Standpunkt // Warum Frankreich kein Vorbild ist...

Standpunkt zum Artikel: TV-Markt // Kampf um die Werbung
Von Isabelle Bourgeois, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Centre d’information et de recherche sur l’Allemagne contemporaine (CIRAC)

Seit dem 5. Januar 2009 senden in Frankreich die sieben Programme des staatlichen TV-Konzerns France Télévisions nach 20 Uhr keine Werbung mehr. Ab dem nächsten Jahr gilt ein generelles Werbeverbot. Dadurch sollen die Programmqualität angehoben und eine klarere Profilbildung des Public Service gegenüber der übermächtigen privaten Konkurrenz (allen voran TF1) erwirkt werden. Der Ausfall der Werbeeinnahmen soll aus Steuermitteln finanziert werden sowie durch eine Abgabe auf die Umsatzsteuer der Werbetreibenden und der Telekommunikationsanbieter.

Über den Sinn der Reform ist viel geschrieben worden, auch in Deutschland. Das Wesentliche aber wurde vergessen: Im Rahmen der EU-weiten Neudefinierung des Public Service hat Frankreich ebenso wie Deutschland einen großen Bogen um die Kernfrage gemacht: Was ist eigentlich Public Service? Wurde hierzulande die Antwort in einem hoch komplexen Drei-Stufen-Test gesucht, versuchte man es in Frankreich mit einem anderen Finanzierungsmodell.

Damit wurde zwar die Frage der möglichen Wettbewerbsverzerrung durch Beihilfen nicht geregelt, wie das laufende Prüfverfahren der EU-Kommission beweist. Aber innenpolitisch ließ sich der soziale Frieden wahren. Denn anders als in Deutschland, wo sich nur die Medienbranche mit dem Begriff der öffentlichen Daseinsvorsorge schwertut, ist in Frankreich der Begriff Public Service an sich ein Tabuthema. Er umfasst auch zum Beispiel Bahn, Stromversorgung oder Post – Bereiche, in denen der Liberalisierungsprozess gerade erst begonnen hat.

Die kulturelle Erneuerung im staatlichen Fernsehprogramm sucht man vergebens. Sie beschränkt sich hin und wieder auf die Live-Übertragung einer Oper oder eines Theaterstücks – und das zur Hauptsendezeit im Vollprogramm France 2. Beim Fernsehfilm droht ein Austrocknen der Kreativität, wegen Mittelreduzierung und verringerter Konkurrenz. Denn für die unabhängigen Produzenten, ohnehin schon am Staatstropf, gibt es nur noch eine zentrale Anlaufstelle bei France Télévisions.

Das knapp bemessene Informationsangebot von France Télévisions ist auch nicht reicher geworden. Die Regionalnachrichten abends auf France 3 werden oft gleich zweimal hintereinander gesendet, was die Sendezeit füllt und Kosten spart. Und die Hauptnachrichten von France 2 und France 3 unterscheiden sich kaum – in beiden werden oft mit ein paar Minuten Abstand dieselben Berichte gesendet …

Der neue Umverteilungsansatz kann auch das strukturelle Problem des Fernsehmarktes nicht lösen. Die analogen Free-TV-Kanäle sehen sich seit drei Jahren der Konkurrenz des DVB-T ausgesetzt, und die Werbebudgets verschieben sich rasant hin zu den digitalen Anbietern bzw. zu den Online-Medien. Unter schwindenden Werbeeinnahmen leiden alle etablierten Medien, erst recht seit der Krise. Anders als bei der BBC, deren Unabhängigkeit gesetzlich festgeschrieben ist, birgt für France Télévisions die ausschließliche Steuerfinanzierung die Gefahr, die fragile Programmunabhängigkeit gänzlich zu vernichten. Denn ganz wurde der Rundfunk in Frankreich nie abgenabelt.

07.11.2009 | Beitrag erstellt von Isabelle Bourgeois in standpunkt,television
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Tags: regulierung, werbung, finanzierung, television Views: 1925

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