Standpunkt zum Artikel Journalismus 2.0 // Kreatives Chaos im Mesokosmos

Von Dr. Bernd Graff, Stellvertrender Chefredakteur sueddeutsche.de

Prinzipiell sind Blogs eine feine Sache. Menschen artikulieren ihre Interessen, benennen Unrecht und Irrmeinung, weisen auf Manipulation und Schlamperei hin und vernetzen sich zu Gruppen von Gleichgesinnten: „Wir sind viele", lautet die allererste Botschaft, „und weil wir viele, weil wir vernetzt und weil wir informiert sind, befördert unser Tun sogar Wahrheit und Aufklärung". 

 

So idealistisch summt es allerorten, wenn man über Blogger in Russland und China spricht, wenn man einen wehrhaften Untergrund benennen will, der sich mutmaßlich als verlässliche Gegenmacht zu den Herrschenden aufbaut und die Stellung hält gegen Propaganda und Indoktrination. Die Frage muss indes erlaubt sein, was von einem wehrhaften Untergrund zu halten wäre, wenn er sich in erster Linie über seine Wehrhaftigkeit und nicht über seinen Aufklärungswert definieren würde.

Und damit sind wir in einer sehr deutschen Abteilung der Blogging-Debatte. Denn anders als etwa in der angelsächsischen Blogsphäre, die mehr und mehr weiche Themen und immer mehr junge Frauen in die Szene bringt und populär macht, aber auch ernsthaft Politik begleitende Blogs hervorgebracht hat, mit denen so etwas wie eine diskursive Öffentlichkeit im Habermas’schen Sinne entstanden ist, anders als in diesen entspannt debattierenden Blogs formieren sich die dominanten Meinungsnetze in Deutschland vor allem als misstrauensbildende Maßnahmen: als Parzellen des kollektiv gepflegten Argwohns gegen die Informationsmonopole von Politik und Mainstream- Medien.

Deutsche Blogger üben Kritik: Medienkritik, Weltkritik, Universalkritik. Man weist nach, man hat Recht, man zeigt auf, sammelt Beweise und verlinkt Belege. Man ahnt Muster, Zusammenhänge und Abhängigkeiten und bekrittelt noch das Belanglose – souverän unter jeder Diskurslinie des Bekrittelten. Man sucht also nach dem Haar in der Suppe, die immer die Anderen aufgetischt haben. Dabei tun Blogger so, als seien sie die letzten Aufrechten inmitten von Indoktrinierten und Indoktrinierern, als seien sie die letzten Wachgebliebenen, der Nukleus einer unvergorenen Schicksalsgemeinschaft in HTML, die nicht wenig ihrer Identität aus der oppositionellen Art der Informationsverarbeitung und -verbreitung bezieht.

„Blogging“, so hat es der Medienwissenschaftler Geert Lovink beschrieben, „betreibt den Kult um das Individuum unter individualismusfeindlichen Bedingungen“. Nur hier ist man nicht korrumpiert, nicht gnadenlos veraltet, nicht dem Neusprech einer unwahrhaften Sprache verfallen und schon gar nicht faul, unpräzise und schlampig in der Recherche. Diese eingebildete Superiorität über die „gleichgeschalteten" Anderen erklärt die Rudelbildung und die Attitüde. Und soll rechtfertigen, dass man jeden Popanz mit Bordmitteln massakriert.

Diesen Tribalismus der Herzen hat Jonathan Taplin, Professor an der Universität von Südkalifornien, in einer „intellektuellen Komfortzone" verortet: Anders als TV-Nachrichten, die uns oft mit Fakten und Werten konfrontierten, die uns nicht gefallen, können wir jetzt zu Blogs und Webseiten surfen, die uns sagen: „Du hast Recht! Du gehörst zu den Guten."

Sicher, man vermisst hier und da ein wenig Anstand der Aufständigen. Und: Erkennt man nicht in all dem Gewese zuerst und vor allem den von unten nach oben gerichteten, gollumhaften Blick desjenigen, der immerfort auf seine Gelegenheit wartet?

31.03.2008 | Beitrag erstellt von Dr. Bernd Graff in publishing,standpunkt
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Tags: zeitung, presse, qualität, multimedia, nachrichten Views: 1355

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