01.05.2010 | Beitrag erstellt von in publishing
Markt und Moral stehen im Medienbereich in einem besonderen Spannungsverhältnis. Der wachsende Konkurrenzdruck und stagnierende Werbeerlöse setzen die Branche zusätzlich unter Druck. Beim Kampf um die Aufmerksamkeit geraten soziale Verantwortung und Medienethik häufig aus dem Blick. Der Vorgang gilt bei TV-Sportreportern längst als Kavaliersdelikt: Da werden die Chancen deutscher Athleten vor Wettkämpfen im Zweifel ein wenig besser dargestellt, als die Journalisten sie tatsächlich einschätzen. Warum? Der Grund ist klar: Nur wenn bei großen Sport-Events heimische Sportstars Medaillenchancen haben, versprechen Liveübertragungen hohe Zuschauermarktanteile. Ähnliches gilt natürlich auch für Formel-1-Rennen, Boxkämpfe oder – ganz aktuell – für die Fußball-Weltmeisterschaft. Eine Form von Irreführung? Ein Verstoß gegen medienethische Standards? Aus Sicht der TV-Branche gehen solche Vorwürfe zu weit.
Schließlich gehört das Erregen öffentlicher Aufmerksamkeit längst zum Tagesgeschäft. Mit dem Anspruch aber, über bevorstehende Ereignisse aufrichtig zu informieren, hat der euphorische Ankündigungsjournalismus oft wenig zu tun.
Der Kampf um die Aufmerksamkeit
Journalisten haben es sich – nicht nur auf dem Boulevard – längst zur Aufgabe gemacht, „Geschichten“ zu erzählen. Da wird Reales mit Mitteln fiktionaler Erzählkunst vermittelt und manchmal notfalls auch abenteuerlich uminterpretiert oder als Fake inszeniert. Fakten, die den Konsumenten solcher Geschichten irritieren könnten, bleiben oft einfach unerwähnt. Selbst im öffentlich-rechtlichen Rundfunk lernen Reporter als eines der wichtigsten Gesetze, in ihren Beiträgen „Magic Moments“ zu kreieren. Die Motive solcher Strategien sind klar: Es geht vor allem darum, Aufmerksamkeitsschwellen zu überwinden. Alles Komplexe aber ist für solche Ziele kaum geeignet. Also wird personalisiert, werden einfache Schwarz-Weiß-Schemata verwendet, gibt es zwischen Gut und Böse keine Zwischenstufen. Andernfalls, so fürchten vor allem TV-Journalisten, könnten verwirrte oder gar überforderte Zuschauer einfach wegzappen.
Das Vermischen von Realem mit Fiktionalem wurde im Fernsehen spätestens durch die Audience-Participation-Shows der 90er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts oder durch Sendungen wie „Big Brother“ (seit 2000) forciert. Der aktuelle Trend zu fiktiven Doku-Soaps verstärkt diese Entwicklung zur medialen Konstruktion pseudorealer Welten. Vor allem im Nachmittagsprogramm setzen die großen privatwirtschaftlichen Vollprogramme auf Formate, die wie Real-Live-Serien wirken sollen, in denen aber Laiendarsteller nach Drehbuchvorgaben agieren. Das Konzept dieser sogenannten Scripted Series basiert darauf, dass sich einzelne Folgen nur an einem groben Drehbuch orientieren, die Laienschauspieler ihren Text jedoch improvisieren und dabei möglichst natürlich auf Situationen reagieren müssen.
Kommerz und Kommunikationscodes
Während Kulturkritiker vor Surrogaten und einer Pseudorealität warnen, argumentieren Medienmanager, das Publikum habe den Umgang mit künstlichen Medienwelten längst gelernt und könne zwischen Fiktion und Wirklichkeit unterscheiden. In einer Gesellschaft, die auf Bilder und Außenwirkung fixiert ist, erlernen bereits Kinder den Umgang mit Medien und speziellen Kommunikationscodes. Ob angesichts dieser besonderen Medienkompetenz die Grenzen zwischen Markt und Moral verschoben werden dürfen, ist eine Frage, der sich zurzeit nur wenige Medienkritiker und -philosophen widmen. Die Programmverantwortlichen schaffen derweil ständig neue Fakten. Auch bei Casting- Shows verschwimmen auf diese Weise immer wieder die Sphären von Wirklichkeit („Real Life“) und künstlich erzeugten Images vermeintlicher Starwelten.
Und der klassische Journalismus? Im Bereich der publizistischen Aussagenentstehung tagesaktueller Medien haben sich die Koordinaten verschoben. Die Kommerzialisierung des Mediensystems führt zu verstärktem Konkurrenz- und Zeitdruck (siehe Artikel „Qualitätsjournalismus: Publizistisches Opfer der Ökonomie?“ im medienforum.magazin 1/2009). Aufwendige Recherchen kosten Zeit und Geld. Also suchen Programm- und Blattmacher nach preiswerteren Alternativen, um auf die eigenen Angebote aufmerksam zu machen und das Agenda Setting mit eigenen Inhalten zu beeinflussen. Zu diesem Zweck werden notfalls Tabus gebrochen, bezahlte Werbebotschaften als Journalismus getarnt oder wird Privates öffentlich gemacht. Schließlich lassen sich sogar komplette Interviews erfinden oder Aussagen im Fernsehen so sinnentstellt montieren, dass sie dramatischer wirken.
Konstruierte Wirklichkeiten
Mit dem sogenannten Borderline-Journalismus wurde versucht, das Mischen von Realität und Fiktion zu kultivieren. Das neue Rubrum sollte es postmodernen Ich-Erzählern erlauben, subjektives Erzählen und Erfinden mit journalistischen Elementen zu verbinden. Schließlich sorgten bereits vor zehn Jahren frei erfundene Interviews von Tom Kummer (unter anderem für das SZ-Magazin) für eine hitzige Debatte über den Umgang von Medienschaffenden mit Wahrheit und Wirklichkeit, Subjektivität, Objektivität oder Intersubjektivität. Wie skrupellos einige Journalisten mit der Realität umgehen, zeigte sich auch, als im vergangenen März erneut erfundene Interviews für Schlagzeilen sorgten. Diesmal musste die Redaktion der Zeitschrift Neon eingestehen, dass sich ihr Autor Ingo Mocek ein Interview mit Popstar Beyoncé Knowles komplett ausgedacht hatte. Auch an der Echtheit von vier weiteren Mocek-Interviews musste Neon Zweifel anmelden. Die gefälschten Texte sollen zwischen Juni 2004 und Februar 2010 erschienen sein.
Wenn es der Dramaturgie dient, so scheinen viele Journalisten zu meinen, darf die Schilderung der – ohnehin als Konstrukt wahrgenommenen – Wirklichkeit ruhig ein wenig mit Fiktionalem angereichert werden. Im Fernsehen lässt sich die Realität noch wirkungsvoller verzerren als in Printmedien. Wer O-Töne geschickt montiert und in andere Zusammenhänge einbaut, schafft mit wenig Aufwand neue Bezüge. So kommentierte etwa „Superstar“-Juror Dieter Bohlen den Casting-Beitrag eines Kandidaten mit der Bemerkung: „Lieber Cholera am Pillermann als dein Gesang.“ In der Nachbearbeitung würzten RTL-Redakteure mit dem Bohlen-Spruch später den Auftritt eines ganz anderen Bewerbers. Publizistisch wird so etwas oft als kommunikatives Kavaliersdelikt betrachtet. Bei Casting- und Reality-Formaten kommen generell immer häufiger pseudojournalistische Elemente zum Einsatz, die erfundenen oder konstruierten Momenten Authentizität verleihen sollen. So werden die Grenzen zwischen Journalismus und Show, zwischen Wahrheit und Erfundenem zusätzlich verwischt.
Moralische Kategorien Mangelware
Die Fälle Kummer, Mozek und Bohlen sind Beispiele einer Entwicklung, bei der Begriffe wie Verantwortungs- oder Gesinnungsethik für viele Medienmacher zum Vokabular einer altmodischen Vergangenheit zählen und mit den modernen Angeboten nichts mehr zu tun haben. Moralische Kategorien nehmen im Arbeitsalltag von Journalisten angesichts des Bedeutungszuwachses wirtschaftlicher oder technologischer Imperative oft nur noch die Rolle einer Randgröße ein. Auch in der Ausbildung bleibt kaum Zeit, um das Bewusstsein von Volontären für einen verantwortungsvollen Umgang mit der Öffentlichkeit zu schärfen. Hinzu kommt, dass sich die meisten Nachwuchsjournalisten ohnehin eher als Entertainer denn als Welterklärer verstehen.
Zu einem sozial verantwortlichen Journalismus gehören ethische Grundsätze, die eigentlich wenig umstritten sind. So sollten Medien Ereignisse umfassend, differenziert und wahrhaftig darstellen, um der Gesellschaft ein Forum für Diskussionen, Kritik und Kontrolle zu bieten. Der verantwortungsbewusste Journalist sollte versuchen, soziale Verhältnisse so abzubilden, dass die Vielfalt von Bevölkerungsgruppen und Wertvorstellungen umfassend berücksichtigt wird – schließlich sollen alle Rezipienten Zugang zu aktuellem Wissen erhalten. Die Wirklichkeit jedoch sieht häufig ganz anders aus. Da sorgen sinkende Auflagen, Quotendruck und die Konkurrenz aus dem Internet dafür, dass immer öfter moralische Grenzen überschritten werden. Mehr und mehr werden Details aus dem privaten (Liebes-)Leben Prominenter öffentlich gemacht, um den Voyeurismus von Lesern, Nutzern, Zuschauern oder Hörern zu bedienen.
Bespitzelung von Prominenten
Der Eingriff in die Privatsphäre Prominenter ist eigentlich nur rechtens, wenn es sich um eine Berichterstattung über ein „zeitgeschichtliches Ereignis“ handelt. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte betonte bereits 2004 im sogenannten Caroline-Urteil, die Öffentlichkeit könne kein legitimes Interesse daran geltend machen, wie sich Prominente in ihrem Privatleben verhalten. Dennoch werden die Methoden einiger Redaktionen immer skrupelloser und machen manchmal auch nicht vor regelrechter Bespitzelung halt: Das britische Massenblatt News of the World setzte Privatdetektive ein, um Prominente zu verfolgen, und ließ Handys von Mitgliedern des britischen Königshauses abhören. Das deutsche People-Magazin Bunte heuerte die Berliner Agentur CM K zur „journalistischen Fotorecherche“ an. Ehemalige CM K-Mitarbeiter berichteten von zweifelhaften Observationsmethoden (manipulierte Briefkästen, präparierte Fußmatten), mit denen unter anderem das Liebesleben von Horst Seehofer, Oskar Lafontaine und Franz Müntefering zum Gegenstand der Berichterstattung werden sollte. CM K hat nach Bekanntwerden den Vorwurf der Bespitzelung zurückgewiesen.
Bunte-Chefredakteurin Patricia Riekel mag für mögliche Grenzüberschreitungen keine Verantwortung übernehmen und verweist auf ein beauftragtes Outsourcing-Projekt, für das solche Methoden nicht bestellt worden seien. Die Redaktion habe von den eingesetzten Mitteln nichts gewusst, heißt es. „Wir berichten nicht über Privataffären. Nur dann, wenn sie zu Staatsaffären werden“, schrieb Riekel im eigenen Magazin und verwies auf das Bundesverfassungsgericht. Deutschlands oberste Richter hätten ausdrücklich erlaubt, dass über das Privatleben Prominenter berichtet werden dürfe, „wenn dies der Meinungsbildung in Fragen von allgemeinem Interesse dienen kann“. Wann allerdings ein „allgemeines Interesse“ vorliegt, möchten vor allem Boulevard-Journalisten am liebsten selbst entscheiden.
System der Sozialverantwortung
Medienethik und der verantwortungsbewusste Umgang mit Medien sind weder die Angelegenheit einzelner Journalisten noch ausschließlich eine Frage von Medien- oder Ordnungspolitik. Eine Moral der Medien erfordert vielmehr jenseits der Individualethik ebenso eine Ethik des Mediensystems und schließlich eine Publikumsethik. Das alles gehört zu einem System der Sozialverantwortung, in dem Medien gleichermaßen Mittel und Betrachtungsgegenstand ständiger Diskussionsprozesse sein müssen. Es geht um nicht weniger als um moralische Urteile, Normen, Haltungen, Prinzipien und darum, wie die Mediengesellschaft Meinungsfreiheit und -vielfalt als Fundament einer Demokratie sichert.
Dr. Matthias Kurp
01.05.2010 | Beitrag erstellt von in publishing
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