20.12.2010 | Beitrag erstellt von in digital,special nrw

Bis 2016 soll in Deutschland eine fast flächendeckende Versorgung mit der Funktechnologie LTE entstehen. Dann werden auch in ländlichen Gebieten breitbandige Internetanschlüsse möglich sein. Telekom, Vodafone und O2 rüsten bereits ihre Sendeanlagen um. Geeignete Endgeräte sollen 2011 auf den Markt kommen.
In Raesfeld, Waldbröl, Extertal und Kall wurden die Mobilfunk- Sendemasten bereits umgerüstet, um im kommenden Jahr schnelle Online-Verbindungen am Niederrhein, im Oberbergischen Land, in Ostwestfalen und in der Eifel zu ermöglichen. Telekom, Vodafone und O2 arbeiten zurzeit mit Hochdruck daran, für ihre im Mai ersteigerten Frequenzen neue Sendenetze aufzubauen. Vodafone will bereits bis März 1.500 von bundesweit 22.000 Sendeanlagen auf den neuen Standard Long Term Evolution (LTE) vorbereiten (siehe Artikel „Pilotprojekt für neuen Mobilfunkstandard“). Die Telekom verspricht, in diesem Jahr 500 und im kommenden Jahr tausend Sendemasten umzurüsten, und auch O2 kündigte an, bis Ende 2011 über etwa 1.500 LTE-Sendeanlagen zu verfügen. Vor allem dank der frei gewordenen, ehemals für das analoge terrestrische Fernsehen genutzten Frequenzen (digitale Dividende/790-862 MHz) soll so die Zeit langsamer Online-Anschlüsse in vielen ländlichen Gebieten bald vorbei sein.
Versorgung für die „weißen Flecken“
Als Telekom, Vodafone und O2 für insgesamt knapp 3,6 Milliarden Euro die sechs Frequenzblöcke im 800-MHz-Bereich ersteigerten, mussten sie sich verpflichten, zunächst die dünn besiedelten ländlichen Regionen zu versorgen, in denen es noch immer an breitbandigen Internetanschlüssen mangelt. So sollen bis 2016 neunzig Prozent der unterversorgten Gebiete mit der neuen LTE-Technologie ausgestattet werden, um die „weißen Flecken“ auf Deutschlands Online-Versorgungsatlas zu beseitigen. Aufgrund des niedrigen Frequenzbereichs ermöglichen die neuen 800-MHz-Ressourcen eine ziemlich große Reichweite. Im Unterschied zu den von E-Plus erworbenen Kapazitäten im höheren Frequenzspektrum (acht Frequenzblöcke für 284 Millionen Euro) kommen Telekom, Vodafone und O2 deshalb mit relativ wenigen Basisstationen aus. Die früher für das analoge Antennenfernsehen genutzten Frequenzen ermöglichen einen Versorgungsradius pro LTE-Sendestation von bis zu zehn Kilometern. Deshalb wollen insbesondere die Telekom und Vodafone die LTE-Versorgung noch zügiger ausbauen als vorgeschrieben. Bei den neuen LTE-Netzen für völlig un- oder unterversorgte Online-Regionen dürfen sich die LTE-Anbieter nach Auskunft der Bundesnetzagentur auch absprechen. So soll verhindert werden, dass in der Frühphase der neuen Mobilfunkgeneration in dünn besiedelten Landstrichen zu hohe Kosten entstehen. Vodafone setzt seinen Versorgungsschwerpunkt zunächst auf Nordrhein-Westfalen, die Telekom baut anfangs vor allem in Ostdeutschland ihre Sendeanlagen um. Die beiden Marktführer wollen ihre ersteigerten Kapazitäten nicht lange ungenutzt lassen. Schließlich darf die lukrativere LTE-Verwendung der digitalen Dividende in den Metropolen erst beginnen, wenn fast alle weißen Flecken verschwunden sind. Und noch etwas lockt die Unternehmen: Wer in einer Region als Erster vertreten ist, kann versuchen, die Kunden mit einem Bündelangebot aus Festnetz und Mobilfunk dauerhaft an sich zu binden.
LTE -Start für 2011 geplant
Mit den ersten Endgeräten rechnet die Branche für das kommende Jahr. Dann sollen kleine Antennen oder USB-Surfsticks jeden PC und jedes Laptop mit einem breitbandigen Online- Anschluss versorgen können. Damit lassen sich Übertragungsraten von zunächst fünfzig Mbit /s erreichen. Das ist ein Vielfaches dessen, was im Mobilfunkbereich derzeit mit real etwa zwei Mbit /s der gängige HSDPA-Standard ermöglicht. Wenn im zweiten Halbjahr 2011 auch die ersten LTE-Mobiltelefone erhältlich sein werden, können Kunden auf ihrem Handy sogar Videos in HD-Qualität empfangen. Dies funktioniert allerdings nur, falls in einer Funkzelle nicht allzu viele LTE-Smartphones gleichzeitig genutzt werden. Ähnlich wie beim momentan aktuellen Universal Mobile Telecommunications System (UM TS) gilt auch für den neuen Standard nämlich, dass mit der Anzahl der Nutzer in einem Sendebereich die Datenrate pro Endgerät sinkt. LTE bietet zwar große Bandbreiten, wird für die Nutzer aber nicht ganz billig werden. Bislang hat nur Vodafone konkrete Tarife vorgestellt. Wer sich mit einer Geschwindigkeit von 7,2 MB it /s begnügt, soll monatlich für seinen Surfstick-Anschluss (10 GB Highspeed-Volumen) 42,59 Euro zahlen. Die Internet-Flatrate mit bis zu 21,6 MB it /s (15 GB Highspeed-Volumen) wird 52,49 Euro kosten und das Premium- Angebot mit einer 50-MB it/s-Flatrate (15 GB Highspeed-Volumen) schlägt mit 72,49 Euro zu Buche. Hinzu kommt ein einmaliger Anschlusspreis von 24,99 Euro. Die Mindestvertragslaufzeit für alle LTE-Tarife beträgt 24 Monate. Branchenexperten gehen davon aus, dass künftig im LTE-Bereich vor allem Volumentarife angeboten werden.
Störungen beim TV-Empfang möglich
Außer den Preismodellen der Vodafone-Konkurrenz sind auch noch einige technische Fragen unklar. Erste Tests haben gezeigt, dass es durchaus zu Störungen des TVEmpfangs kommen kann, wenn sich LTE-Anschluss oder -Handys in der Nähe von Fernsehgeräten befinden. Weil die benachbarten Frequenzbereiche für den Fernsehempfang genutzt werden, können sogenannte Interferenzen dazu führen, dass auf dem TV-Bildschirm kein Bild oder nur noch farbige Klötzchen zu sehen sind. Bislang wurden solche Störungen in Laborversuchen sowohl bei einigen Digital- Receivern und Flatscreens als auch bei Kabelmodems festgestellt. Vor allem wenn solche Geräte schlecht nach außen abgeschirmt sind, lassen sich Probleme nicht ausschließen. Abhilfe könnte dadurch geschaffen werden, dass die Sendeleistung der LTE-Basisstationen gesenkt wird.
Eventuelle Kosten der Störungsbeseitigung müssen vom Verursacher getragen und dürfen nicht den Kabelnetzbetreibern angelastet werden“, fordert Carsten Engelke. Der technische Leiter des Verbandes Deutscher Kabelnetzbetreiber (ANGA ) schlägt außerdem vor, künftig die Bundesnetzagentur zu verpflichten, die Verträglichkeit mit der Nutzung leitungsgebundener Infrastrukturen bereits bei der Frequenzplanung sicherzustellen. Auch die Verbraucherschutzzentralen und das von den öffentlich-rechtlichen „Eventuelle Kosten der Störungsbeseitigung müssen vom Verursacher getragen und dürfen nicht den Kabelnetzbetreibern angelastet werden“, fordert Carsten Engelke. Der technische Leiter des Verbandes Deutscher Kabelnetzbetreiber (ANGA) schlägt außerdem vor, künftig die Bundesnetzagentur zu verpflichten, die Verträglichkeit mit der Nutzung leitungsgebundener Infrastrukturen bereits bei der Frequenzplanung sicherzustellen. Auch die Verbraucherschutzzentralen und das von den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten finanzierte Institut für Rundfunktechnik (IRT) schätzen das ungeklärte Störungspotenzial als kritisch ein.
Bund-Länder-Streit um Finanzen
Ebenfalls ungelöst ist das Problem der Störung von Anlagen aus den Bereichen drahtloser Reportagetechnik und Bühnenmikrofone. Sie alle müssen demnächst ausgetauscht werden. Der nordrhein-westfälische Medienstaatssekretär Marc Jan Eumann (SPD) forderte deshalb die Bundesregierung auf, ihr Versprechen einzuhalten und alle Betroffenen angemessen zu entschädigen, deren Mikrofonanlagen künftig aufgrund von Mobilfunkstörungen wertlos werden. „Schlimmstenfalls könnten die derzeit genutzten Funkmikrofone bei entsprechender Verbreitung von LTE-Handys und -Funkmodems schon im kommenden Jahr zu Technikschrott werden“, warnt Eumann. Der Forderung der Länder nach einer Entschädigung in Höhe von 750 Millionen Euro steht derzeit ein Angebot des Bundes von maximal 200 Millionen Euro gegenüber. Ein Finanzierungsmodell, das die Nutznießer der digitalen Dividende an den Kosten für die Ersatzbeschaffung drahtloser Mikrofonanlagen beteiligt, ist übrigens nicht geplant.
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