[2/09] INTERNATIONALES KINO // GRENZENLOSES KOPRODUZIEREN

Internationale Koproduktionen überschreiten Grenzen und eröffnen neue Horizonte. Galt die Zusammen- arbeit von Filmemachern aus unterschiedlichen Ländern lange als schwierig, zeigen sich nun immer mehr Erfolge. Internationale Koproduktionen werden preisgekrönt und finden mehr Zuschauer als nationale Filme.

Vier unerfahrene und völlig überforderte israelische Soldaten in einem Panzer: Die feindliche Welt außerhalb ihrer eisernen Hülle nehmen sie ausschließlich durch den Fokus ihres Zielfernrohres wahr. Das ist das eindrucksvolle Szenario des Kinofilms „Lebanon“, in dem der israelische Regisseur Samuel Maoz seine eigenen Erfahrungen als junger Soldat während des Libanon-Krieges 1982 verarbeitet. Der Film konzentriert sich als intensives Kammerspiel ganz auf die Panzerbesatzung. Und doch brilliert nicht nur das Schauspieler-Ensemble, sondern auch der Ton des Films, der bei der Darstellung des Panzerinneren eine ganz besondere Rolle spielt. Im Kampfraum des tonnenschweren Kettenfahrzeugs herrscht ein ohrenbetäubender Lärm, der naturgemäß nicht zur Deeskalation beiträgt, sondern Stress und Anspannung der Soldaten noch steigert.

Die eindringliche Wirkung der Tonebene verdankt „Lebanon“ filmtechnischem Know-how aus Nordrhein-Westfalen. Verantwortlich dafür zeichnet der Kölner Mischtonmeister Tobias Fleig, der gemeinsam mit dem israelischen Sounddesigner Alex Claude die komplette Ton-Postproduktion bei der Firma Torus in der Kölner Südstadt zum Abschluss brachte. Diese äußerst erfolgreiche deutsch-israelische Zusammenarbeit ist das Ergebnis einer israelisch-deutsch-französischen Koproduktion, an der auf deutscher Seite die Kölner Ariel Films (Geschäftsführerin: Sonja Ewers) beteiligt war. Bei den Filmfestspielen in Venedig, wo der Film im September seine Premiere feierte, gewann Samuel Maoz den Goldenen Löwen.

Vier NRW-Erfolge in Venedig

Bei den 66. Filmfestspielen in Venedig feierten gleich vier internationale Koproduktionen Erfolge, an denen Nordrhein-Westfalen beteiligt war und die von der Filmstiftung NRW gefördert worden waren: Außer „Lebanon“ erhielten am Lido auch „Women without Men“, „Lourdes“ und „Wüstenblume“ Auszeichnungen. Die Produktion „Women without Men“ der iranischen Videokünstlerin Shirin Neshat über vier iranische Frauen, die aus ihrer Lebenssituation ausbrechen und einen neuen Anfang suchen, sicherte ihr den Silbernen Löwen für die beste Regie. Jessica Hausners Kinofilm „Lourdes“ über die Heilung einer Gelähmten in Lourdes wurde gleich vierfach ausgezeichnet. Schließlich feierte die Romanverfilmung „Wüstenblume“ in Venedig Weltpremiere und erhielt wenig später beim Festival in San Sebastian einen Publikumspreis.

Das Besondere an den vier erfolgreichen Koproduktionen ist die Tatsache, dass alle diese Filme trotz der vielen Beteiligten aus den verschiedensten Ländern ihre eigene kulturelle Identität behielten. Noch vor ein paar Jahren wurden europäische Koproduktionen abfällig und oft nicht zu Unrecht als „Europudding“ bezeichnet. Der Versuch, es allen recht zu machen, führte dazu, dass die Filme ihre Authentizität verloren. Doch diese Zeiten sind endgültig vorbei. Internationale Koproduktionen sind heute erfolgreiche Modelle für den Weltmarkt und eine der großen Stärke der europäischen Filmindustrie.

Anerkennung aus den USA

Die starke Position europäischer Koproduktionen müssen auch die großen US-Produzenten inzwischen anerkennen. Beim Internationalen Filmkongress der Filmstiftung NRW im Juni, der im Rahmen des 21. medienforum.nrw stattfand, blickte der US-Produzent Ehud Bleiberg, der gemeinsam mit der Dortmunder 3L Filmproduktion „Adam Resurrected – ein Leben für ein Leben“ realisiert hatte, geradezu schwärmerisch nach Europa. Seiner Erfahrung nach erhöhen internationale Koproduktionen die Chancen auf eine internationale Auswertung der Filme. In den USA sei man da noch lange nicht so weit, berichtete Bleiberg.

Zahlen der Europäischen Audiovisuellen Informationsstelle bestätigen Bleibergs Ansicht: Eine Auswertung von 5.400 Filmen, die zwischen 2001 und 2007 in zwanzig ausgewählten europäischen Ländern in die Kinos gebracht wurden, zeigt, dass europäische Koproduktionen im Vergleich zu nationalen Filmen durchschnittlich in doppelt so vielen Märkten außerhalb des Heimatmarktes verliehen werden. Außerdem, so ermittelte die Informationsstelle, werden europäische Koproduktionen im Durchschnitt von 2,7 Mal so vielen Besuchern gesehen wie rein nationale Produktionen. In den untersuchten Fällen sahen 41 Prozent der Kinobesucher die Koproduktionen im Ausland, während dieser Anteil bei nationalen Filmen mit lediglich 15 Prozent deutlich niedriger liegt.

Vorteile bei den Festivals

Internationale Produktionen haben auch Startvorteile bei den wichtigen Festivals und werden daher rasch in mehreren Ländern bekannt. Im Idealfall lassen sich so auch besser Käufer für den Weltmarkt finden. Wenn in Venedig, Cannes, Locarno, Toronto oder auch Berlin bereits drei rein deutsche Filme geordert wurden, wird es der vierte schwerer haben. Internationale Koproduktionen hingegen profitieren bei Festivaleinladungen von ihrer Multinationalität und haben größere Chancen auf eine der begehrten Präsentationsmöglichkeiten. Auch dies hält Bleiberg für einen erheblichen Standortvorteil europäischer Koproduktionen. Der US-Produzent warb beim Filmkongress in Köln umso intensiver für eine engere Zusammenarbeit mit den USA. Sein Argument lautete dabei, eine deutsch-amerikanische Koproduktion sei auch eine Eintrittskarte für den US-Markt.

Die Branche hat den neuen Erfolgstrend erkannt, und die Zahl der deutsch-europäischen Koproduktionen ist auch in den deutschen Kinos seit 1998 beinahe kontinuierlich gestiegen: von elf Filmen im Ausgangsjahr auf 45 im Jahr 2007. Auch in Nordrhein-Westfalen ist die Tendenz steigend. Während die Filmstiftung NRW im Jahr 2000 zehn internationale Koproduktionen förderte, waren es 2006 schon 18, 2007 sogar 24 und 2008 stieg die Zahl auf 25.

Koproduktionen mit hohen Budgets

Dass gerade Deutschland als Koproduktionspartner gefragt ist, liegt an der guten Förderstruktur, die – insbesondere in Nordrhein-Westfalen – offen ist für grenzüberschreitendes Zusammenarbeiten. Auch der Deutsche Filmförderfonds (DFFF) hat dazu beigetragen, Deutschland als Partner noch attraktiver zu machen. 2008 wurden durch den Fonds 37 europäische Koproduktionen und 62 ausschließlich deutsche Filme gefördert. Die Herstellungskosten dieser Kooperationen, die in Deutschland anfielen, betrugen 172 Millionen Euro. Zum Vergleich: Bei den fast doppelt so vielen deutschen Produktionen waren es „nur“ 190 Millionen Euro. Der Grund für diese Entwicklung ist, dass europäische Koproduktionen in der Regel mit einem höheren Budget realisiert werden als rein nationale Filme.

Von den hohen Budgets profitieren auch die großen Studios wie die Kölner MMC Studios. Die meisten der Filme, die dort realisiert werden, sind internationale Koproduktionen mit Produktionsetats, die auch aufwendige Studiobauten zulassen. Deshalb machen die höheren Budgets Koproduktionen für Filmstandorte besonders interessant. Durch gezielte Förderung entsteht dabei ein Großteil internationaler Wertschöpfung in Deutschland. Für die 172 Millionen Euro, die die internationalen Produktionen 2008 in Deutschland ausgaben, zahlte der DFFF Förderungen in Höhe von insgesamt 28,7 Millionen Euro aus. Dieser positive Effekt gilt auch für Nordrhein-Westfalen, wo die Filmstiftung NRW mit ihrem NRW-Effekt dafür sorgt, dass mehr Geld im Land bleibt, als durch die Förderung ausgegeben wird. Dabei ist es erst einmal völlig gleich, ob das Geld in die Postproduktion fließt, wie etwa bei „Lebanon“, oder ob an Rhein und Ruhr gedreht wird, wie bei „Wüstenblume“.

Dreharbeiten im Bergischen Land

Zu den internationalen Koproduktionen, die zuletzt in Deutschland gedreht wurden und europaweit Beachtung fanden, gehört auch Lars von Triers „Antichrist“. Der dänische Filmregisseur reiste zu den Dreharbeiten ins Bergische Land und setzte damit erstmals außerhalb Skandinaviens einen seiner Filme in Szene. Charlotte Gainsbourg, die neben Willem Dafoe eine der beiden Hauptrollen spielte, gewann für ihre darstellerische Leistung bei den Filmfestspielen in Cannes eine Goldene Palme. Produziert wurde „Antichrist“ von der Kölnerin Bettina Brokemper, die schon viele internationale Koproduktionen realisiert hat.

„Für mich gilt, dass manche Geschichten halt nur an einem speziellen Ort erzählt werden können“, lautet Brokempers Maxime. „Wenn es die Geschichte braucht, wird der Film halt international – nach dem von mir sehr geliebten Satz: Local stories for global markets.“ Mit ihrer Firma Heimatfilm war die Kölner Produzentin an internationalen Koproduktionen wie „Lemon Tree“ oder „Sweet Mud“ beteiligt, die beide im Nahen Osten spielen – und ihrer Ansicht nach auch nur dort spielen können.

Postnationale Phase erreicht?

Dass Produktionen auch mit Partnern, die nicht aus Europa stammen, erfolgreich sein können, beweist Christoph Friedel von der Kölner Firma Pandora Film. Er gilt als Experte für Koproduktionen mit Südamerika. Friedels neuer Film „Gigante“ ist das Debüt des aus Uruguay stammenden Regisseurs Adrián Biniez und gewann bei der Berlinale 2009 den Sonderpreis der Jury. „Geschichten sind nicht national oder international, sie müssen gut sein, in einem konkreten sozialen Gefüge verankert und universell ein Publikum ansprechen können“, berichtet Friedel über die Handlung von „Gigante“. Der Film erzählt die Geschichte eines Wachmanns, der nachts in einem Supermarkt in Montevideo nahezu obsessiv eine Putzfrau beobachtet, weil er sich zu ihr hingezogen fühlt.

Trotz bekannter Hindernisse wie der Produktionsstätten-Problematik oder unterschiedlicher Anforderungen der nationalen Förderungen halten viele Produzenten längst eine postnationale Phase für erreicht. Dabei steht die Realisierung guter Stoffe im Vordergrund und nationale Eigenheiten oder Eitelkeiten treten in den Hintergrund. Friedel geht davon aus, dass international auch kleinere Beteiligungen an fremden Projekten lohnend sind, weil ausländische Partner dann im Gegenzug auch für eigene Projekte gewonnen werden können.

Internationales Produzentennetzwerk

Für die gute Zusammenarbeit der Produzenten sorgen regelmäßige Treffen im Rahmen der europäischen Koproduktionsmärkte. Dies war zum Beispiel im September in Zürich der Fall, wo sich Produzenten aus Nordrhein-Westfalen und der Schweiz trafen. Hilfreich ist auch die Initiative Ateliers du Cinéma Européen (ACE), die vom europäischen Filmförderungsprogramm MEDIA (Mesures pour Encourager le Développement de l´Industrie Audiovisuelle) und der Filmstiftung NRW unterstützt wird. 1993 entschloss sich eine kleine Gruppe unabhängiger europäischer Produzenten, ihre Erfahrungen zu teilen, um so das unabhängige Kino in Europa voranzubringen. Aus einem Netzwerk von Filmemachern entstand auf diese Weise eine effektiv arbeitende Einrichtung.

ACE bietet ein sehr gefragtes Weiterbildungsprogramm und ist mit mittlerweile mehr als 200 Produzenten aus 23 europäischen Ländern eines der wichtigsten Produzentennetzwerke Europas. Der Kölner Produzent Titus Kreyenberg bezeichnet ACE als „verschworene Gemeinschaft“ und schildert überzeugend die Vorteile des Netzwerkes: „ACE hat begriffen, dass die Zukunft des Kinos in Europa nur gemeinsam gesichert werden kann, dass unsere Unterschiede unser großer Vorteil sind. Man teilt und kommt reich beschenkt nach Hause.“

Unschätzbare Werte

Vorteile internationaler Koproduktionen bestehen nicht nur bei der möglichen Schlussfinanzierung mithilfe von Produzenten zum Beispiel aus Frankreich, England, der Schweiz oder Spanien. Über die Bilanzen hinaus haben Koproduktionen einen Wert, der sich nur schwer in Zahlen bemessen lässt. Er resultiert aus dem Austausch von Geschichten, Know-how und der Chance, Drehbücher zu verwirklichen, die national vielleicht keine Chance hätten. Bettina Brokemper drückt diesen Effekt so aus: „Natürlich haben auch rein deutsche Stoffe ihren Reiz, aber durch Koproduktionen kommt man an Stoffe, die anders sind als das, was in Deutschland geschrieben wird.“

Was entstehen kann, wenn bei einem Projekt internationale Akteure gemeinsam Kinofilme machen, ließ sich eindrucksvoll in Venedig bestaunen, wo ein israelischer Regisseur und eine iranische Filmemacherin ihre international finanzierten Werke vorstellten. Die Produktionen „Lebanon“ und „Women without Men“ mögen, abgesehen von ihrem politischen Thema, filmisch wenig gemeinsam haben. Aber sie verbindet, dass sie beide als Koproduktion mit Beteiligung aus Nordrhein-Westfalen entstanden. Der Iran und Israel waren sich wohl selten so nah wie auf dem roten Teppich am Lido.

 

 

MAKING OF "LEBANON"// KATRIEL SCHORY ERINNERT SICH…

Martin Ebert, Geschäftsführer des Kinos Cinedom in Köln

Von Katriel Schory, Direktor des Israel Film Fund

Als Samuel Maoz dem Israel Film Fund das Drehbuch zu „Lebanon“ gab, war unsere Entscheidung, das Projekt zu unterstützen, einstimmig. Das Buch war sehr stark. Kurz darauf kamen auch der israelische Produzent Uri Sabag von Paralite Productions und in Cannes 2006 die Kölner Ariel Films und die französische Firma Arsam Entertainment als Koproduzenten zum Projekt. Im Herbst 2006 sagten die Filmstiftung NRW und Arte ihre Unterstützung zu.

Zum Standpunkt

MAKING OF "LEBANON" // SONJA EWERS ERINNERT SICH…

Catherine Laakmann, Geschäftsführerin der Metropolis Lichtspieltheater GmbH in Köln

Von Sonja Ewers, Produzentin/ Mitbegründerin der Ariel Films GmbH

Im Sommer 2006 haben meine Geschäftspartnerin Benjamina Mirnik und ich das Drehbuch gelesen und waren begeistert: ein hervorragendes Buch, hart und klar, ohne Subplots und doch in seiner Konsequenz so fantastisch. Uns war klar, das wollten wir machen.

Zum Standpunkt

07.11.2009 | Beitrag erstellt von Rüdiger Bertram in film
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Tags: finanzierung Views: 1929

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