Cloud Computing: Office im Netz: Digitale Daten – Wolken

Die Zukunft der Computer- und Online-Technologie schwebt in den Wolken: Daten und Software sollen künftig eine neue Heimat in riesigen Serverparks finden. Von dort aus können beim sogenannten Cloud Computing digitale Daten-Wolken via Internet von unterschiedlichen Endgeräten aus angezapft werden. Alles, immer, überall: Die Vision digitaler Nomaden ist kein Wolkenkuckucksheim mehr. Künftig sollen Software und Daten statt auf dem stationären Computer ganz einfach im Internet zur Verfügung stehen. Dieser Online-Service für Software und Hardware wird als Cloud Computing bezeichnet. Dabei können Speicherplatz, Rechenzeit und -leistung oder komplexere Dienste über festgelegte Schnittstellen von unterschiedlichen Endgeräten aus abgerufen werden. Daten und Dienste befinden sich auf sogenannten Wolken im Internet. Der Begriff der Wolke („Cloud“) soll verdeutlichen, dass Dateien und Programme nicht mehr an einen festen Ort auf bestimmten Festplatten gebunden sind, sondern außerhalb davon im virtuellen Raum schweben.

Daten-Zugang für alle Endgeräte

Am Anfang standen webbasierte E-Mail-Dienste wie Hotmail (Microsoft), Gmail (Google) oder MobileMe (Apple), die Kontaktadressen und elektronische Post parallel auf PC, Laptop oder Handy verfügbar machten. Doch die Entwicklung geht weiter. Egal ob Textverarbeitung, Tabellenkalkulation oder Buchhaltung: Künftig soll alles nutzbar sein, ohne zuvor fremde Software auf dem eigenen stationären oder mobilen Endgerät installiert zu haben. Der Google- Service Text und Tabellen erlaubt es, Dokumente und Präsentationen online zu erstellen. Als Alternative zu teuren Office-Software-Paketen bietet Google Apps kostenlos Programme, um per Internet Texte, Tabellen oder Fotos zu bearbeiten.

Der Wandel vom Desktop- oder Client-Server-Computing zum Cloud Computing scheint nicht mehr aufzuhalten. Google ermöglicht schon seit Langem Online-Anwendungen wie den E-Mail-Service Gmail oder die Textverarbeitung Docs, die Daten in Rechenzentren ablegen. Der neue Browser Chrome (siehe Artikel „Google Chrome: Gefährliches Geschenk?“ im medienforum.magazin 2/2008) soll solche Applikationen gezielt unterstützen. Doch das Speichern von Dateien in fremden Formaten erlaubt Google nicht.

Google gegen Microsoft

Die Zeiten, in denen Nutzer für Software und deren Updates Geld zahlen müssen, könnten bald zu Ende sein. Mit seiner Gratis-Software im Internet zielt vor allem Google direkt auf das Geschäftsmodell, mit dem Microsoft Milliardensummen verdient hat. Deshalb wehrt sich der Marktführer bei Betriebssystemen und Office-Anwendungen mit eigenen Angeboten für das Arbeiten mit den Daten-Wolken.

Wer sich bei Microsofts Office Live Workspace (Beta-Version) kostenlos anmeldet, dem stehen 500 Megabyte Speicherplatz im Netz zur Verfügung, um bis zu tausend Office-Dokumente kostenlos speichern zu können. Über die Browser Internet Explorer oder Firefox lassen sich die Dateien von überall aus öffnen. Bei der Software Office 2007 können Word-, Excel- und Powerpoint-Dateien sogar ohne Browser direkt in Office Live Workspace gespeichert werden. Online bearbeiten aber lassen sich die Dokumente noch nicht.

Windows Azure angekündigt

Bereits seit etwa einem Jahr ermöglicht Microsofts Konzept Live Mesh die Verbindung unterschiedlicher Geräte – vom PC über Notebooks und Spielkonsolen bis zu Smartphones. Dabei werden die Daten so synchronisiert, dass sie von unterschiedlichen Endgeräten abgerufen werden können. Echtes Cloud Computing will der Marktführer künftig mit Windows Azure ermöglichen. Die Software wurde von Microsoft im vergangenen Oktober als eine Art Betriebssystem für Internet- Dienste angekündigt. Für die Betreuung von Unternehmenskunden investiert Microsoft zurzeit Milliardenbeträge und baut Rechenzentren in Dublin und Amsterdam, in denen Daten- Wolken entstehen und konserviert werden sollen.

Bei der CeBIT in Hannover hat Microsoft erstmals eine Reihe von Online-Anwendungen vorgestellt, die mehreren Benutzern gleichzeitig den Zugriff auf bestimmte Services erlauben oder den Austausch von Daten und Informationen erleichtern. Diese neuen Produkte für Firmenkunden sind seit April auf dem Markt und heißen Exchange Online, Share Point, Office Live Meeting und Office Communication Online. Microsoft- Kunden zahlen für den Service pro Anwender und Monat mindestens 2,65 Euro.

Gute Prognosen für Milliardenmarkt

Die neue Philosophie lautet Software as a Service (SaaS). Die Ausgaben für sogenannte Cloud Services betrugen nach Schätzungen des Marktforschungsunternehmens IDC im vergangenen Jahr weltweit etwa 16,2 Milliarden US-Dollar. Dabei wurden alle Anwendungen erfasst, die auf dem Outsourcing von Speicher- oder Rechenleistung basieren (siehe Hintergrundinfos „Daten-Outsourcing“).

Microsoft und Google sind längst nicht die einzigen Wettbewerber, die auf die wolkigen Datenmengen im Internet setzen. Auch IBM, Oracle, Cisco, AT&T und T-Systems bieten bereits entsprechende Services an. Und noch ein Unternehmen sorgt immer wieder für Schlagzeilen: Der erst 1999 gegründete Software-Spezialist Salesforce.com vermarktet erfolgreich On-Demand-Dienste, stellt über seine Plattform Force.com etwa achthundert Softwarebausätze bereit und kündigte bereits vollmundig das „Ende der Software“ an. Das Unternehmen mit Sitz in San Francisco zählt zu den am schnellsten wachsenden Technologieunternehmen weltweit und bezeichnet sich als Marktführer im Bereich Customer Relationship Management (CRM) und Cloud Computing.

Kostenersparnis und Flexibilität

Auch Amazon hat das Cloud Computing entdeckt. Der Online- Buchhändler verkauft über die Plattform EC2 (Elasting Computing) Kapazitäten aus Tausenden seiner Rechner unter anderem an Philips, die New York Times oder das Max-Planck-Institut. Die Nutzung dieser Ressourcen erspart den Kunden Investitionen in eigene Hard- und Software. Elasting Computing bedeutet, dass online saisonal gezielt Rechen- oder Speicherleistungen zugekauft werden. So lassen sich Kosten sparen. Weil riesige Rechenzentren Computerleistungen meist günstig anbieten, können kleinere Unternehmen vor allem in Krisenzeiten ihr Kapital schonen oder ins operative Geschäft stecken.

Cloud Computing ermöglicht Kostenersparnis und Flexibilität, birgt aber auch einige Risiken und Probleme: Was ist, wenn ein externes Daten-Center pleitegeht? Was passiert, wenn eine Online- Verbindung nicht zustande kommt? In solchen Fällen bleiben Daten-Wolken unerreichbar, und es stellt sich die Frage der Haftung. Können Unternehmen nicht jederzeit auf ihre Daten zugreifen, entstehen schnell Schadenssummen in Millionenhöhe. Problematisch sind auch die Bereiche Datenschutz und -sicherheit sowie Geheimnisschutz. Cloud-Computing-Verträge erfordern deshalb detaillierte Haftungsregeln und Klauseln zur Sicherung der Rechte des Auftraggebers.

Risiken und Rechtsunsicherheit

Wer seine Daten der Wolke im Netz anvertraut und plötzlich anderswo wiederfindet – zum Beispiel bei der Konkurrenz –, der muss künftig nicht nur im eigenen System nach einer undichten Stelle suchen, sondern könnte auch den Cloud-Computing-Partner für verloren gegangene Daten verantwortlich machen. Sollte es zum Prozess kommen, könnte eine weitere unliebsame Überraschung auf manchen Kunden warten: Stehen nämlich die Server für externe Web-Dienste im Ausland, gelten andere Gesetze als in Deutschland − vielleicht sogar gar keine. Deshalb muss in entsprechenden Verträgen der Aufenthaltsort für die Daten-Wolken genau festgelegt werden. Die EU-Kommission arbeitet zurzeit an einem Rechtsrahmen, der europäischen Unternehmen möglichst viel Sicherheit in den Wolken amerikanischer Anbieter gewährleisten soll.

Sicherheitsdenken und die Angst vor Kontrollverlust sind deshalb wichtige Motive, aus denen heraus viele IT-Experten vorsichtig mit der Auslagerung von Software und Daten ins World Wide Web umgehen. Schweben wichtige Daten erst einmal in den Weiten des Webspace, ist es schwierig, sie zu kontrollieren oder gar zurückzuholen. Deshalb herrscht bei vielen Informatik- Experten noch Zurückhaltung. So ergab eine Umfrage des IT-Beratungsunternehmens Avanade, dass zwar mehr als die Hälfte von fünfhundert interviewten Technikvorständen Kostensenkungen durch Cloud Computing erwarten. Dennoch aber wollten die meisten Verantwortlichen innerhalb der kommenden zwölf Monate noch keine Daten-Wolken mieten.

Instabile Daten-Wetterlage

In drei Jahren allerdings, so schätzt der Chef von Microsoft Deutschland, Achim Berg, soll bereits jede vierte Geschäftsanwendung auf Cloud Computing zurückgreifen. Bis dahin aber müssen einige Probleme gelöst werden. Noch fehlen nämlich den meisten Software-Anbietern für das Cloud Computing geeignete Programme. Außerdem müssen zuverlässige Abrechnungssysteme geschaffen werden. 

Die Vision, Software und Rechenleistung von der Workstation ins Internet zu verlegen, faszinierte die Online-Gemeinde erstmals, als Oracle-Chef Larry Ellison 1995 seine Idee vom Net-PC propagierte. Seitdem scheiterte die Umsetzung immer wieder an technischen Problemen oder der Skepsis der Nutzer. Mehrmals gab es Rückschläge. Zuletzt mussten Ende März Yahoo (Yahoo! Briefcase) und Hewlett-Packard (HP Upline) Cloud-Computing- Dienste vom Markt nehmen. Das HP-Angebot litt unter technischen Problemen, Yahoos Daten-Wolken fehlte es an der Kundenakzeptanz. 

Für himmlische Hymnen ist es also noch zu früh. Vieles beim Cloud Computing klingt noch allzu wolkig. Wolken sind mächtige Kondensationsgebilde, die sich allerdings auch schnell wieder auflösen können. Sollten die Probleme von Datenschutz und -sicherheit, Netzwerkstabilität und Haftungsfragen geklärt werden, könnte sich das skeptische Stimmungstief kritischer IT-Experten aufhellen. Die Aussichten für die kommenden Monate: heiter bis wolkig.

Dr. Matthias Kurp

HINTERGRUNDINFOS // DATEN-OUTSOURCING

Vorläufer des Cloud Computing und des Konzeptes Software as a Service (SaaS) sind Outsourcing-Varianten, die bereits seit mehreren Jahren erfolgreich existieren:

Einfache Web Storage Services ermöglichen es, Sicherungskopien oder größere Datenmengen auf externen Servern zu speichern.

Werden nur einzelne EDV-Aufgaben nach außen verlagert, wird dies als Outtasking bezeichnet.

Beim Grid oder Utility Computing werden Rechnerkapazitäten bei Bedarf über das Internet von externen Anbietern bezogen, wobei häufig auch mehrere Rechner zu einem größeren zusammengeschaltet werden.

Wer bislang das Hosting fremder Rechenzentren nutzen wollte, musste vorab eine bestimmte Rechenleistung über einen festgelegten Zeitraum buchen und bezahlen. Beim Cloud Computing hingegen werden nur konkret genutzte Kapazitäten (Software, Speicherplatz) gemietet.

10.04.2009 | Beitrag erstellt von redaktion in digital
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Tags: internet, urheberrecht, datenschutz, cloud computing, digital Views: 2035

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