01.10.2008 | Beitrag erstellt von in digital
Der Internet-Zugang über das Handy wird immer beliebter. Während die Preise für Smartphones und Flatrates sinken, wächst das Angebot der Services für die neuen Multimedia-Geräte im Rekordtempo. Netzbetreiber, Handy-Hersteller und die Computerbranche hoffen auf neue digitale Wertschöpfungsketten. Die Zahlen sind beeindruckend: Jedes zehnte verkaufte Handy auf der Welt ist bereits ein Smartphone, also ein Mobilfunk-Endgerät, das Internet- und E-Mail-Zugriff erlaubt, meist ergänzt um eine Satelliten-Navigationsfunktion.
Nach Angaben der TNS Infratest Marktforschung nutzen inzwischen etwa 16 Prozent der Deutschen das mobile Internet. Damit hat sich die Zahl derer, die mit Hilfe von modernen Multimedia-Handys online E-Mails oder News lesen, Videos schauen oder Kontakt zum Bankkonto aufnehmen, seit dem ersten Quartal 2007 etwa verdoppelt.
61 Prozent der von den TNS-Marktforschern Befragten gaben im September an, mit dem Handy Internet-Suchmaschinen einzusetzen. Mehr als jeder zweite Smartphone- Besitzer berichtete, im mobilen Internet EMail- Portale sowie News über Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur oder das Wetter anzusteuern.
iPhone als Initialzündung
Apples iPhone wirkte vor einem Jahr als Initialzündung: Das Handy wurde zum mobilen Mini-PC, der sich intuitiv per kapazitivem Touchscreen bedienen lässt und deshalb jederzeit und überall das Tor zum World Wide Web öffnet. Seitdem ist das Internet für unterwegs kein exklusiver Luxus mehr. Als im Juli die neue iPhone-Generation 3G auf den Markt kam, hatte Apple binnen drei Tagen bereits eine Million Exemplare verkauft. Zum Vergleich: Im vergangenen Herbst hatte es noch 74 Tage gedauert, bis nach der iPhone-Premiere eine Million Kunden gewonnen werden konnten.
Das iPhone 3G bietet endlich auch den europäischen Standard UMTS, der international 3G genannt wird, und lädt damit Online- Angebote im UMTS-Netz etwa doppelt so schnell wie sein Vorgänger-Modell. Hinzu kommt eine GPS-Funktion zur Unterstützung der Routenplanung sowie die Synchronisation mit Kalendersoftware und E-Mail-Programmen (jetzt auch als Push-Service). Trotz des größeren Leistungsumfangs ist der Preis um mehr als vierzig Prozent gesunken. Für die Standard-Version mit 8-Gigabyte-Speicher müssen T-Mobile-Kunden für die Gesamtvertragsdauer von zwei Jahren je nach Tarif monatlich zwischen 36 und 90 Euro ausgeben. Ursprünglich kosteten Gerät und Zwei- Jahres-Vertrag monatlich mindestens knapp 66 Euro.
Spektrum der Services wird größer
Mit dem neuen iPhone hat Apple auch die Vermarktungsstrategie geändert. Netzbetreiber dürfen das Gerät nun auch subventionieren, um Kunden anzulocken. Darüber hinaus verzichtet Apple darauf, an den monatlichen Umsätzen der Provider beteiligt zu werden. Konzernchef Steve Jobs setzt inzwischen vor allem auf Einnahmen durch den neuen Online-Shop, über den zusätzliche iPhone-Applikationen vermarktet werden. Dieser Anfang August eröffnete Apple Store ist auch für fremde Entwickler offen, wobei Apple zu dreißig Prozent an deren Einnahmen beteiligt wird. Viele der neuen Anwendungen aber sind sogar gratis, wodurch das iPhone noch attraktiver werden soll.
Das Spektrum der Services, mit denen iPhone-Kunden gelockt und gebunden werden sollen, reicht vom Web-Radio über Navigationshilfen und Video-Suchmaschinen bis hin zum Zugang zur SAP-Business-Software. Egal ob E-Commerce oder Online-Chat, ob Audio- oder Video-Player: Fast alle klassischen Internet-Angebote lassen sich inzwischen auf Smartphones übertragen. Nokia (N90, N95), Samsung (1900 Omnia, Qbowl), Sony Ericsson (W910i, Xperia X1), LG (Viewty, KS 20) und HTC (Touch Diamond) sowie Blackberry (Bold 9000) haben längst Alternativen zum iPhone auf den Markt gebracht, die ähnliche Services auf ihre Berührungsbildschirme zaubern können. Allerdings bietet das iPhone nach wie vor die beste Bedienbarkeit.
Harter Preiskampf
T-Mobile, der exklusive iPhone-Vertragspartner in Deutschland, hat ausgerechnet, dass Besitzer des Apple-Gerätes etwa dreißigmal mehr Daten abrufen als normale Nutzer. Das Datenvolumen, das insgesamt via Handy in Deutschland übertragen wurde, hatte sich bereits im vergangenen Jahr im Vergleich zu 2006 etwa verdoppelt. Zugleich sind die Mobilfunk-Tarife in den vergangenen drei Jahren jeweils um etwa 15 Prozent gesunken.
Vor allem die immer stärker verbreiteten Flatrates sorgen dafür, dass Umsatz und Ertrag der Mobilfunkanbieter stagnieren. Da kommt das Geschäft mit dem mobilen Internet gerade recht (siehe Artikel „Mobiles Internet vor dem Durchbruch“ im medienforum. magazin 1/2008) – vor allem auch deshalb weil keine zusätzlichen Kosten für fremde Netze anfallen. Außer bei den Netzbetreibern sind im vergangenen Jahr auch bei den Handy-Herstellern die Gewinnmargen gesunken. Bei Nokia ging der Durchschnittspreis der verkauften Handys im zweiten Quartal von 79 auf 74 Euro zurück. Sony Ericsson, Samsung, Motorola und LG kämpfen gegen Marktführer Nokia mit immer neuen Preissenkungen. Dennoch soll der Handy-Absatz in Europa 2008 im Vergleich zum Vorjahr um etwa 1,5 Prozent auf 188 Millionen Geräte zurückgehen. Deshalb versuchen die Endgeräte- Hersteller nun neue Geschäftsfelder zu erobern und bieten eigene Dienstleistungs- Plattformen an.
Daten-Austausch mit dem PC
Nokia hält auf seinem Portal Ovi eine ständig wachsende Palette von Services bereit, die von Spielen über Musik- bis zu Navigationsangeboten reichen. In Großbritannien verkauft Nokia ein Handy, das gegen einen Pauschalpreis ein Jahr lang unbegrenzte Musik-Downloads ermöglicht. Kunden von Sony Ericsson werden mit einem ähnlichen Angebot gelockt. Bereits seit September können Nokia- Kunden Adressen und Terminkalenderdaten, Fotos und Videos zwischen ihrem Handy und dem heimischem PC austauschen. Damit macht Nokia Apple Konkurrenz, bietet allerdings noch keinen E-Mail Service.
Auch bei Microsoft sind solche Funktionen längst verfügbar. Allerdings kommt der Software- Gigant bei den Handy-Betriebssystemen nur auf einen Marktanteil von etwa zwölf Prozent. Die neue Nutzeroberfläche der Version Windows Mobile 7 soll erst im nächsten Jahr zur Verfügung stehen. Das zurzeit noch angebotene Microsoft-System wirkt im Vergleich zum iPhone ein wenig unübersichtlich und ist nicht so leicht zu bedienen.
Kampf um die Kundenbeziehung
Egal ob Handy-Hersteller oder Netzbetreiber, ob Computer- oder Online-Branche: Alle wollen zurzeit die Kunden-Schnittstelle zum mobilen Online-Markt kontrollieren. Sie ist Voraussetzung für Applikationen, Kundenbeziehungen und Erlösquellen. Deshalb hat Nokia in den vergangenen beiden Jahren eine Reihe von Unternehmen aufgekauft, die sich auf Open-Source-Software (Trolltech), Musik-Downloads (Loudeye), Navigationssoftware (Navteq, Plazes) und mobile Werbung (Enpocket) spezialisiert haben.
Nokia übernahm Symbian
Um sich das Geschäft mit den Online-Diensten fürs Handy zu sichern, hat der finnische Marktführer im Juni außerdem die kompletten Gesellschafteranteile am britischen Softwarehersteller Symbian übernommen, dessen Betriebssystem auf etwa zwei Dritteln der Internet-tauglichen Handys installiert ist. Gemeinsam mit Sony Ericsson, Motorola und LG sowie den Netzbetreibern Vodafone, AT&T und NTT Docomo soll in den nächsten zwei Jahren ein neues Open-Source-Betriebssystem entwickelt werden, das lizenzfrei ist und allen Entwicklern von Handy- Applikationen offen steht. Die Regie bei dieser Entwicklung übernimmt Nokia und will so Apple und Microsoft Paroli bieten.
Das Mobiltelefon der Zukunft, so zeigen die Erfahrungen mit dem iPhone und die Pläne von Nokia, avanciert zu einem mobilen Mini-Computer, der jederzeit online ist und sich zugleich orten lässt. Dann können Netzbetreiber ihre Kunden und deren Verbraucherverhalten bestens analysieren. Kein Wunder, dass die Werbewirtschaft allmählich das ganz große Geschäft wittert – auch wenn die meisten Handy-Besitzer zurzeit noch SMS-Werbung als Spam betrachten. Eingebettet in redaktionelle Inhalte oder Handy-Spiele aber, so hofft die Mobilfunkbranche, könnte das Digital Advertising künftig akzeptiert werden, wenn zum Beispiel im Gegenzug bestimmte Services gratis genutzt werden können. Längst haben deshalb auch der Axel Springer Verlag und RTL eigene Mobilfunkangebote aufgelegt.
Google setzt auf Android
Vor allem wegen des großen Potenzials für Online-Werbung engagiert sich auch Google im Bereich des mobilen Internet. Gemeinsam mit 33 anderen Firmen – darunter T-Mobile, China Mobile, Samsung und Motorola – wurde das frei zugängliche, auf Linux basierende Handy-Betriebssystem Android entwickelt. Ein erstes Produkt dieser Kooperation präsentierten die Partner am 23. September in New York: Das Modell G1 des taiwanesischen Herstellers HTC (High Tech Computer Corporation) wird von T-Mobile vermarktet und soll Anfang des nächsten Jahres auch in Deutschland erhältlich sein. „In diesem Mobiltelefon steckt mehr Computer, als noch vor wenigen Jahren in einem Computer steckte“, sagte Google- Gründer Larry Page bei der Präsentation des G1 in New York.
Der Android-Erstling ähnelt Apples iPhone, bietet aber zusätzlich eine kleine, ausklappbare Volltastatur. Natürlich sind Produkte aus der Google-Familie – von der Suchmaschine über G-Mail bis zu Google Maps – beim Android-System schon vorinstalliert. Das Open-Source-Projekt erlaubt Programmierern aber, weitere Anwendungen hinzuzufügen.
Hoffnung auf den ganz großen Boom
Während zurzeit noch der größte Teil aller mobilen Suchanfragen im Internet von iPhone-Besitzern stammt, könnte sich das bald ändern. Schließlich geht an Google im Internet kaum noch ein Weg vorbei. Nun könnte sich die Online-Erfolgsgeschichte des Unternehmens beim mobilen Internet wiederholen: das Anbieten kostenloser Services in Kombination mit Werbung.
So wie Google hoffen jetzt viele auf den ganz großen Boom der Kombination von Handy und Internet. In vier Jahren, so schätzen Marktforscher von Jupiter Research, soll bereits ein Zehntel der Online-Werbeetats für die Welt der Smartphones reserviert werden. Noch aber fehlen Standards und moderne Messmethoden, um die Wirksamkeit der Werbung im mobilen Internet zu kontrollieren.
01.10.2008 | Beitrag erstellt von in digital
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