20.03.2007 | Beitrag erstellt von in digital
Die Genfer Wellenplan-Konferenz RRC06 ermöglicht dem terrestrischen Rundfunk den Umstieg von der analogen zur digitalen Übertragung. Auch die Betreiber von Mobile-Media-Plattformen spekulieren auf die neuen Frequenzen. Jetzt muss die Politik für die neuen Wellen die Weichen stellen.
Fast ein Jahr nach der Regional Radiocommunication Conference 2006 (RRC06) kämpfen deutsche Medienpolitiker sowie Vertreter von Rundunkprogrammanbietern und Mobilfunk-Plattformen um die terrestrischen Übertragungswege der Zukunft.
Vom 15. Mai bis 16. Juni 2006 legten etwa tausend Delegierte aus 104 Ländern in Genf die Basis für die digitalen terrestrischen Sendefrequenzen. Dabei wurden die internationalen Rahmenbedingungen für den Übergang vom analogen zum digitalen terrestrischen Rundfunk mit Standards für den Hörfunk (DAB) und das Fernsehen (DVB-T) sowie deren Weiterentwicklungen (DMB, DVB-H) geschaffen. Nun müssen nationale Regelungen folgen.
Der klassische analoge terrestrische Hörfunk im so genannten UKW-Band (VHF: 87,6 bis 108 MHz) wurde in Genf nicht behandelt. Betroffen waren vielmehr die benachbarten Frequenzblöcke VHF (Very High Frequency) zwischen 174 und 230 Megahertz (MHz) sowie UHF (Ultra High Frequency) zwischen 470 und 862 MHz. Alle in diesen Bereichen existierenden analogen Angebote sollen bis 2015 eingestellt werden.
Zusätzliche Kapazitäten
Der neue Wellenplan ersetzt das Stockholmer Abkommen von 1961, beschert zusätzliche Kapazitäten und soll für die nächsten Jahrzehnte die Basis für den digitalen terrestrischen Rundfunk sein. „De facto hat hier Deutschland alle Wünsche erfüllt bekommen, die wir als Staat vor der Konferenz angemeldet hatten“, urteilte Franz-Josef Lutter nach der Genfer Konferenz, die von der Internationalen Telekommunikationsunion (ITU) – einer Unterorganisation der UNO – veranstaltet wurde. Lutter ist beim Westdeutschen Rundfunk (WDR) für das Frequenzmanagement zuständig und war Mitglied der deutschen Delegation in Genf.
Der neue Frequenzplan sieht für Deutschland Kapazitäten vor, die bundesweit bis zu sieben DVB-T- und mindestens sieben DAB/DMB-Frequenzbedeckungen ermöglichen. Jede der Frequenzbedeckungen (Layer) erlaubt einen Datencontainer (Multiplex), in dem jeweils mehrere Programme zugleich transportiert werden können. So erlauben DVB-T-Layer bis zu vier TV-Programme in der üblichen Qualität. Die Frequenzbedeckungen für DAB ermöglichen nach dem bisherigen Standard Multiplexe mit sieben bis neun Radioprogrammen oder maximal vier DMB-Kanälen fürs Handy-TV, die auch mit Hörfunkangeboten kombiniert werden können.
Digitale Dividende
Die Konvergenz macht es möglich: Alle neuen Kapazitäten können alternativ für DAB- oder DVB-T-Angebote verwendet werden. Bei geeigneter Kompression ist die digitale Verbreitung also effizienter als das analoge System. Dadurch soll Raum für zusätzliche Angebote entstehen, die so genannte digitale Dividende. Was in Deutschland noch fehlt, ist ein ordnungspolitischer Masterplan. Die Bundesnetzagentur veröffentlichte bereits im Frühjahr 2006 ein Konzept, das eine Versteigerung von Frequenzen vorsieht. Ähnliche Vorstellungen hat auch EU-Kommissarin Viviane Reding, die auf eine marktorientierte Nutzung des Frequenzspektrums drängt. Die Mobilfunk-Branche hofft, via DVB-H oder DMB gegen Entgelt neue (verschlüsselte) Dienste etablieren zu können.
Der Poker um die begehrten Frequenzen hat also bereits begonnen. Hörfunk- Inhalte könnten künftig auch auf Handys oder digitale Assistenten (PDA) übertragen und mit optischen Zusatzdiensten („Visual Radio“) angereichert werden. Angesichts sinkender Reichweiten bei jüngeren Zuhörern erhoffen sich viele Hörfunk-Programmmacher von solchen Möglichkeiten neue Impulse.
Solche Innovationen aber wollen auch TV- und Telekommunikations-Plattformen via DMB oder DVB-T anbieten und könnten dem guten alten Radio auf diese Weise schon bald Konkurrenz machen. Deshalb proben öffentlich-rechtliche wie privatwirtschaftliche Hörfunk-Programmanbieter jetzt den Schulterschluss. Die Direktorenkonferenz der Landesmedienanstalten (DLM) möchte gemeinsam mit der ARD erreichen, dass die neuen digitalen terrestrischen Übertragungskapazitäten vorrangig dem Rundfunk zugestanden werden.
Hörfunk als Randgröße?
DLM und ARD befürchten, dass aus dem Begleitmedium Hörfunk in einem Multiplex- Mix mit TV-nahen Diensten auf Dauer eine Randgröße werden könnte. „Aufgrund ihrer Marktmacht und wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit ist nicht auszuschließen, dass die Fernsehveranstalter und Telekommunikationsunternehmen die ganzen Frequenzbereiche okkupieren“, heißt es im DLMKonzept für die zukünftige Gestaltung des terrestrischen Hörfunks.
Für Gerd Bauer, Hörfunkbeauftragter der Direktorenkonferenz und Chef der saarländischen Landesmedienanstalt, kommt eine Versteigerung von Rundfunkfrequenzen oder gar ein Handel mit ihnen nicht in Frage. Vielmehr sollen nach seiner Auffassung zunächst alle Anbieter bereits existierender UKW-Programme vorrangig behandelt werden. Die technischen Kommissionen der Landesmedienanstalten sowie von ARD und ZDF schlugen im Dezember 2006 gemeinsam Leitlinien vor, die eine Teilung der Ressourcen vorsehen. Dabei sollen öffentlichrechtliche wie private Anbieter jeweils drei flächendeckende Frequenzbedeckungen erhalten. Der VHF-Bereich (Band III, Kanal 5-12) ist für DAB bzw. DMB vorgesehen, während DVB-T oder DVB-H über den UHF-Bereich (Band IV/V, Kanäle 21-69) ausgestrahlt werden sollen.
VPRT beklagt Ungleichgewicht
Der Verband Privater Rundfunk und Telemedien (VPRT) aber will mehr als nur fünfzig Prozent der Kapazitäten. Schließlich, so argumentiert VPRT-Vizepräsident Hans-Dieter Hillmoth, herrsche in der analogen Welt ein großes Ungleichgewicht zugunsten der ARD, das kompensiert werden müsse. Die ARD verfüge für ihre 56 Programme über eine Sendeleistung von insgesamt 21 Millionen Watt, während die 211 privatwirtschaftlichen Kanäle mit insgesamt 6,7 Millionen Watt auskommen müssten.
Neu ist, dass künftig auch kommerzielle bundesweite Hörfunk-Programme möglich sind. In Zusammenarbeit mit der Mobilfunk- Branche wären auch Rückkanäle denkbar. In der Konvergenz der Multiplex-Datenströme verschwimmen also die Grenzen zwischen Hörfunk und Fernsehen. Unklar ist noch, wer mit welcher Lizenz welche Plattform betreiben darf und ob sich die konkurrierenden Standards DMB und DVB-T im neuen System DXB vereinen lassen.
Suche nach Switch-off-Szenario
Auch wenn die RRC06 nach Jahren wieder eine neue Dynamik in die Diskussion über die Digitalisierung des Hörfunks gebracht hat, scheint ein analoger Switchoff 2015 kaum möglich. Dann wären nämlich die etwa 300 Millionen UKW-Empfänger in Deutschland auf einen Schlag wertlos. Der öffentliche Sturm der Entrüstung wäre vorprogrammiert. Deshalb sollen die Radiohörer Schritt für Schritt an die digitale Technik herangeführt werden. Wie schwierig das ist, hat das Beispiel DAB gezeigt. Der digitale Hörfunk-Standard spielt auch zwanzig Jahre nach seiner Standardisierung in Deutschland praktisch keine Rolle.
Branchen-Schätzungen gehen bundesweit von höchstens 100.000 DAB-Endgeräten aus. Inzwischen gilt die Technik vielen bereits als veraltet. Deshalb schlagen die Landesmedienanstalten ebenso wie ARD und VPRT bereits eine Ablösung des bislang benutzten Kompressionsstandards (MPEG 1, Layer 2) durch das neue Verfahren MPEG 4 AAC+ vor, das durch eine bessere Datenreduzierung bei geringeren Übertragungskosten eine doppelt so große Programmkapazität verspricht.
Planungssicherheit gefordert
Noch aber fehlen den Endgeräte-Herstellern für den neuen Standard MPEG 4 AAC+ (Advanced Audio Codec) geeignete Chips. Die meisten Automobilbauer gehen davon aus, dass MPEG-4-Geräte erst in etwa drei Jahren in die Fahrzeugelektronik integriert werden können. Wer bis dahin einen Neuwagen kauft und sich für DAB entscheidet, geht das Risiko ein, dass sein MPEG-1- Radio, sollte sich MPEG 4 durchsetzen, bald stumm bleibt. Verbraucher und Hersteller drängen deshalb auf Planungssicherheit.
20.03.2007 | Beitrag erstellt von in digital
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