10.04.2009 | Beitrag erstellt von in digital
Nutzerbeiträge bei Twitter & Co. versprechen Aktuelles und Authentisches aus nächster Nähe. Kann Mikroblogging als journalistisches Crowdsourcing funktionieren? Gibt es so etwas wie einen Citizen Journalism oder gar Twitizen Journalism? Über die Unterschiede zwischen Journalismus und Gezwitscher. Zuerst existierte nur eine kurze Meldung, losgeschickt am 11. März gegen 10.30 Uhr – 129 Zeichen lang. Verfasserin „Tontaube“ warnte mit einem Hilferuf über den Mikroblogging- Dienst Twitter: „Achtung: In der Realschule Winnenden gab es heute einen Amoklauf, Täter angeblich flüchtig – besser nicht in die Stadt kommen!!!!“ Die Autorin dieser Zeilen saß im Winnender Bahnhof. Ein 17-jähriger Jugendlicher hatte bereits zehn Menschen in der Albertville-Realschule erschossen. Es dauerte nicht lange, bis sich gleich mehrere Journalisten bei der Verlagsangestellten, die eigentliche nur ihre Freunde warnen wollte, meldeten. Reporter suchten nach Informationen von Augenzeugen, die sie vor Ort vermuteten. Bild-Zeitung, n-tv und Stuttgarter Nachrichten nahmen Kontakt zu der Frau auf, die den ersten Twitter-Warnhinweis verfasst hatte, nachdem sie über die Tragödie von einer Kollegin erfahren hatte.
Das Geschehen von Winnenden löste innerhalb weniger Stunden eine Lawine von Nachrichten aus. Der Social-Web-Dienst Twitter spielte dabei auch für Journalisten eine zentrale Rolle. Der Service ist kostenlos und deshalb zurzeit das Web-2.0- Angebot mit dem rasantesten Wachstum. Per PC oder mit einem internetfähigen Handy ist es möglich, Kurznachrichten, die als Tweets oder Updates bezeichnet werden, so zu veröffentlichen, dass sie von Freunden oder anderen Interessierten gelesen werden können. Die Inhalte sind wegen des USStandards für Short Messages auf 140 Zeichen begrenzt. Wer zur Lesergemeinde bestimmter Autoren gehört, wird Follower genannt und regelmäßig über neue Nachrichten dieser Autoren informiert. So lassen sich Texte anderer abonnieren, weiterleiten und auch kommentieren.
Britney Spears, Barack Obama, Lance Armstrong, Harald Schmidt, Reiner Calmund und etwa jeder zehnte deutsche Bundestagsabgeordnete gehören inzwischen ebenso zur Twitter-Gemeinde wie mehr als sechs Millionen andere Nutzer weltweit. In Deutschland wird die Zahl der Twitter-Anhänger auf mehr als 50.000 geschätzt.
Erfolgreiches Gezwitscher
Im vergangenen Jahr wuchs die weltweite Twitter-Community gleich um 900 Prozent. Täglich kommen mehr als 5.000 neue Accounts hinzu. Das Start-up-Unternehmen aus San Francisco wurde 2006 gegründet und gehört mit seinen etwa dreißig Mitarbeitern zu den wenigen Online-Firmen, die trotz ausbleibender Einnahmen und anhaltender Wirtschaftskrise keine Probleme haben, Investoren zu finden. Facebook soll für die Social-Network-Plattform vor Kurzem etwa eine halbe Milliarde Euro geboten haben.
Das englische Wort Twitter bedeutet so viel wie Gezwitscher. Das Pfeifen und Piepen im Netz, das durch die neue Kult- Community erzeugt wird, ist in der Regel unverbindlich wie eine Mischung aus Plauderei und persönlichem Tagebuch. Meist werden individuelle Befindlichkeiten geäußert, die dann weltweit gelesen werden können. In Fällen wie der Mordserie des Schülers in Winnenden, den Terroranschlägen von Mumbai (früher: Bombay) im vergangenen November oder der Airbus-Notlandung auf dem New Yorker Hudson River im Januar avanciert Twitter für viele zum Nachrichtenticker.
Ungefilterte Augenzeugenberichte
Bei der Flugzeug-Notwasserung in New York informierte der 23-jährige Ernährungsberater Janis Krums nicht nur per Text („There’s a plane in the Hudson. I’m on the ferry going to pick up the people. Crazy.“), sondern machte wenige Augenblicke nach der ungewöhnlichen Landung auch gleich ein Foto, das er mit seinem iPhone mithilfe einer Twitter-Applikation (TwitPic) ins Netz stellte. Das Bild war am nächsten Tag Aufmacher zahlreicher Zeitungen.
Ein anderes Beispiel: Der indische Software-Entwickler Vinukumar Ranganathan twitterte am 26. November 2008: „Habe laute Schüsse gehört, und sie schmeißen offenbar Granaten.“ So kommentierte er als einer der ersten die dramatischen Geschehnisse in Mumbai. Twitter-Texte sind ungefilterte Augenzeugenberichte und wirken authentisch, weil die Autoren vermeintlich nah am Gegenstand ihrer Berichterstattung dran sind.
Twitizen Journalism?
Die Propheten des Web 2.0 schwärmten nach den Vorfällen in Mumbai, New York und Winnenden vom Bürgerjournalismus als Nachrichtendrehscheibe (Citizen Journalism) oder gar vom Twitizen Journalism. Aber handelte es sich wirklich um journalistische Leistungen? Wurde gezielt recherchiert? Wurden Fakten und Quellen geprüft und interpretiert? Wurde objektiv berichtet? Aus Mumbai wurden unter anderem auch Falschmeldungen getwittert, zum Beispiel, dass außer dem Luxushotel Taj Mahal auch das Mariott-Hotel angegriffen worden sei.
Längst zwitschern viele im Netz unter Pseudonym oder sie äußern Erfundenes, verdichten Gerüchte zu Unwahrheiten, verbreiten ungeprüfte Nachrichten oder produzieren absichtlich falsche Meldungen (Hoax). Die Frau, die in Winnenden als erste eine Twitter-Botschaft verfasst hatte, wollte – etwa zwei Kilometer vom Tatort entfernt – nie als News-Quelle agieren und tippte später verzweifelt folgendes Update: „Liebe Presse: ich weiss doch auch nichts von dem Verrückten ...“
Mikroblogging im Mesokosmos
Twitter ist gratis, einfach zu bedienen, schnell und deshalb beliebt. Eines aber ist Twitter nicht: Journalismus. Als Quelle und Kommunikationskanal kann Mikroblogging für Journalisten allerdings einen großen Wert haben. Einige Zeitungen benutzen Twitter inzwischen für Newsfeeds und Nachrichtenticker, andere Redaktionen suchen gezielt den Kontakt zu den Lesern, um Anregungen zu erhalten. Der Dienst Citywatchr konfektioniert für einige deutsche Großstädte lokale Informationen, die mit Mikroblogging kombiniert werden.
Twitter bietet eine Mischung aus persönlich erlebtem Mesokosmos und Narrowcasting für ungefilterte, private Eindrücke. „Natürlich ist es oft banal. Twitter steht für kurze Ausbrüche. Wichtig ist, Menschen verbinden sich und schicken einander Botschaften, die ihnen etwas bedeuten“, erklärte Twitter-Mitbegründer Biz Stone. Häufig aber wird die Kommunikation auch einfach zum Selbstzweck. In jedem Fall sind Mikroblogging-Dienste wie Twitter vor allem subjektiv und nicht auf intersubjektiv nachprüfbare Nachrichten ausgerichtet.
Agenda-Setting im Web 2.0
Ähnlich wie klassische Weblogs ermöglicht auch Twitter primär soziale (Ko-)Orientierung und Selbstvergewisserung. Nutzer können sich ein Bild davon machen, was andere beschäftigt und berührt. Weil Twitter seine Tweets systematisch auf die am häufigsten auftauchenden Begriffe untersucht und diese auf der Titelseite dokumentiert, hilft der Dienst Journalisten, die Themen herauszufinden, die Menschen besonders bewegen. Auch die iPhone-Applikation Summizer sucht nach Trends in den Twitter-Updates. Was bleibt, ist die kommunikative Funktion eines Seismografen oder vielleicht sogar ein kollektives Agenda-Setting, das Themen vorgibt, die vom Journalismus aufgegriffen und verarbeitet werden können.
10.04.2009 | Beitrag erstellt von in digital
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