Werden Videospiele künftig nur noch mit Gestik, Mimik und Sprache gesteuert? Microsofts Project Natal soll den Controller und andere Eingabegeräte überflüssig machen. Motion-Capturing-Technik, Infrarotkameras und 3D-Mikrofone könnten demnächst auch andere Multimedia-Anwendungen verändern.

Bei der Spielemesse Gamescom in Köln zeigte Microsoft im August schon einmal, wie sich der Software-Gigant die Motion-Control-Zukunft vorstellt. In einem speziellen Raum zappelten flippige Gamer neben seriösen Business-Managern herum, machten Grimassen, gestikulierten im Nichts oder stimmten seltsame Laute an. Der Rätsels Lösung: Die Versuchspersonen testeten Microsofts Project Natal. Das Bewegungs-, Gesichts- und Stimmerkennungssystem soll neue Formen der Interaktion zwischen Mensch und Spielkonsole ermöglichen.

Quelle: VG Chartz/Oktober 2009


Die Arbeit von Joystick und Controller übernimmt beim Project Natal ein kleiner Kasten, der mit einem Infrarotsensor plus Kamera und 3D-Mikrofon ausgestattet ist. Die digitale Zauberkiste erfasst und sammelt Bewegungen sowie Laute aller Spieler. Dank dieser Motion-Capturing-Technik lassen sich Gestik, Geräusche und Mimik eines Menschen so präzise deuten, dass die menschliche Eingabe von Befehlen per Tastendruck oder Joystick überflüssig wird. Das System kann sogar unterschiedliche Akteure voneinander unterscheiden, was zum Beispiel bei Spielen für mehrere Personen wichtig ist. Der Klang einer Stimme und die Interpretation der Mimik sollen dem Rechner außerdem die Emotionen der Akteure mitteilen. So kann die Spielplattform zum interagierenden Gegenüber werden.

Bewegungen im Virtuellen

Gamescom-Besucher staunten nicht schlecht, als sie feststellten, dass sie vor einem Bildschirm stehend ohne technische Hilfsmittel direkt in virtuelle Spielumgebungen ein tauchen konnten. Ob Renn- oder Geschicklichkeitsspiel – Microsofts neue Technologie versetzt Menschen von der Wohnzimmeratmosphäre aus in die Kulissen digitaler Spielwelten. Manchmal erscheinen sogar virtuelle Gestalten, die den Betrachter direkt ansprechen. Das sorgt für Irritationen – schließlich fühlte sich der traditionelle Gamer dank seines Controllers bislang noch immer als der-
jenige, der souverän die Regie übernahm. Damit ist es jetzt vorbei. Gewöhnungsbedürftig werden es viele Spieler auch finden, dass sie nun vom Sessel aus Autorennen fahren und ihren Boliden mit einem virtuellen Lenkrad steuern können. Dabei bewegen sich die Hände ebenso im leeren Raum wie die Füße, mit denen ganz ohne Pedal Gas und Bremse bedient werden.

Um berechnen zu können, was der Spieler gerade macht, misst das Microsoft-System alle Körperbewegungen an insgesamt 48 Punkten. Software und Infrarotsensoren beamen den Games-Fan direkt in Sphären von Star-Trek-Galaxien. Mitte bis Ende nächsten Jahres sollen die ersten Natal-Versionen auf den Markt kommen. Microsoft plant sowohl eine Variante für den PC (Windows Media Center) als auch für die Xbox 360. Electronic Arts, Disney Interactive, THQ, Ubisoft und andere Firmen arbeiten bereits an Spielen für die neue Generation, die ohne Gamepads und Controller auskommen sollen. 

Quelle: Unternehmensangaben

Wettrennen mit Sony und Nintendo

Außer Microsoft tüfteln längst auch Nintendo und Sony an innovativen Konzepten, um das Motion Controlling zu optimieren. Pionier Nintendo hat mit der Wii-Technologie vor drei Jahren einen neuen Wettlauf der Systeme angestoßen und will seinen schnurlosen Controller weiter verbessern. Sony zeigte bei der Games-Messe Electronic Entertainment Expo (E3) in Los Angeles ein neues System, das in Verbindung mit dem Eye-Toy-Kamerasystem der Playstation funktionieren soll. Dabei nimmt der Controller über Lichtwellen Kontakt zur Webcam der Konsole auf.

Der Sony-Controller bietet mehr als Nintendos Wiimote-System: Er erkennt nicht nur Bewegungen, sondern auch Positionen im Raum. Um diese exakt erfassen zu können, wurde die Hardware mit speziellen Sensoren ausgestattet. Vier Mikrofone sollen dabei helfen, die Richtungen zu bestimmen, aus denen verschiedene Klänge kommen. Nun ist Nintendo am Zug, denn schließlich konnte der japanische Hersteller von Januar bis Juli nur noch halb so viele Wii-Geräte verkaufen wie im ersten Halbjahr 2008. Viele Kunden scheinen allerdings erst einmal abzuwarten, was ab kommendem Frühjahr Sony und ein paar Monate später Microsoft auf den Markt bringen werden. Über den Preis und den endgültigen Namen von Project Natal wird bereits jetzt im Internet heftig spekuliert.

Microsoft verspricht „Freiheit pur“

Mit komplett anderen Konsolen von Sony und Microsoft rechnen die meisten Experten erst für das Jahr 2012. Bis dahin sollen die neuen Motion-Controlling-Steuerungssysteme für Umsätze sorgen. Sony wird einige der bereits bekannten Spiele im kommenden Jahr auch für die Controller-Technologie modifizieren und gegebenenfalls geeignete Updates anbieten. Das Project Natal von Microsoft hingegen ist so aufwendig, dass es kaum rückwärtskompatibel sein wird. So jedenfalls deutete es Projektleiter Kudo Tsunoda bei der Tokyo Game Show im September an.

Die neuen Steuerungskonzepte, bei denen der vor der Kamera stehende menschliche Körper zum „Eingabegerät“ wird, sollen künftig nicht auf die Spielwelt der Konsolen beschränkt bleiben. Mutiert der Fernseher erst einmal zur hybriden Multimedia-Plattform, sind neue Formen der Menüführung ebenso denkbar wie interaktive Games, die über das Internet ausgetragen werden. Auf der Xbox-Homepage schwärmt der Hersteller bereits von „Freiheit pur“. Allein die künftig mögliche Sprachsteuerung erschließt der neu entwickelten Technologie Potenziale, die weit über das Games-Genre in seiner heutigen Form hinausreichen.

Dr. Matthias Kurp

HINTERGRUNDINFO // GEBREMSTES WACHSTUM

Während in den USA die Umsätze von Videospielen und -konsolen im ersten Halbjahr 2009 um zwölf Prozent sanken, meldet die Branche in Deutschland für diesen Zeitraum noch ein moderates Wachstum. Von Januar bis Juni 2009 wurden nach Angaben des Bundesverbandes Interaktive Unterhaltungssoftware (BIU) 24,8 Millionen Spiele verkauft. Das bedeutet laut Verband gegenüber dem ersten Halbjahr 2008 ein Wachstum um etwa zwei Prozent.

Der Umsatz durch den Verkauf von Computer- und Videospielen stieg in der ersten Jahreshälfte um ein Prozent auf 649 Millionen Euro. Für das gesamte Jahr 2009 rechnet der BIU mit einem Umsatzplus zwischen drei und fünf Prozent, wodurch mit dem Segment virtuelle Spiele mehr als 1,67 Milliarde Euro erwirtschaftet würden. Dabei gilt traditionell die zu erwartende steigende Nachfrage vor Weihnachten in der Branche als Höhepunkt des Geschäftsjahres.

Nachdem Microsoft bereits im vergangenen Jahr den Preis für die Xbox 360 gesenkt hatte, musste im August auch Sony nachziehen. Etwa zweieinhalb Jahre nach Verkaufsbeginn reduzierte der japanische Unterhaltungskonzern den Preis für die Playstation 3 von 399 auf 299 Euro. Daraufhin senkten auch Microsoft und Nintendo die Preise für ihre Konsolen um jeweils 50 Euro.

STANDPUNKT // KONJUNKTURMOTOR UND INNOVATIONSTREIBER

Von Andreas Krautscheid, nordrhein-westfälischer Minister für Bundesangelegenheiten, Europa und Medien

„Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“, schrieb einst Friedrich von Schiller...

zum Standpunkt

07.11.2009 | Beitrag erstellt von redaktion in games
Kommentar erstellen | Trackback-Link
Tags: augmented reality, games Views: 1927

  •  
  • 0 Kommentar(e)
  •  

Mein Kommentar

Zurück

Kategorien

Medienforum Magazin

  • [+]2011
  • [+]2010
  • [+]2009
  • [+]2008
  • [+]2007

Letzte Kommentare

Archiv

Archiv

ARCHIV MEDIENFORUM.MAGAZIN

Das medienforum.magazin berichtet zweimal jährlich über aktuelle Themen der Medienbranche. Alle Texte finden Sie hier zum Download.