutzen. Und ich war sehr gerührt als ich im vergangenen Jahr in Stockholm tatsächlich über Twitter vom Tod von Robert Enke erfahren und die überwältigende Anteilnahme registriert habe, die sich sofort durch Twitter zog. Aktuell freue ich mich immer häufiger über Informationen via Twitter, die für mich als ständigen Sucher nach interessanten (Medien-)Themen und (Medien-)Menschen im Beruf außerordentlich wichtig sind, und die ich, wie ich mehr und mehr feststelle, auf anderen Wegen oft nicht erhalte.


Ist das eine wie das andere spezifisch für Twitter, fragt man sich. Ist also tatsächlich das Medium die Botschaft, diese Massage des menschlichen Geistes, um mit McLuhan und seinem wunderbaren, von ihm gewollten Druckfehler bei der Veröffentlichung des Buches The Medium is the Massage (deutsch: Das Medium ist die Botschaft) zu sprechen? Begünstigt die Form eine bestimmte Entwicklung, macht sie bestimmte Inhalte wahrscheinlich? Ist z.B. die Beschränkung auf 140 Zeichen stilgebend und ursächlich dafür, dass Manches derart verkürzt und überspitzt wird, dass ihm ein Sinn und jegliche Qualität abhanden kommen? (Wer Peter Glaser auf Twitter folgt, weiß, dass es nicht so sein muss.) Wie aber verändert sich Kommunikation, welche Folgen können daraus für wen resultieren? Die folgenden McLuhan-Zitate stammen aus dem deutschen Wikipedia-Eintrag zu McLuhans Leben und Werk und können Ausgangspunkt für ein Nachdenken über Twitter (und natürlich auch über McLuhan) sein.


 „Wenn eine neue Technologie einen oder mehrere unserer Sinne in die soziale Welt ausdehnt, werden sich neue Verhältnisse zwischen allen unserer Sinne ergeben. Dies ist vergleichbar mit dem Hinzufügen einer neuen Note zu einer Melodie. Wenn sich die Verhältnisse der Sinne in irgendeiner Kultur ändern, wird das, was vorher klar war trüb werden, und was unklar oder trüb war wird durchsichtig werden.“ (Gutenberg Galaxy, 1962, S. 41)“


Den Begriff der sozialen Welt verstehen wir vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklungen rund um das Internet und dem Aufstieg von Social Media heute sicher anders, als McLuhan ihn damals konzipiert hat. Trotzdem kann man den Satz auf die Effekte, die Twitter erzeugt, beziehen und sie selbst ganz allgemein und für sich einer kritischen Prüfung unterziehen. Trüb? Klar? Trüber, klarer?


„Das Hauptkonzept von McLuhans Argumentation (die später in The Medium is the Massage: An Inventory of Effects (1967) vervollständigt wurde) ist, dass neue Technologien (wie Schriftsysteme, Druckmaschinen und Sprachen) eine Anziehungskraft auf die Kognition ausüben, die sich umgekehrt auf die soziale Organisation auswirken. [..]

McLuhans bekanntestes Werk ist eine prägende Studie der Medientheorie. McLuhan schlug darin unter dem Slogan Das Medium ist die Botschaft vor, dass nicht der durch Medien übertragene Inhalt, sondern das Medium selbst der Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchung sein sollte. McLuhan nahm an, dass nicht der übertragene Inhalt eines Mediums, sondern die Charakteristiken eines Mediums sich auf die Gesellschaft, in der das Medium auftritt, auswirken.“


Das wird heute kaum noch bestritten. Längst haben sich die meisten die damals vor allem kulturkritisch verstandene Perspektive zu Eigen gemacht. Dass jedes Medium eine spezifische Aufbereitung des Inhalts erfordert, Fernsehen dabei andere Anforderungen stellt als Zeitungen, und Bücher andere als das Radio, gilt heute als kommunikationswissenschaftliche Binse. Haben wir das für Twitter ebenfalls schon akzeptiert oder hieße das, dem neuen Kanal einen Status zuzuschreiben, den er (noch) nicht besitzt?


„In Das Medium ist die Massage bereitete McLuhan das im Vorwort von Die Gutenberg Galaxis erschienene Argument wieder auf, dass Medien Erweiterungen unserer menschlichen Sinne, des Körpers und des Geistes sind. […] In alle Technologien sind ihnen eigene Vorstellungen von Raum und Zeit eingebettet. Die Botschaft, die das Medium überträgt, kann nur verstanden werden, wenn das Medium und die Umgebung, in der es verwendet wird - und die es zugleich schafft - zusammen analysiert werden. McLuhan glaubte, dass die Untersuchung des Figur-Hintergrund-Verhältnisses einen kritischen Blick auf Kultur und Gesellschaft offenbaren würde.“


Ich finde dies für Twitter ganz besonders zutreffend. Das Bild von Medien als Erweiterungen unserer menschlichen Sinne, des Körpers und des Geistes klingt den meisten möglicherweise stark entrückt und angesichts Vielem, was über den neuen Kanal rauscht, seltsam überhöht. Trotzdem ist natürlich gerade das persönliche Microblogging bisweilen in besonderer Weise Ausdruck der eigenen (geistigen) Verfasstheit, örtlicher wie raum-zeitlicher Bedingungen – und zwar im negativen ebenso wie im besten positiven Sinne.
Ich freue mich deshalb auf und über viele Studien, die das Nutzungsverhalten rund um Twitter analysieren. Das Internet & American Life Project des Pew Research Centers hat für die USA gerade seine erste eigenständige Twitter-Studie vorgelegt. Christoph Neuberger etwa hat mit seiner Studie zu Twitter im deutschen Journalismus einen guten Beitrag geliefert.
Und ich sehe die Twittwochs vielerorten mit großer Sympathie. Sie fragen und suchen – in Zeiten des Umbruchs ist das wichtiger, als ständig so zu tun, als wisse man schon alles.

Gernot Gehrke

17.12.2010 | Beitrag erstellt von team in mefo inside
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Nachtrag

Heute in der Post: "Digital McLuhan - A Guide to the Information Millennium" von Paul Levinsson. "Levionson provides a useful service", schrieb die New York Times. "He applies McLuhanism to almost every facet of modern communications." Über Twitter konnte er noch nicht schreiben. Das Buch wurde erstmals 1999 veröffentlicht.

20.01.2011 | 13:32 | Kommentar erstellt von Gernot Gehrke  | Website: 

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