Die deutsche Free-TV-Branche hat auf sinkende Werbeeinnahmen mit einem rigiden Sparkurs reagiert. Zwar geht das reine Sendeminuten-Volumen neuer Produktionen nicht zurück. Gefragt sind aber vor allem preiswerte oder gar billige Formate. Angesichts schrumpfender Etats sind teure Filmprojekte und künstlerische Freiräume bedroht.

Weil die Wirtschafts- und Werbekrise die TV-Branche zur Kostensenkung gezwungen hat, rechnet fast die Hälfte der deutschen TV-Produzenten für dieses Jahr mit sinkenden Umsätzen. Zu diesem Ergebnis kam die Produzentenallianz, als sie im Frühjahr ihre fast 200 Mitglieder befragte. Schuld daran ist offenbar weniger eine mangelnde Auftragslage, sondern vielmehr die „ungenügende Bezahlung für geforderte Leistungen“, teilte die Allianz mit. Zumindest seien etwa siebzig Prozent der Befragten dieser Ansicht. Fast alle TV-Programmanbieter müssen sparen und geben den Kostendruck inzwischen an die Produzenten weiter. Davon sind am meisten kleinere Unternehmen betroffen, deren Existenz oft nur von wenigen Kunden abhängt. Prominentestes Beispiel dafür ist die Pro GmbH, die trotz prominenter Gesellschafter wie Alfred Biolek, Dirk Bach und der Senator Entertainment GmbH im März Insolvenz anmelden musste.

Sinkende Gewinnspannen

Etwa drei Milliarden Euro werden in Deutschland pro Jahr für TV-Produktionen ausgegeben. Ungefähr zwei Drittel dieses Auftragsvolumens entfallen auf ARD und ZDF, ein Viertel auf die beiden großen Senderfamilien der Mediengruppe RTL Deutschland und der ProSiebenSat.1 Media AG . Fast alle der etwa 560 deutschen Produktionsfirmen mussten in den vergangenen beiden Jahren mit sinkenden Gewinnspannen leben. Auslöser dieser Entwicklung war, dass vor allem die privatwirtschaftlichen Free-TV-Unternehmen drastische Sparmaßnahmen einleiteten. Die RTL Group hatte angesichts zweistelliger Umsatzeinbußen schon im ersten Halbjahr 2009 ihre Kosten um 198 Millionen Euro gesenkt, wovon etwa zur Hälfte die deutschen Programme RTL, Vox und n-tv betroffen waren. Im dritten Quartal 2009 wurden die Ausgaben um weitere etwa hundert Millionen Euro gekürzt. ProSiebenSat.1 sparte im vergangenen Jahr insgesamt 220 Millionen Euro. Bei den öffentlich-rechtlichen Auftraggebern fielen die Etatkürzungen zwar geringer aus, aber auch ARD und ZDF spüren, wenn die Konjunkturkurve nach unten zeigt: Einerseits gehen die Werbeerlöse zurück, andererseits sinken die Gebühreneinnahmen, weil immer mehr Zuschauer von Sozialtransfers leben und von den Rundfunkgebühren befreit sind.


Fast alle TV-Programmanbieter haben in den vergangenen 18 Monaten neue Projekte verschoben, Serien wiederholt oder kostspielige Formate gegen preiswertere Varianten ersetzt. Dies galt insbesondere für aufwendige Auftragsproduktionen im Genre Film. Bei den Serien und Reihen verstärkte sich der Trend zu günstigen fiktiven Doku-Soaps, die wie Real-Live-Serien wirken sollen, in denen aber Laiendarsteller nach Drehbuchvorgaben (Scripted Reality) agieren. Doku-Soaps haben mittlerweile ein etwa genauso großes Sendeminuten-Auftragsvolumen wie klassische Serien erreicht. Angesichts unsicherer Konjunkturaussichten scheuten TV-Programmmacher lange das Risiko kostenintensiverer Projekte. Allmählich aber fließen die Werbeeinnahmen wieder üppiger. „Die Kurve zeigt nach unten, ist aber nicht so steil, wie wir im letzten Jahr befürchtet haben“, sagte Alexander Thies vom Vorstand der Produzentenallianz, als die Umfrageergebnisse seines Verbandes im Sommer vorgestellt wurden.

Sparen mit Scripted Reality

Fast alle Produktionsfirmen bemühen sich zurzeit angesichts des enormen Kostendrucks darum, Arbeitsprozesse zu vereinfachen, teure Außendrehs zu vermeiden und die Aufnahmezyklen zu beschleunigen. So verkürzte etwa die Ufa die Produktionszeit für vierzig Folgen der Staffel „Hinter Gittern“ von fünfzig auf 34 Wochen. Und noch ein Beispiel: Wurde für 240 Folgen der RTL-Serie „Unter uns“ anfangs noch fast ein komplettes Produktionsjahr eingeplant, so dauert die Herstellung inzwischen nur noch acht Monate. Eine Episode solcher Staffeln kostet nach Angaben von Ufa-Chef Wolf Bauer zwischen 350.000 und 500.000 Euro. Andere Produzenten nennen Preise von bis zu 650.000 Euro pro Folge. Doku-Soaps oder Scripted-Reality-Formate sind dagegen weitaus billiger und werden vor allem von Vox, Kabel 1, Pro7 und RTL ausgestrahlt.

Was passiert, wenn die Networks und Studios zu sehr sparen müssen, erlebt zurzeit der US-Markt. Dort sank der Umsatz mit TV-Produktionen im vergangenen Jahr um fast fünf Prozent auf 37,8 Milliarden Dollar. Der große Spardruck der Controller führte zu Streiks der Drehbuchautoren und lähmte offenbar deren Kreativität. Nach einem Jahrzehnt, in dem US-Quotenerfolge wie „Dr. House“, „Desperate Housewives“ oder „CSI“ auch den deutschen TV-Alltag prägten, stammt deshalb inzwischen wieder etwa ein Viertel aller Serien, die in Deutschland gezeigt werden, von einheimischen Produzenten. Der Import der US-Ware ist zwar meistens nur etwa halb so teuer wie Eigenproduktionen. Momentan aber finden deutsche Programmmacher in Hollywood einfach keine originellen neuen Formate. Werden die kreativen Spielräume zu eng, so lehrt das USBeispiel, bleibt die Qualität vielfach auf der Strecke.

Dr. Matthias Kurp

HINTERGRUNDINFO // NRW BLEIBT NUMMER EINS BEI TV-PRODUKTIONEN

Fast jede dritte Minute von Deutschlands TV-Produktionen entsteht in Nordrhein-Westfalen. Das ist das Ergebnis einer Langzeitstudie des Dortmunder Formatt-Instituts für den Zeitraum von 1999 bis 2008. Allein im Jahr 2008 wurde in NRW mit etwa 137.000 Fernsehminuten so viel Programm produziert wie an den drei nachfolgenden Standorten Bayern, Hamburg und Berlin zusammen. Siebzig Prozent aller Comedy-Sendungen und mehr als vierzig Prozent aller Doku-Soaps werden in Nordrhein-Westfalen hergestellt. Die Studie weist auch nach, dass sich das gesamte Produktionsvolumen in Deutschland zwischen 1999 und 2008 kontinuierlich vergrößert hat, und zwar über den Zehnjahreszeitraum um insgesamt etwa ein Viertel.

Hans-Werner Honert
Hans-Werner Honert

Von Hans-Werner Honert, Geschäftsführer der Saxonia Media Filmproduktion GmbH

Die Misere beginnt mit der Trennung von Controllern und Kreativen. Wichtig ist deren Arbeitsteilung bei einem gemeinsamen Projekt. Es geht hier um Gemeinsamkeit und nicht um Hierarchie. Begeistern sich beide für eine Idee, ist das der Anfang des gemeinsamen Weges zur Realisierung.

Mit viel Geld kann jeder“, war die Aussage eines alten erfolgreichen Filmarchitekten. „Machst du den Film für dich und nicht fürs Publikum, kauf dir ein Stück Leinwand, mal ein Bild, das ist billiger“, sagte während meines Studiums ein Altmeister des Kinos zu mir. Der freiwillige Gang ins Kino oder das freiwillige Einschalten des Fernsehgerätes bringt das Geld, das wir für unsere Filme brauchen.

Zum Standpunkt

10.12.2010 | Beitrag erstellt von redaktion in television
Kommentar erstellen | Trackback-Link
Tags: television, prduktion, großes fernsehen Views: 1213

  •  
  • 0 Kommentar(e)
  •  

Mein Kommentar

Zurück

Kategorien

Medienforum Magazin

  • [+]2011
  • [+]2010
  • [+]2009
  • [+]2008
  • [+]2007

Letzte Kommentare

Archiv

Archiv

ARCHIV MEDIENFORUM.MAGAZIN

Das medienforum.magazin berichtet zweimal jährlich über aktuelle Themen der Medienbranche. Alle Texte finden Sie hier zum Download.