31.03.2008 | Beitrag erstellt von in television
Nie gab es mehr Informationen: aktuelle News überall und jederzeit. Dennoch oder gerade deshalb sinken die Marktanteile von Tagesschau & Co. Die Anbieter von TV-Nachrichten reagieren mit multimedialen Informationsplattformen, nutzen neue Verbreitungswege und entwickeln neue Formate.
Das Geschäft mit den TV-Nachrichten ist hart. Lieferten die News-Sendungen von ARD und ZDF, RTL und Sat.1, n-tv oder N24 früher meist als erste Bilder von aktuellen Ereignissen, läuft ihnen inzwischen das Internet den Rang ab. Dort lassen sich Angebote minütlich aktualisieren, finden sich oft bewegte Bilder von Terroranschlägen oder Unglücken aus aller Welt deutlich früher als bei Nachrichtensendungen im Fernsehen. In den vergangenen Jahren (siehe Tabelle) haben auch deshalb sowohl öffentlichrechtliche wie privatwirtschaftliche Nachrichtensendungen und -magazine Marktanteile verloren.
Zuletzt versuchte Sat.1 einen „Neuanfang“. Seit dem 17. März moderiert Anchorman Peter Limbourg ab 20 Uhr zeitgleich zur Tagesschau die Sat.1-Nachrichten. Die Quoten blieben bislang mäßig, ebenso die Kritiken. Limbourg ist seit neun Jahren Chefredakteur beim Nachrichtensender N24 und peilt mit der neuen Sat.1-Hauptnachrichtensendung vor allem die Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen an. Nun hofft er, dass ihm die Investoren von Sat.1 die nötige Zeit einräumen, die News-Sendung zu etablieren.
Neue Strukturen bei ProSiebenSat.1
Dass TV-Nachrichten eine Ware sind, die Kosten-Nutzen-Kalkülen gehorchen muss, war bei Sat.1 im vergangenen Jahr nicht zu übersehen. Die Investoren KKR und Permira schraubten erst die Renditeziele von Sat.1 nach oben, strichen dann News-Magazine aus dem Programm und trennten sich schließlich von Anchorman Thomas Kausch, der 2004 vom ZDF geholt worden war, um die Nachrichten von Sat.1 aufzupolieren.
Limbourg wird in den kommenden Monaten viel zu tun haben. Parallel zum Aufbau des neuen Nachrichtenformats bei Sat.1 muss er auch die Umstrukturierung von N24 organisieren. Der Programmanbieter mit etwa 160 Mitarbeitern soll in Berlin eine neue Zentrale am Potsdamer Platz erhalten. Zurzeit sitzt die Redaktion bei den Kollegen von Sat.1 in der Oberwallstraße. Mit dem Umzug soll im nächsten Jahr auch die technische Infrastruktur verbessert werden. Noch liegen Redaktion, Newsroom und Studio in unterschiedlichen Etagen. Das soll anders werden: In den kommenden Jahren will die ProSiebenSat1. Media AG zehn Millionen Euro investieren, um N24 in den „modernsten Nachrichtenkanal Europas“ inklusive digitaler Verknüpfung von TV und Internet zu verwandeln.
Modelle im Wettstreit: N24 und n-tv
Auf dem Weg zu einer multimedialen Informationsplattform hat N24 allerdings noch einiges nachzuholen. Mit nur knapp 2,6 Millionen Visits und 9,3 Millionen Page-Impressions erreichte das Programm im Februar Werte, die vom Konkurrenten n-tv um mehr als das Zehnfache überboten wurden. N24 hat in den vergangenen zwei Jahren zwar höhere Zuschauer-Marktanteile (2007: 0,9 Prozent) und Renditen als n-tv erreicht, dafür aber scheint der Kölner Wettbewerber besser für die Zukunft gerüstet. 119 Millionen Page-Impressions, 15 Millionen Visits (im Februar) und ein digitales, virtuelles Studio plus Windows-Vista-Online- Kanal (siehe Artikel „Rundfunk im Netz außer Kontrolle?“) bieten n-tv optimale Voraussetzungen, um die Nachrichten-Wertschöpfungskette in das World Wide Web zu verlängern. Hinzu kommen SMS- sowie MMS-Angebote und natürlich auch News fürs Handy. Die aktuellen n-tv-Kompakt-Sendungen aus den Bereichen Nachrichten, Wirtschaft und Wetter können per Anruf jederzeit auf Mobilfunk-Endgeräte gelotst werden. Mit den „n-tv Videonews kompakt“ haben n-tv und Aperto das erste Videonews-Angebot für alle deutschen Mobilfunknetze auf den Markt gebracht.
Auf dem n-tv-Internetportal ist die Multiplattformstrategie nicht zu übersehen. Dennoch bescherte der Nachrichtenkanal der RTL Group in den vergangenen Jahren stagnierende Zuschauerzahlen (Marktanteil 2007: 0,7 Prozent) und Millionen-Verluste. N24 hingegen erreichte bereits fünf Jahre nach dem Sendestart die Gewinnzone. Weil das N24-Programm inzwischen zu mehr als sechzig Prozent aus Magazinen, Dokumentationen oder Reportagen besteht und nur noch zu etwa einem Viertel aus Nachrichten, ist die Herstellung vergleichsweise preiswert. So konnte 2004 bereits fünf Jahre nach dem Sendestart die Gewinnzone erreicht werden. 2006 erzielte N24 mit einem Umsatz von 89,4 Millionen Euro ein Vorsteuerergebnis von 13,2 Millionen Euro, was einer Umsatzrendite von 14,7 Prozent entspricht.
Nachrichtenkanäle reduzieren News
Grund für den Erfolg von N24 könnte auch sein, dass die Programmmacher stärker auf Boulevardthemen setzen: „Während bei n-tv den Themenbereichen Politik und Wirtschaft über die Hälfte der Sendezeit im Nachrichtenangebot eingeräumt wird, legt N24 mehr Gewicht auf Kriminalität und Katastrophen“, fasste Udo Michael Krüger Anfang des Jahres eine Programmanalyse seines Kölner Institutes für empirische Medienforschung zusammen.
Die größte Nachrichtendichte haben N24 und n-tv am Morgen, dann flaut das Angebot ab. Mit News nonstop lässt sich im Fernsehen offenbar kein Geld verdienen. „Ein Nachrichtenkanal, der 24 Stunden ausschließlich News bringt, ist in Deutschland nicht wettbewerbsfähig“, lautet das Credo von N24-Geschäftsführer Torsten Rossmann. Auch n-tv hat seinen Nachrichtenanteil in den vergangenen zehn Jahren von 63,3 auf 34,7 Prozent reduziert, ermittelte das Institut für empirische Medienforschung. N24 sendet vor allem nachmittags und abends fast überhaupt keine klassischen Nachrichten mehr.
Neue Plattformen für ARD & ZDF
Das Informationsgeschäft wird immer härter und zugleich für die Programmanbieter immer mehr zur Image-Frage. Als ARD und ZDF im vergangenen Jahr ankündigten, ihre digitalen News-Aktivitäten im Fernsehen (Eins extra, ZDF Info) und Internet (Mediatheken) auszubauen, kam prompt Kritik von den privaten Wettbewerbern. RTL-Chefin Anke Schäferkordt und der ProSiebenSat.1- Vorstandsvorsitzende Guillaume de Posch fürchten, dass öffentlich-rechtliche News- Kanäle „dramatische Auswirkungen” auf die eigenen Kanäle n-tv und N24 haben könnten. De Posch sieht „die Refinanzierbarkeit der privaten Spartenprogramme gefährdet”, Schäferkordt sogar die komplette Existenz von n-tv. Der Verband Privater Rundfunk und Telemedien (VPRT) assistierte mit der Stellungnahme, Online- und Mobile-Angebote gehörten grundsätzlich nicht zum „Kernauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks“. Tatsächlich haben die öffentlich-rechtlichen Anbieter ihre Aktivitäten im Nachrichtengeschäft systematisch erweitert. Das ZDF etablierte in Rekordzeit seine IPTV-Mediathek, für die der Mainzer Programmanbieter bereits 2006 den Deutschen Multimedia Award erhielt. Außerdem wurde gleich neben der Sendezentrale der Grundstein für ein neues Nachrichtenstudio gelegt. „Wir bauen nichts Geringeres als das zentrale Herzstück an Nachrichtenzukunft, das wir brauchen, um in der digitalen Medienwirklichkeit von morgen überleben zu können“, kündigte Intendant Markus Schächter an. Für das neue Gebäude wurden Baukosten von 17 Millionen Euro einkalkuliert.
Wie die TV-Nachrichtenstudios der Zukunft aussehen werden, deutete der Newskanal CNN während der Berichterstattung über die Vorwahlen im Kampf um das US-Präsidentenamt an. Da aktivierte Moderator John King auf einem fast zwei Meter hohen Display mit wenigen Handbewegungen animierte Grafiken und zauberte Google-Satellitenbilder auf den Studio-Hintergrund. Erfinder dieser „Magic Wall”, die wie ein riesiges iPhone wirkt, ist Jeffrey Han.
Multichannel-Strategien
Auch die ARD optimiert zurzeit ihr Nachrichtengeschäft. Die Tagesthemen sollen reformiert werden und wieder einen festen Sendeplatz erhalten. Im Rahmen der Digitalstrategie wurde bereits im Juli 2007 die „Tagesschau in 100 Sekunden“ eingeführt, die per Handy und im Internet abrufbar ist. Die entsprechende News-Datei wird stündlich aktualisiert. Hinzu kommen Livestream, Newsletter, RSS-Feeds und Podcasts sowie ein Blog, in dem auch Kai Gniffke, der Chefredakteur von ARD-aktuell regelmäßig Beträge veröffentlicht. Nachrichtenbeiträge werden demnächst auch in der ARD-Mediathek als Livestream oder auf Abruf zur Verfügung stehen.
Nahezu alle News-Programme setzen inzwischen auf Multichannel-Strategien: So stellt auch die Deutsche Welle ihre kompletten TV-Programminhalte für Handy und PDA zur Verfügung. „Die Bereitstellung von DWTV für mobile Endgeräte ist Bestandteil unserer Multiplattformstrategie, die wir konsequent umsetzen", erklärte der Intendant Erik Bettermann beim Start des neuen Angebotes im vergangenen Jahr. Das deutsche und englische Programm von DW-Radio ist mittlerweile ebenfalls per Handy abrufbar. CNN bietet einen ähnlichen Service: So können seit etwa einem Jahr UMTS-Kunden von Vodafone auf ihren Handys das 24-Stunden-TV-Programm von CNN International kostenfrei empfangen.
„Overnewsed but Underinformed“?
Internet und Mobilfunk machen es möglich, dass immer mehr Nachrichten zu jedem Zeitpunkt und an jedem Ort abgerufen werden können. Als Folge davon fühlen sich immer mehr Zuschauer „overnewsed but underinformed“, und die TV-Nachrichten könnten Opfer ihrer eigenen Multiplattformstrategie werden. Tagesthemen und heutejournal, aber auch die heute-Sendung, RTL aktuell und das Nachtjournal von RTL haben bereits darauf reagiert: Ihre Reporter versuchen Hintergründe und Konsequenzen von politischen oder wirtschaftlichen Entscheidungen so darzustellen, dass sie an konkreten Beispielen deutlich werden. Da werden abstrakte Zusammenhänge aufs tägliche Leben „heruntergebrochen“ oder „Geschichten personalisiert“. Dabei ist der Grat zwischen gutem Journalismus und Boulevardisierung oder Banalisierung allerdings sehr schmal.
31.03.2008 | Beitrag erstellt von in television
Kommentar erstellen | Trackback-Link
Views: 1647
- 0 Kommentar(e)








