Microsofts dominierende Position auf dem Software-Markt ist in Gefahr: Googles Webbrowser Chrome könnte für mehr Wettbewerb sorgen und soll die Internet-Welt revolutionieren. Datenschützer fürchten allerdings, dass Google mit der neuen Software noch mehr Nutzerdaten sammeln will.

Googles Frontalangriff auf Microsoft kam am 2. September völlig überraschend, als der Internet-Browser Chrome ins Netz gestellt wurde. Die neue Software zum Betrachten von Online-Inhalten steht seitdem in hundert Ländern der Welt als Beta-Version gratis zum Download bereit. Sie soll den Zugang zu Inhalten des World Wide Web gegenüber bisherigen Browsern beschleunigen und dynamische Internet-Angebote oder -Anwendungen leichter nutzbar machen. Der neue Browser, so urteilten Experten inzwischen, gilt als stabiler und schneller als der Microsoft Internet Explorer 7, der mit einem Anteil von mehr als siebzig Prozent den Markt dominiert (siehe Info-Grafik).

 

Durchbruch für Cloud Computing?

Google Chrome ist eine Open-Source- Software, die insbesondere für die Darstellung dynamischer Online-Inhalte mit häufig wechselndem Content wie dem von YouTube oder Facebook optimiert wurde. Der Quellcode ist offen und kann von Dritten an weitere Anwendungen angepasst werden. Vor allem aber soll Chrome als eine Art Betriebssystem für Internet-Anwendungen dienen. Wenn künftig Nutzer Software-Programme nicht mehr auf dem eigenen Computer installieren, sondern auf Online-Dienstleister zurückgreifen, könnten Microsofts Office-Pakete an Wert verlieren. Die schnelle Chrome-Verbindung ermöglicht den Zugriff auf Server, die dann von der Textverarbeitung bis zur Tabellenkalkulation alles für (mobile) Endgeräte anbieten, was derzeit auf PC-Festplatten gespeichert ist. 

Während heute noch Microsofts Explorer auf den meisten Computern vorinstalliert ist, könnte Chrome morgen schon direkte Links zu Googles Online-Software mit Web-Anwendungen für alle Bereiche des täglichen Lebens bieten. Bei diesem so genannten Cloud Computing sollen Nutzer von beliebigen Online-Rechnern aus auf Programme und eigene Daten-Wolken zurückgreifen können, die sich auf Google-Servern befinden.

Marktforscher erwarten für die über das Internet genutzte Software zweistellige Wachstumsraten. Das Geschäftsmodell des Personal Computing von Microsoft, dessen Umsatz zu fast einem Drittel aus dem Büroprogramm Office resultiert, wird von den neuen Daten-Wolken unmittelbar bedroht. Allerdings lässt sich Googles Netz-Software nur bei bestehender Online-Verbindung nutzen. Deshalb arbeitet der Suchmaschinen-Marktführer zurzeit an einer Lösung (Gears), die für das Offline-Arbeiten Daten auf stationären Rechnern zwischenspeichert. 

Praktische Zusatzfunktionen 

Ähnlich wie die zweite Beta-Version des neuen Internet Explorer 8 bietet Chrome einige zusätzliche Funktionen an, die äußerst benutzerfreundlich sind. So kann etwa in einem Register-Fenster auch dann gearbeitet werden, wenn gleichzeitig eine weitere WWW-Verbindung genutzt wird, ohne dass es zu Programmabstürzen kommt. 

Neu am Google-Browser Chrome ist aber vor allem, dass er zu den vom Nutzer gewählten Online-Adressen passende Suchbegriffe oder thematisch verwandte Websites offeriert. Zusätzlich werden bei der Eingabe von Web-Adressen Vorschläge zur sinnvollen Ergänzung eingetippter Buchstabenfolgen gemacht, so dass häufig benutzte Uniform Resource Locators automatisch vervollständigt werden (Omnibox). Datenschützer empfehlen allerdings, diese Such- und Vervollständigungsfunktion zu deaktivieren, weil sie jedem Nutzer schon bei der Installation von Chrome eine eigene Identifikationsnummer zuordnet, die schließlich mit den angesteuerten Online-Inhalten in Verbindung gebracht werden kann. Google erhält so Millionen von Nutzerprofilen.

BSI warnt vor Chrome-Einsatz

Ursprünglich sahen die Nutzungsbedingungen von Chrome sogar vor, dass Anwender alle Verwertungsrechte von Werken, die mittels Chrome erarbeitet oder veröffentlicht werden, an Google abtreten sollten. Inzwischen wurde die entsprechende Textpassage geändert. Aufgrund dieser und anderer möglicher Mängel der Beta-Version hat das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) davor gewarnt, Google Chrome „für den allgemeinen Gebrauch“ einzusetzen. Schon wenige Tage nach dem Start des neuen Browsers fanden Experten Lücken in der Software, über die Kriminelle leicht auf private PCs zugreifen könnten. 

Während Bugs und Sicherheitslücken in einigen Monaten bei Chrome abgestellt sein dürften, wird der enorme Datenhunger des neuen Produktes weiterhin Kritiker auf den Plan rufen. Googles Suchmaschine speichert schon heute alle Suchanfragen und ordnet sie den IP-Adressen der Anwender zu. Wer außer der Suchmaschine weitere Google- Angebote wie YouTube, Google Mail, Google Sitemap oder Google Desktop einsetzt, liefert dem Konzern außer der anonymen IP-Adresse auch personenbezogene Daten. Werden beide Bereiche miteinander verknüpft, könnten Online-Nutzer zu gläsernen Google- Opfern werden, fürchten Datenschützer. 

Speicherung von Nutzerdaten 

Google hat zwar eingeräumt, zwei Prozent der Chrome-Eingaben samt IP-Nummer zu speichern, versichert aber, dies geschehe ausschließlich anonymisiert. Die den Nutzern zugewiesenen Nummern seien wichtig, damit vor eventuellen Programmabstürzen alle relevanten Daten gesichert und richtig zugeordnet werden können. Um die Skepsis der Verbraucher aufgrund der vermeintlichen Datensammelwut des Marktführers zu mildern, hat Google im September angekündigt, Nutzerdaten bald nur noch neun statt bislang 18 Monate lang zu speichern. 

Während Google die Sammlung von Nutzerdaten als Voraussetzung für eine Optimierung von Suchergebnissen sowie die Vermeidung von Betrugsversuchen verteidigt, vertritt die Artikel-29-Arbeitsgruppe der Europäischen Union die Auffassung, dass auch eine anonymisierte Speicherung von IP-Adressen zur Erstellung von Nutzerprofilen unter Verwendung personenbezogener Daten führt. Über das Web-Analyse-Tool Google Analytics, das bei den meisten kommerziellen Websites zum Einsatz kommt, lassen sich problemlos weitere Nutzerdaten zusammenführen.

 

Gefährliche Daten-Wolken

Während Microsoft sein Geld vor allem mit Software-Lizenzen verdient (siehe untere Info-Grafik), zielt Googles Geschäftsidee auf die Steigerung der Werbeerlöse. Das Unternehmen beherrscht den Markt der Online-Anzeigen bereits zu mindestens siebzig Prozent. Angebote wie AdWords oder AdSense platzieren Werbung im Internet immer dort, wo sie vom Umfeld her thematisch gut hinpasst. Darüber hinaus tragen Nutzerprofile dazu bei, dass Online-Werbung auf einzelne Konsumenten abgestimmt werden kann. Je mehr Informationen Google, Chrome & Co. also über einzelne Nutzer oder bestimmte Zielgruppen sammeln, desto besser lässt sich Werbung personalisieren. 

Der Preis, den die Online-Gemeinde dafür zahlen muss, dass der neue Browser Chrome im Bereich der Betriebssysteme und Office- Software Microsofts Quasi-Monopol angreift, ist vielen Datenschützern zu hoch. Sie warnen vor gefährlichen Daten-Wolken am Web- Horizont. Googles vermeintlicher „Blitz- Browser“ (Spiegel Online) könnte sich nämlich als „gefährliches Geschenk“ (Süddeutsche Zeitung) entpuppen: als Datenspion und Lotse, der die Nutzer gezielt zu Online und Software-Angeboten führt, die dazu beitragen, Googles personenbezogenen Datenpool exponentiell zu vergrößern. 

Dr. Matthias Kurp

01.10.2008 | Beitrag erstellt von redaktion in digital
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Tags: google, datenschutz, urheberrecht, internet Views: 1313

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