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Fernsehen und Internet wachsen endlich zusammen: Mit der neuen Generation von TV-Geräten soll in den Wohnzimmern eine Revolution einsetzen. Zappen zwischen TV und Web – so heißt die Devise für immer mehr Nutzer und Endgeräte-Hersteller. Was noch fehlt, sind ein bedienungsfreundlicher Standard und mehr interaktive Inhalte.

Die neuen Systeme heißen Philips Net TV, Panasonic Viera Cast, Sony AppliCast oder Internet@TV von Samsung/Yahoo und versprechen den Aufbruch in eine konvergente Welt. Endlich, so verkünden die großen Hersteller der Unterhaltungselektronik, lassen sich auf dem Fernsehmonitor zusätzlich Online-Inhalte abbilden. Auch Set-Top-Boxen wie die der Firma Videoweb vereinen mittlerweile das World Wide Web mit dem Pantoffelkino im Wohnzimmer. Hinzu kommen die Games-Konsolen von Sony und Microsoft, die ebenfalls sowohl Online- als auch TV-Inhalte abbilden können. So mutiert der Flachbildschirm zum multimedialen Terminal.

Bereits vor zwölf Jahren kündigten die ersten deutschen TV-Programmanbieter Online-Dienste via Fernsehbildschirm an. Doch die Konvergenz hatte ihre Tücken. Es fehlten geeignete Endgeräte, Inhalte und vor allem interessierte Nutzer. Nun aber kommen die bereits seit Jahren beschworenen hybriden Endgeräte endlich auf den Markt. Auslöser dafür ist die drohende Konkurrenz neuer Online-Angebote. So setzen zum Beispiel Videoplattformen wie Youtube und Zattoo die TV-Branche gewaltig unter Druck. Nimmt die Bedeutung von Videos im Internet weiter zu, so befürchten Free-TV-Programmanbieter und die Hersteller von Fernsehgeräten, könnten vor allem jüngere Zuschauer bald ihren TV-Monitor gegen den Online-PC tauschen (siehe Info-Kasten „Verändert sich die TV-Nutzung?“). Deshalb sollen das klassische Fernsehgerät und sein Programm aufgewertet und durch Online-Funktionen angereichert werden.

Konvergenz von TV und PC

In vielen neuen Fernsehgeräten steckt längst jede Menge Computertechnik. Für die Verbraucher aber soll sich bei der Bedienung der schicken Monitore möglichst wenig ändern. „Der Zuschauer will keinen PC als Fernseher“, warnte Jürgen Sewczyk (JS Consult Ingenieurbüro und Medienberatung) Ende September bei einem Workshop der Landesanstalt für Medien NRW (LfM) in Düsseldorf. Entscheidend für eine erfolgreiche Realisierung der bereits seit einem Jahrzehnt beschworenen Konvergenz von TV und PC seien außer der einfachen Bedienbarkeit auch verlässliche Standards und ein Verfahren, das die Zuschauer mit einem einheitlichen Logo per Knopfdruck von der TV- in die Online-Welt führen werde.

Einen großen Anteil an den weit mehr als 100.000 hybriden Web-TV-Endgeräten, die bislang in Deutschland verkauft wurden, haben die Baureihen, die mit dem System Philips Net TV ausgestattet sind. Die preiswertesten dieser Flachbildschirme mit integriertem Online-Zugang seien bereits für 699 Euro zu haben, berichtet der bei Philips für das Net TV zuständige Projektleiter Volker Blume. Mit einer speziellen Taste auf der Fernbedienung lassen sich über einen integrierten Browser Online-Inhalte von etwa sechzig Anbietern abrufen. Die Palette reicht dabei von ARD, ZDF und Arte über Bild.de und Kicker bis zu Ebay und MyVideo.

Fernbedienung mit Red Button

Die hybride Web-TV-Welt bietet viele neue Möglichkeiten: Wer etwa beim Schauen von ARD-Programmen den Red Button seiner Fernbedienung drückt, gelangt automatisch zu Zusatzinformationen, die per HD-Teletext angeboten werden. Zu den völlig neuartigen Diensten, die Rundfunk- und Internet-Komponenten integrieren, gehören beispielsweise auch Programmführer oder Quiz-Anwendungen, die sich per Knopfdruck zum laufenden TV-Programm einblenden lassen. Dank HDTV kann der klassische Teletext künftig multimedial ergänzt werden. Die Zeiten der bescheidenen grafischen Videotext-Darstellung sind damit so gut wie vorbei. Die ARD präsentierte bereits in diesem Jahr während der Internationalen Funkausstellung in Berlin Beispiele für ein digitales Kontextmenü, das attraktiv gestaltete Zusatzinformationen zu TV-Sendungen ermöglicht. RTL will seinen HD-Text im nächsten Jahr starten und den Teletext durch hochauflösende Grafiken und Layouts sowie eine stärkere Interaktivität ergänzen, die auch von Werbekunden eingesetzt werden kann.

Wenn das Internet per TV-Bildschirm im Wohnzimmer genutzt wird, drohen aber auch Gefahren: Ist die Online-Welt nur einen Tastendruck vom TV-Programm entfernt, können Zuschauer aus den Free-TV-Programmen scharenweise abwandern, sobald die Spannungskurve sinkt oder ein Werbeblock beginnt. Nur wer künftig seine TV-Angebote geschickt mit eigenen Zusatzinformationen im Internet verzahnt, kann verhindern, dass die Zuschauer beim Web-TV die Sendungen von RTL oder Sat.1, ARD oder ZDF gegen die Inhalte von Spiegel Online oder Bild.de austauschen.

Individualisierbare Werbung

„In zehn Jahren ist Web-TV in allen Wohnzimmern“, prophezeit Jan Wendt von der Hamburger Strategieberatungsfirma MMH. Die Konvergenz werde dazu beitragen, so lautet seine Prognose, dass einzelne Medienmarken wie zum Beispiel die Tagesschau aus ihren traditionellen Programmen herausgelöst und sich auch auf fremden Plattformen etablieren werden. Wendt rechnet damit, dass schon bald „mindestens 500 neue TV-Services“ den linearen TV-Programmen Konkurrenz machen.

Die Hersteller von TV-Geräten mit Internet-Zugang lassen sich die Online-Klicks von ihren Partnern in der Regel bezahlen. Schließlich erzielen Bild.de, Youtube & Co. durch das Internet-Fernsehen zusätzliche Werbeeinnahmen, von denen auch Philips, Panasonic, Samsung oder Sony profitieren wollen. Das Web-basierte Fernsehen, so berichtete Very-TV-Geschäftsführer Michael Wurzer beim 21. medienforum.nrw, erlaube individualisierbare Werbung und das Erstellen von Nutzerprofilen.

Offener Standard angestrebt

Weil die Endgeräte-Hersteller mit unterschiedlichen Software-Lösungen arbeiten, müssen Applikationen zurzeit noch in mehreren Versionen programmiert werden. Während das Net TV von Philips mit seiner Browser-basierten Lösung HTML-Inhalte an die TV-Technologie anpasst (HTML CE), operieren die meisten anderen Hersteller mit sogenannten Widgets. Dabei handelt es sich um proprietäre Miniprogramme, die auf den Fernseher überspielt werden müssen.

Um einen gemeinsamen, möglichst offenen Standard durchzusetzen, hat ein europäisches Konsortium, zu dem ebenso große Software- und TV-Programmanbieter gehören wie der Satellitenbetreiber SES Astra und das Münchener Institut für Rundfunktechnik (IRT), einen Entwurf mit dem Namen Hybrid Broadcasting Broadband TV (Hbb TV) vorgelegt. Philips Net TV soll sich per Software-Update schrittweise an den Hbb-TV-Standard anpassen lassen. Das lässt Spielraum für künftige Entwicklungen. Noch aber ist vieles unklar, und es mangelt an spannenden Inhalten: Solange nämlich einheitliche Normen und verlässliche Geschäftsmodelle für „fernsehzentrische Plattformen“ (IRT) fehlen, halten sich beim Web-TV viele Content-Anbieter noch zurück.

Optimierung erforderlich

Zu den ungelösten Problemen zählt auch die Frage, wie die TV- und Web-Angebote auf dem Bildschirm neben- oder übereinander angeordnet werden sollen, wovon abhängt, ob die TV-Programme vielleicht schon bald durch ein „Online-Overlay“ in den Hintergrund gedrängt werden. Dann könnte das World Wi(l)de Web zur Gefahr für das werbefinanzierte Geschäftsmodell des Free-TV werden. Einen Zugang zur kompletten Internet-Welt bieten allerdings zurzeit nur wenige Anbieter wie etwa Philips oder die Firma Videoweb mit ihrem speziellen Satelliten-Decoder.

Um Kosten zu sparen, weisen die neuen Web-TV-Geräte in den meisten Fällen weder einen leistungsstarken PC-Prozessor noch eine Speicherplatte auf. Für die Darstellung von WWW-Inhalten bedeutet dies, dass Texte oft schlecht lesbar sind und Flash- oder PDF-Dateien überhaupt nicht abgebildet werden können. Außerdem ist die Qualität vieler Videodateien aus dem Internet noch mangelhaft. Und noch etwas könnte für viele Zuschauer zur Qual werden: Dass jeder Wechsel vom TV- zum Online-Angebot mehr als eine Sekunde dauert und die Bildschirmoberfläche so lange schwarz bleibt, kommt manchem wie eine unerträgliche Ewigkeit vor.

Dr. Matthias Kurp

VERÄNDERT SICH DIE TV-NUTZUNG?

Wie sich die wachsende Beliebtheit von Online-Videos und Internet-Fernsehen auf die Nutzung klassischer TV-Programme auswirken wird, ist noch umstritten. Empirische Studien aus den USA weisen nicht auf den von der TV-Branche befürchteten Kannibalismus-Effekt hin. Vielmehr bedienen sich die meisten Amerikaner im Internet nur, wenn sie kurze Videoclips sehen wollen. Jenseits dieses „Video Snacking“ aber werden im gewohnten Umfang TV-Programme konsumiert. Bei jüngeren Zuschauern lässt sich allerdings ein Trend zum „Medien-Multitasking“ erkennen, das heißt: Fernsehgerät und Laptop werden parallel genutzt.

Sollte die Qualität von Bewegtbildern im Internet dank größerer Bandbreiten weiter optimiert werden, rechnen Experten mit einem Bedeutungsgewinn von Fernsehen via WWW. Dazu dürften auch die ständig wachsenden Mediatheken etablierter TV-Programmanbieter beitragen. Sie erlauben den Zuschauern einen zeitsouveränen Umgang mit Fernsehinhalten, der nicht an feste Programmschemata gebunden ist.

07.11.2009 | Beitrag erstellt von redaktion in television
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Tags: hybrid-tv, internet, multimedia, werbung, television Views: 2114

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