Standpunkt // Ein Vierteljahrhundert Kampf um die Aufmerksamkeit

Prof. Dr. Norbert Schneider, Direktor der Landesanstalt für Medien NRW (LfM)

Standpunkt zum Artikel: 25 Jahre Free-TV: Wie Programme zu Profit-Centern wurden
Von Prof. Dr. Norbert Schneider, Direktor der Landesanstalt für Medien NRW (LfM)


Ein Vierteljahrhundert Privatfunk – auch wenn es derzeit zum Feiern eher weniger Anlass gibt, weil die Budgets aus unterschiedlichen Gründen schwer unter Druck geraten sind: Diese 25 Jahre haben dafür gesorgt, dass der Rundfunk in Deutschland im Ganzen nicht mehr ist, was er vor 1983 einmal war.
Erst war es die freche, gelegentlich auch ruppige Art, wie sich der Neuling gegenüber dem öffentlich-rechtlichen Platzhirsch in Szene gesetzt hat, die aufhorchen und hinschauen ließ. Auffallen um jeden Preis war die Devise der ersten Jahre. Und mancher unter den Beobachtern glaubte bereits, dass diese Rosskur am Ende nichts bewirken würde. Doch diese Flegeljahre waren nur der Einstieg.

Nach und nach hat die Zuspitzung auf das Unterhaltsame, im Spiel, im Magazin, in großen neuen Shows, schließlich auch in den Nachrichten je auf ihre Weise gezeigt, dass man erfolgreich Publikumsmaximierung planen kann.

Nach und nach hat die Quote die Herrschaft übernommen als das nahezu einzige zählende, weil zählbare Kriterium für das, was man dann Erfolg nennt. Und weil diese entschlossene Hinwendung zur Unterhaltung so erfolgreich war, hat auch die andere Seite des dualen Systems, die mit dieser Quote lange nur eine heimlich-unheimliche Liebschaft unterhalten mochte, die Quote mehr und mehr ganz offen verehrt und sich einbinden lassen in einen Wettbewerb um Abendsieger und Marktführerschaft, der dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk an seiner Wiege nicht gesungen worden war.

25 Jahre Privatfunk in Deutschland sind in der Bilanz im Wesentlichen zu beschreiben als ein sich immer mehr zuspitzender Kampf um die Aufmerksamkeit, deren Quantum sich die einen als Legitimation schlechthin so lange einreden ließen und eingeredet haben, bis sie es irgendwann auch geglaubt haben – was in dieser Gradlinigkeit das System ohne Frage beschädigt hat –, und die andern als Basis unternehmerischer Gewinne einsetzten – was in jeder Hinsicht logisch erscheint, auch wenn darunter der Beitrag zur Erfüllung einer öffentlichen Aufgabe spürbar gelitten hat.

Man mischte munter Ideen und Personal, kopierte, was man für Erfolg versprechend hielt, auf beiden Seiten, und wurde sich, bei allen natürlich bleibenden Unterschieden, die vor allem im Bereich Information mit Händen zu greifen sind, partiell wenigstens immer ähnlicher – darin jederzeit einig, dass es die Masse macht. Dass dabei bestimmte Altersgruppen mittlerweile auch bestimmten Systemhälften eher zusprechen, die älteren eher dem öffentlich-rechtlichen Teilsystem, die jüngeren, wenn denn überhaupt, eher dem privaten Teil, überrascht weiter nicht. Die kommunikative Interessenlage beider Großgruppen ist einfach zu verschieden.

Ob es indes Sinn macht, Programmkonzepte, wie derzeit üblich, speziell so zu entwickeln, dass sie diejenigen anziehen, die (noch) nicht zuschauen, ist schon deshalb mehr als zweifelhaft, weil inzwischen neue Kommunikationsorte und neue Medien, speziell das Internet, die Medienlandschaft, die Nutzungsarten und die Präferenzen noch einmal völlig neu aufmischen. Dass eher von diesen derzeit noch kleinen Neuen die Probleme von morgen kommen werden – diese Annahme setzt sich im dualen System insgesamt noch immer nicht richtig durch. Dabei ist für jede Art von Rundfunk heute die Aufgabe nahezu dieselbe: Von diesen neuen Wettbewerbern wird nur überleben, wer sich auf das besinnt, was er allein gut kann. „Me too“ war in den späten 1980er-Jahren eine Devise für Erfolg. Die schönen Zeiten sind vorbei. Heute muss jemand sagen können: „Just me.“

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