31.03.2008 | Beitrag erstellt von in digital
Die Mobilfunk-Branche setzt angesichts des inzwischen gesättigten Marktes auf das mobile Internet. Mobile Endgeräte sollen Online-Dienste, Web 2.0, Werbung, Videos und Spiele integrieren. Netzbetreiber, Software-Unternehmen und Handy-Hersteller kämpfen um die besten Startpositionen.
Die Zukunft des Internet scheint mobil. Egal ob beim Mobilfunk-Weltkongress 3GSM in Barcelona, bei der Cebit in Hannover oder bei Burdas Kongress Digital Life Design (DLD) in München: Überall schwärmten Experten zu Jahresbeginn von den neuen Möglichkeiten für den Homo mobilis, der in Zukunft jederzeit mit dem Rest dieser Welt drahtlos vernetzt werden könne. Das Handy als Plattform für Musik und Spiele? Bereits Realität! Das Handy als Navigator? Kein Problem. Mobilfunk als TV-Ersatz und Rückgrat für soziale Online-Netzwerke? Eine Tele-Vision…
Nach Angaben der Bundesnetzagentur sind die Umsätze der deutschen Mobilfunk-Provider im vergangenen Jahr trotz steigender Kundenzahlen erstmals gesunken. Der Umsatz pro Kunde und Monat (ARPU) sank beispielsweise bei Vodafone 2007 im Vergleich zum Vorjahr um fast drei Euro auf 19,50 Euro. Die Tarife werden weiter sinken. Bis zum 1. Juli müssen die Mobilfunk- Anbieter nach einer Auflage der EU-Kommission ihre Roaming-Gebühren für das grenzüberschreitende Zusammenschalten ihrer Netze senken. Um angesichts des Preisverfalls bei Tarifen und Geräten neue Umsätze zu generieren, kommt da das mobile Internet gerade recht. Noch macht das Geschäft mit Datendiensten in Europa nur etwa ein Fünftel der Mobilfunk-Erlöse aus, wobei das meiste Geld mit SMS verdient wird. Das aber soll sich schnell ändern.
Massengeschäft mit Privatkunden
Bislang nutzen erst etwa drei Millionen Deutsche Online-Datendienste, fanden die Berater von Accenture heraus. Die meisten von ihnen sind Geschäftsleute. Jetzt ruhen die Hoffnungen der Branche auf dem Massengeschäft mit den Privatkunden. T-Mobile will in diesem Jahr erstmals mehr Umsatz mit mobilen Datendiensten erzielen als mit dem SMS-Service. Niedrigere Datentarife sollen dazu beitragen, dass immer mehr Kunden ihr Leben mit Hilfe des mobilen Internet organisieren. Schließlich zeigt Apples iPhone, wie einfach das mobile Internet im Hosentaschenformat zu haben ist.
Etwa zwanzig Prozent aller wichtigen Webseiten, so schätzen Experten, sind inzwischen für die mobile Nutzung optimiert. Und es werden immer mehr. Auch die zur Verfügung stehenden Bandbreiten werden größer: Der neue LTE-Standard (Long Term Evolution) soll in ein paar Jahren Übertragungsgeschwindigkeiten von hundert Mbit pro Sekunde und mehr ermöglichen. Zum Vergleich: Das aktuell vorhandene UMTS-Netz erreicht Download-Werte von nur 384 Kbit pro Sekunde, mit dem UMTS-Beschleuniger HSPA (High Speed Packet Access) lassen sich maximal sieben Megabit pro Sekunde realisieren.
Offensive der Handy-Hersteller
Netzausrüster Ericsson rechnet damit, dass die Mobilfunk-Provider schon in vier Jahren etwa die Hälfte ihrer Umsätze mit Datendiensten beziehungsweise Online-Surfen per Handy erzielen. Die Netzbetreiber versuchen, die Datenumsätze mit Pauschaltarifen anzukurbeln (79,95 Euro bei T-Mobile und Vodafone) und überbieten sich mit ständig neuen Ankündigungen: T-Mobile-Kunden sollen bald via Handy ihren Videorecorder programmieren können, Vodafone-Kunden können online gleichzeitig ihre Musik für Handy und PC zusammenstellen. Doch die Provider werden sich das mobile Online-Geschäft mit anderen Akteuren teilen müssen: Sowohl Endgeräte-Hersteller als auch Online-Plattformen stehen in den Startlöchern. Dass T-Mobile, wie Branchen-Experten schätzen, den Computer-Hersteller Apple an den Umsätzen mit den iPhone-Kunden zu fast einem Drittel beteiligen muss, zeigt die wachsende Bedeutung der Endgeräte-Hersteller.
Im Laufe des Jahres will auch Nokia ein Handy auf den Markt bringen, das eine Online-Navigation per Touchscreen erlaubt. Der Marktführer setzt zurzeit vor allem auf Handys mit GPS-Chip und Geotagging-Funktion (Nokia N78 und 6229 Classic) sowie auf sein neues Internet-Portal Ovi. Der finnische Name bedeutet so viel wie „Tür“ und soll den Zugang zu Nokias Online-Diensten symbolisieren. Das finnische Unternehmen hat Partnerschaften mit Sony, Universal und CNN geknüpft, um demnächst auch mit der Vermarktung von Inhalten Geld zu verdienen. Außerdem wurden gleich mehrere Softwarefirmen (Trolltech, Avvenu), Foto- und Videospezialisten (Twango) und Experten für mobile Werbung (Enpocket) übernommen.
Sony Ericsson präsentierte in Barcelona das neue Modell Xperia X1. Außer einem Touchscreen bietet das Online-Handy eine ausziehbare Tastatur und einen optischen Joystick sowie GPS-Navigationsmodul, WLAN und Handschriftenerkennung. Das „ultimative Kommunikations- und Entertainment- Tool“, so gab Sony Ericsson bekannt, arbeite mit dem Microsoft-Betriebssystem Windows Mobile.
Konkurrenz der Online-Riesen
Außer Nokia, Apple und dem Blackberry- Hersteller Research in Motion (RIM) arbeiten inzwischen alle Handy-Hersteller mit Microsoft zusammen. Windows Mobile wurde bislang bereits auf 140 verschiedenen Gerätetypen installiert. Dass Sony Ericsson sich bei der Xperia-Modellreihe gegen die Software von Symbian entschied, ist vor allem bemerkenswert, weil der Handy-Hersteller mit 13,1 Prozent der Gesellschafteranteile am Microsoft-Konkurrenten Symbian beteiligt ist und weitere 15,6 Prozent der Muttergesellschaft Ericsson gehören. Kein Wunder, dass Microsoft sich bereits auf der Siegerstraße des mobilen Internet wähnt. Hinzu kommt, dass Programme des Software-Giganten weltweit auf fast neunzig Prozent aller Computer installiert sind, was den Austausch von Daten und Anwendungen zwischen stationärem PC und mobilem Online-Handy erleichtert.
Eine wachsende Bedeutung beim Gerangel um das mobile Internet spielen auch die Anbieter von Suchmaschinen. Marktführer Google entwickelt mit dreißig Partnern das Handy-Betriebssystem Android. Geplant ist ein offener Standard auf der Basis von Linux, der von Samsung und dem taiwanesischen Smartphone-Produzenten HTC bereits Ende des Jahres eingesetzt werden soll. Google-Konkurrent Yahoo ist schon weiter. Über die Plattform Yahoo Go 3.0, die von mehr als 300 Handy-Typen unterstützt wird, können bereits heute E-Mails abgerufen oder Fotos angeschaut werden.
Das Ende des „Walled Garden“?
Yahoo hat in Barcelona eine Kooperation mit T-Mobile verkündet und die Plattform One Place vorgestellt. Die mobile Content- Management-Anwendung soll ab Mitte des Jahres Inhalte wie Fotos, News, Artikel oder auch Fluginformationen zentral verwalten und mobil zur Verfügung stellen. Dabei lassen sich auch personalisierte Inhalte der Yahoo-Sites Flickr, Digg oder Delicious aufs Handy importieren. Die neue Software One Connect soll darüber hinaus soziale Netzwerke, E-Mail-Konten und Echtzeit- Nachrichtendienste auf einer mobilen Plattform vereinen. Gelingt es Microsoft, Yahoo zu übernehmen, müssen Nokia und Google mit einem noch stärkeren Gegner rechnen.
„Seit man damit auch ins Internet kann, verschwindet das Mobiltelefon hinter den Inhalten, die es transportiert“, schrieb das Nachrichtenmagazin Der Spiegel im Februar. Angesichts der Fülle neuer Applikationen fürchten viele der Netzbetreiber bereits, zwischen Handy-Herstellern und Inhalteanbietern als reiner Transporteur von Bits und Bytes Bedeutung und Erlösquellen zu verlieren. Deshalb weigert sich zum Beispiel T-Mobile, Ovi-Geräte von Nokia zu vermarkten. Die Zeiten, in denen die Netzbetreiber versuchten, ihren Kunden nur in eigenen Online- Portalen einen kleinen Raum des World Wide Web zu öffnen, scheinen vorbei. Walled- Garden-Modelle wie die Multimedia-Portale T-Zones (T-Mobile), Vodafone live oder i-mode (E-Plus) wirken in Zeiten des mobilen Internet- Zugangs anachronistisch. Schließlich nutzen Kunden auch am heimischen PC Hardware, Software, Online-Zugang und Online-Inhalte unterschiedlicher Anbieter.
Geschäftsmodelle „Made for Mobile“
Entscheidend für die Startchancen im mobilen Netz sind neue Inhalte und attraktive Anwendungen. Der Rich Content vieler Internet-Seiten wird auf kleinen Handy-Displays meist als verwirrend empfunden. Deshalb sind neue Applikationen und Geschäftsmodelle „made for mobile“ gefragt. So setzen etwa die Macher der Web-2.0-Plattform Plazes auf „geo-soziale Navigation“. Dabei können sich Nutzer des Dienstes untereinander ihren aktuellen Standort mitteilen, der in Echtzeit für andere Plazes-Nutzer sichtbar ist.
Und es gibt weitere Beispiele: Die Hagener Peperoni Mobile & Internet Software GmbH hat mit Peperonity eine Software entwickelt, um mobile Homepages zu erstellen. Das Münchener Mobil-Portal Itsmy.com hat sich auf mobile Communities und User Generated Content in Form von TV-Clips spezialisiert, die per Handy produziert und ausgetauscht werden. Auch eBay-Funktionen oder Stadtpläne, Telefonbücher und Banking-Funktionen lassen sich auf Handy-Displays applizieren. Zu den Entwicklern solcher Lösungen zählt der Kölner Middleware Spezialist Sevenval AG.
Werbung auf dem Vormarsch
Große Erlöspotenziale versprechen sich Mobile-Media-Experten von der Werbung. Jim Balsillie, Co-Chef der Blackberry-Firma RIM, prognostiziert, der Mobilfunk-Anzeigenmarkt sei „viel, viel größer als der im Internet“. Der Vorteil des Mobile Advertising liegt vor allem in der hohen Kontaktqualität. Mobilfunk-Anbieter kennen Alter, Adresse und Nutzungsverhalten ihrer Kunden. So lässt sich Werbung gezielt auf Handy-Displays platzieren. AOL fand bei einer Befragung im August 2007 heraus, dass vor allem Text-Links auf Online-Angebote bei der Handy-Werbung akzeptiert werden, „während Banner eher polarisieren“. Nutznießer einer solchen Entwicklung könnte Google sein, wenn sich die dominierende Position des Unternehmens im Online- Werbemarkt auf mobile Dienste ausweiten lässt.
Während die Erlöse bei den Kunden-Tarifen sinken, könnten die Werbeeinnahmen der Anbieter bald steigen. Denkbar sind Gratis-Videos mit integrierter Werbung oder lokalisierte Reklame. Schließlich lassen sich Handys immer präziser orten, so dass, wenn die Nutzer einverstanden sind (Permission- Marketing), unterwegs ortsbezogene Hinweise auf Restaurants ebenso möglich sind wie Hinweise auf das aktuelle Programm des Schauspielhauses gleich um die Ecke. Um die Werbeakzeptanz der Nutzer zu erhöhen, haben sich einige Anbieter auch schon etwas Neues einfallen lassen: Die Verbraucher können bei den Tarifen sparen – wenn sie Werbung zulassen.
Dr. Matthias Kurp
31.03.2008 | Beitrag erstellt von in digital
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