Standpunkt zum Artikel: Mikroblogging // Ersetzt Twitter den Newsticker?
Dr. Hans-Peter Siebenhaar, Medien-Redakteur beim Handelsblatt

Axel Springer übernimmt für 1,5 Milliarden Dollar das weltweit begehrteste Internet-Start-up Twitter. Das verkündete Medienblogger Peter Turi pünktlich zum 1. April. „Was wollen wir mit ProSieben.Sat.1? Wir investieren lieber in die Zukunft − und die liegt im mobilen Internet“, soll Vorstandschef Mathias Döpfner zur Begründung gesagt haben. Peter Turis charmanter Aprilscherz rührt an einer Kernfrage: Wie viel ist der individuelle und mobile Kurznachrichtendienst wirklich wert? Handelt es sich um ein junges Unternehmen mit einem milliardenschweren Markt oder nur um eine riesige Luftblase am Ende des Web 2.0?  Die euphorischen Meldungen um den Online-Dienst reißen seit Monaten nicht ab.

 Immer neue Nutzerrekorde des erst im März 2006 gegründeten Unternehmens werden vermeldet. Spekulationen wie eine mögliche Übernahme durch den Internet-Giganten Google heizen die Stimmung weiter an. Der Mikroblogging-Dienst, bei dem sich auch Fotos, Videos oder Verweise auf andere Internet-Seiten einbauen lassen, ist der Liebling der Journalisten. Begeistert wird kolportiert, dass Twitter das erste Medium war, das über einen tragischen Flugzeugabsturz im New Yorker Hudson River berichtete. Prominente Nutzer wie Reiner Calmund, Harald Schmidt oder Britney Spears und Lance Armstrong werden zum Testimonial für die Zukunftsfähigkeit des Web-2.0-Angebots. Auf der Strecke bleibt eine nüchterne Analyse und Bewertung des Unternehmens. Die bittere Wahrheit ist: Dem Kurznachrichtendienst fehlt auch nach über zwei Jahren seit der Gründung ein tragfähiges Geschäftsmodell. Mikroblogging trifft zwar weltweit auf ein großes Interesse. Doch ein Business ist es damit noch lange nicht.  Bislang verbrennt der Mikroblogging-Dienst, der Kurznachrichten von maximal 140 Zeichen erlaubt, nur das Risikokapital, das ihm wagemutige Finanziers zur Verfügung gestellt haben. Doch die opulenten Finanzquellen des Web 2.0 versickern allmählich. In der schwersten Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten haben es auch innovative Internet- Unternehmen zunehmend schwer, die nächste Finanzierungsrunde zu überstehen. Endlich trennt sich die Spreu vom Weizen.  Selbst Twitter muss irgendwann den Beweis antreten, dass sich mit dem Gezwitscher im Netz auch wirklich Geld verdienen lässt. Werbung oder Abo-Gebühren könnten ein Modell sein. Twitter muss aufpassen, dass die kostenlosen Short Messages nicht nur ein schönes Freizeitvergnügen bleiben – mehr aber auch nicht. Trotz aller Prognosen ist Twitter in der Business-Welt kein zentrales Handwerkszeug, sondern eher ein Spielzeug für PR-Manager mit geringer Kundenauslastung. Gerade 50.000 Menschen in Deutschland nutzen den Dienst – nicht gerade viel in einem Land mit 82 Millionen Einwohnern.  Noch steht Twitter nicht unter pekuniärem Druck. Denn angesichts gewaltiger Wachstumsraten gehen dem Kurznachrichtendienst vorerst nicht die Geldquellen aus. Im Gegenteil: Das Geld für Twitter fließt trotz Rezession derzeit noch in Strömen. Doch Twitter ist für Investoren wie Wellenreiten. Das Vergnügen ist umso größer, je größer die Welle. Bei Twitter könnte es sich allerdings um eine Monsterwelle handeln, die am Ende den Wellenreitern das Rückgrat brechen könnte.  

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