01.05.2010 | Beitrag erstellt von in television
HYBRID-TV // DER SPÄTE SIEG DER KONVERGENZ
In immer mehr Fernsehgeräten steckt so viel Computertechnik, dass der TV-Bildschirm jederzeit zum Online-Monitor mutieren kann. Die lange beschworene Konvergenz zwischen TV und PC könnte endlich digitale Wirklichkeit werden. Voraussetzungen sind einfache Bedienbarkeit und einheitliche Standards. Das Fernsehgerät als „Eier legende Wollmilchsau“? Als digitales Multifunktionstool? Als Mischung aus Heimkino, Entertainment-Plattform und PC? Nach den Handys sollen jetzt auch TV-Monitore den späten Siegeszug der Konvergenz untermauern und zu digitalen Alleskönnern mutieren. Möglich wird das durch den Anschluss der neuen Bildschirmgeneration ans World Wide Web. Tatsächlich wachsen Fernsehen und Internet immer mehr zusammen. Längst lassen sich TV-Programme auch via Online-Verbindung sehen. Immer häufiger werden außerdem Inhalte aus der Fernsehwelt mit WWW-Angeboten verknüpft – und umgekehrt. All dies soll künftig unter dem Schlagwort Hybrid-TV vermarktet werden.
WWW auf dem TV -Screen
Das Wort „hybrid“ beschreibt etwas Gebündeltes, Gekreuztes oder Gemischtes. Während beispielsweise im Automobilbau der Begriff Hybridantrieb die Kombination verschiedener Techniken für den Antrieb bedeutet, zeichnet sich Hybrid-TV dadurch aus, dass es sich ebenfalls aus unterschiedlichen Quellen speist: dem klassischen Fernsehen und dem Internet (siehe Artikel „Web-TV: Zappen zwischen TV und Internet“ im medienforum.magazin 2/2009). Die neuen Hybrid-TV-Lösungen heißen Net TV (Philips), Viera Cast (Panasonic), AppliCast (Sony), Internet@TV (Samsung/Yahoo), Aquos Net (Sharp) oder XVT Pro (Vizio). Hinzu kommen Hybrid-Receiver wie die Geräte iCord HD+ (Humax) oder 600S (Video- Web). Sie alle bieten neuerdings Angebote aus dem World Wide Web wie selbstverständlich unmittelbar neben TV-Sendungen an, wobei die Online- die TV-Angebote auch ergänzen können.
Nachdem die Konvergenz von klassischem Fernsehen und PC mehr als ein Jahrzehnt lang an fehlenden Online-Bandbreiten, unterschiedlichen Nutzungsmustern – „lean back“ beim TV und „lean forward“ beim Online-PC – gescheitert ist, könnte das Fernsehen via Internetprotokoll (IPTV) nun die positive Wende bringen und auch für das Hybrid-TV entscheidende Impulse liefern. Das Beratungsunternehmen Goldmedia geht davon aus, dass schon in vier Jahren drei Millionen deutsche Haushalte Fernsehprogramme über das Internetprotokoll beziehen werden. Die Telekom AG meldete für ihr IPTV-Angebot Entertain Ende 2009 etwa eine Million Kunden. Auch die wachsende Verbreitung von Receivern mit eingebauten Festplattenspeichern lässt den herkömmlichen TV-Konsum dem Benutzen von Online-Mediatheken immer ähnlicher werden.
Geräte für zwei Medienwelten
Will die TV-Branche ihr Publikum nicht an das Internet verlieren, muss sie selbst klassische Fernsehprogramme mit Online-Ergänzungen anreichern. Möglich wird das neue Hybrid- TV mit nur einem Bildschirm für die TV- und Online-Welt vor allem dadurch, dass in vielen modernen Flachbildschirmen Computerelemente in Form geeigneter Chip-Sätze integriert sind. Die HD-Flachbildschirme lassen außerdem auch kleinere Details auf den Monitoren sichtbar werden, wie sie häufig bei normalen Internetseiten zu sehen sind, wohingegen der gute alte Röhrenfernseher bei der Darstellung von HTML -Seiten schnell an seine Grenzen stößt. Werden die Geräte der neuen Hybrid-TV-Generation an das Internet angeschlossen, können mit der innovativen Technologie außer den normalen TV-Programmen auch begleitende Online-Informationen oder gar Sendungen abgerufen werden, die in den Internetmediatheken der Anbieter gespeichert sind. Darüber hinaus lässt sich künftig auch der klassische Teletext multimedial ergänzen. Ein entscheidender Vorteil gegenüber früheren Konvergenzmodellen ist zudem, dass der breitbandige Online-Rückkanal endlich eine Interaktivität zulässt, wie sie nicht einmal der aufwendige Standard MHP (Multimedia Home Platform) bieten konnte.
Und so funktioniert Hybrid-TV: Weil sich über den DVB-Datenstrom (Digital Video Broadcasting) zusätzliche Informationswerte (Application Information Table, AIT) übertragen lassen, können an den Zuschauerbildschirm bei Bedarf auch Internetadressen übermittelt werden. Werden die angebotenen Services vom Publikum gewünscht, mutiert das TV-Gerät zum Online-Rechner, der über einen Internetanschluss WWW-Inhalte abbildet. Für solche Anwendungen wurden eigens der Standard Hybrid Broadcast Broadband TV (HbbTV) und die Hypertext- Spezifikation CE -HTML entwickelt. HbbTV gewährleistet auch, dass die Integrität der Rundfunkprogramme nicht durch Internetdienste negativ beeinflusst werden kann. CE -HTML fungiert als eine Art abgespeckter PC-Browser, der Online-Inhalte grafisch optimal an die Möglichkeiten von TV-Bildschirmen anpasst. Einen Zugang zur kompletten Internetwelt bieten allerdings zurzeit nur wenige Geräte wie etwa die Net-TV-Serie von Philips oder die Satelliten-Decoder von VideoWeb.
Zahlreiche neue Applikationen
CE -HTML ermöglicht es auch, mit der TV-Fernbedienung zu navigieren. Vor allem die vier Richtungstasten und die vier Farbtasten werden von den Anbietern bislang eingesetzt, um einzelne Menüfunktionen zu realisieren. Die ARD hat ein Screen-Design entworfen, bei dem am unteren rechten Bildrand ein rotes Symbol („Red Button“) eingeblendet wird, falls begleitend zum TV-Programm weitere Online- Inhalte angeboten werden. Wird das Icon aktiviert, legt sich über das TV-Bild eine Menümaske, die den Zugang zu weiteren Funktionen ermöglicht. Die blaue Taste der Fernbedienung soll ARD-Zuschauer direkt zum HD-Teletext führen, der gelbe Knopf öffnet auf Wunsch den Zugang zur ARD-Mediathek. Im Rahmen der Internationalen Funkausstellung (IFA) in Berlin zeigte die ARD im vergangenen Jahr insgesamt 18 unterschiedliche solcher Hybrid-Applikationen, darunter auch einen elektronischen Programmführer (EPG).
Zurzeit entwickeln fast alle Hersteller von TVBildschirmen und Programmanbieter ähnliche Lösungen wie die der ARD. Allerdings fallen die Antworten auf die Frage nach der idealen Benutzerführung noch sehr unterschiedlich aus. Wer demnächst einen alten Hybrid-Fernseher gegen einen neuen eines anderen Herstellers tauscht, läuft Gefahr, von der zuvor vertrauten Online-Umgebung nicht mehr viel wiederzufinden. Trotz erster Standardisierungen arbeiten die einzelnen Anbieter nämlich nach wie vor mit unterschiedlichen Techniken und öffnen den TV-Zuschauern meist nur einen eng umgrenzten Ausschnitt des World Wide Web. So müssen Online-Inhalteanbieter, die mit der Geräteindustrie kooperieren, ihre Internetangebote noch für etwa ein halbes Dutzend unterschiedliche Systemeaufbereiten. Die Deutsche TV-Plattform bemüht sich inzwischenum Vereinheitlichung.
Multioptionale Symbiose
Die Hersteller von TV-Geräten mit Internetzugang lassen sich die Online-Klicks von ihren Partnern in der Regel bezahlen. Schließlich erzielen Bild.de, Youtube & Co. durch das neue Internetfernsehen zusätzliche Werbeeinnahmen. Die webbasierte TV-Technik erlaubt sogar individualisierbare Werbung und das Erstellen von Nutzerprofilen. Das Geschäftsmodell Fernsehen wird sich deshalb nachhaltig verändern. Endgerätehersteller, TV-Programmanbieter und Online-Unternehmen tüfteln derzeit an neuen Ideen, um aus der Verbindung von Broadcast und Broadband neue Erlöspotenziale zu erschließen. Schließlich geht es nicht nur darum, vor dem Fernsehgerät zwischen TV-Programm und World Wide Web hin und her zu schalten, sondern um eine neue Qualität von multimedialer Interaktivität.
Ob die Fernbedienung allein ausreicht, um in der multioptionalen Medienwelt des Hybrid-TV zu selektieren und zu navigieren, ist noch unklar. Wer E-Mails schreiben oder etwa Haushaltsgeräte ferngesteuert bedienen will, wird vermutlich weiterhin einen Online-PC oder auch sein Touchscreen- Handy benutzen. Das Freizeitverhalten auf der Wohnzimmercouch orientiert sich wahrscheinlich auch künftig am Bedürfnis nach Entertainment. Das Medium Fernsehen aber dürfte dabei immer häufiger non-linear oder in Kombination mit anderen digitalen Endgeräten zum Einsatz kommen. Angesichts der drohenden Konkurrenz aus den Bereichen Games und Internet und des wachsenden Erfolgs von Zattoo, Youtube oder Hulu scheint die TVBranche dringend darauf angewiesen zu sein, via Hybrid-TV mehr anzubieten als lediglich klassisches Fernsehen.
Risiko- und Wachstumspotenziale
Vor allem für die Free-TV-Branche aber birgt die Symbiose aus Fernsehen und Internet auch Gefahren. So gilt es beispielsweise, Programme so zu schützen, dass sie nicht via Internet vervielfältigt und verbreitet werden können. Darüber hinaus gerät das Geschäftsmodell des werbefinanzierten Fernsehens in Gefahr, wenn Online-Anbieter neben den Bildern oder gar komplett über sie gelegt Werbung einblenden. Während TV-Programmanbieter gemäß Rundfunkstaatsvertrag nur zwölf Minuten Werbung pro Stunde zeigen dürfen, unterliegt die Internetbranche keinerlei Restriktionen dieser Art und könnte so der TV-Konkurrenz mit geschickt platzierten Anwendungen (Widgets) den Rang ablaufen. Auf diese Weise ließen sich für Dritte Werbeeinnahmen mit TV-Inhalten erzielen, über deren Rechte sie selbst nicht einmal verfügen müssten. Die Free-TV-Branche nennt dieses Verhalten inzwischen schlicht „parasitäre Nutzung“.
Hatten die Anbieter von TV-Programmen und Endgeräten bislang wenig miteinander zu tun, werden sie nun zu Wettbewerbern. Gerätehersteller avancieren beim Hybrid-TV unversehens zu Portalanbietern, die darüber entscheiden, welche (Werbe-)Inhalte den TV-Zuschauer erreichen. Noch verfügt nur eine Schar sogenannter Early Adopters über hybride TV-Flachbildschirme. Ende 2009 besaßen etwa 600.000 deutsche Haushalte internetfähige Fernsehgeräte. Die Marktforscher der GfK Retail and Technology gehen aber davon aus, dass sich die Zahl der hybriden Receiver und Monitore in diesem Jahr mindestens verdoppeln wird.
01.05.2010 | Beitrag erstellt von in television
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01.01.1970 | 01:00







